Drecksau (2013)

OT: Filth - 97 Minuten - Komödie / Krimi / Drama
Drecksau (2013)
Kinostart: 29.11.2013
DVD-Start: 25.02.2014 - Blu-ray-Start: 25.02.2014
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Filmkritik zu Drecksau

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Sergeant Detective Bruce Robertson (James McAvoy) ist der Inbegriff von Korruption, Machtmissbrauch und Exzess. Um zu seiner Beförderung zu kommen, muss er in einem Mordfall so schnell wie möglich Ergebnisse präsentieren und dabei ist ihm jedes Mittel recht. Als er jedoch die Ermittlungen und das eigentliche Ziel der angestrebten Beförderung aus den Augen verliert, entwickelt sich die Polizeiarbeit schnell zu einer selbstzerstörerischen Abwärtsspirale.

Blickt man in die Filmgeschichte der Antihelden zurück, ist ihre Rolle durchwegs zu positiv konnotiert, denn die Experimente, die mit ihrer dunklen Seite angestellt worden sind, waren nicht mehr als die romantisierte Motivation nach persönlicher Freiheit und Selbstverwirklichung des Hauptprotagonisten, als dass von radikalen Wagnissen zu sprechen wäre. Wie immer ist das kommerzielle Qualitätskino selten originell und beruft sich hierbei lieber auf seine Fähigkeit gute Geschichten erzählen zu können. Sergeant Detective Robertson hingegen ist ein Arschloch par excellence, wie das Kino ihn nur selten auf die Leinwand gebracht hat. Genau genommen ist es dem Schriftsteller Irvine Welsh zu verdanken, der vor Jahren schon mit TRAINSPOTTING die Romanvorlage zum gleichnamigen Kultfilm lieferte. Sein Charakter aus dem Roman FILTH (1998) ist ganz gewiss keine radikale Antifigur wie Alexander DeLarge (CLOCKWORK ORANGE) aber ein raffinierter Scheißtyp vom Schlage des Bad Lieutenants wie ihn Werner Herzog zeigte. Diese Polizisten haben gemeinsam, dass sie Gebrochene, Getriebene sind und sich aus einem lebensbestimmenden Erlebnis heraus in tragische Figuren entwickelten. Ihre wohlwollenden Taten werden nicht im Gedanken an eine friedlichere Welt vollbracht, sie bedeuten Trotzhaltung von verzweifelten, eigentlich guten Menschen. Ihre konsequente Selbstzerstörung und zugleich die Entscheidung in bedeutenden Momenten das Richtige zu tun, nimmt dem Begriff „Antiheld“ seine bisherige Eindimensionalität weg, die zu einer reinen Imagefrage verkommen ist ohne der Gefühlswelt charakterisierende Dellen hinterlassen zu haben.

Kristallisiert sich der Plot in TRAINSPOTTING noch aus den Eigenarten einer illustren und drogenverseuchten Clique, legte Regisseur und Drehbuchautor John S. Baird trotz eines fantastisch spielenden Casts, die gesamte Verantwortung auf die Schultern eines einzigen Mannes. Wenn er scheitert, scheitert der Film. Und jetzt kommt das was diesen Film so mitreißend macht: James McAvoy macht alles richtig - er liefert eine unvergessliche Galavorstellung.

Welshs Figur des Detecitive Robertson zelebriert die Selbstdestruktion, er tut es jedoch nicht aus hedonistischen Beweggründen. Unentwegt empfindet er in seinem Leben einen Mangel, dem jede erdenkliche Amoralität in freudvoller Erschöpfung einen kurzen Moment der Befriedigung beschert. Leider – oder, zu unserem Glück – sind diese Phasen in ihrem geringen Ausmaß zwischen den Filmbildern verloren gegangen wie auch Robertsons Wahrnehmung sich zwischen horrorhaften Zuständen und manischer Euphorie verliert, so, dass wir selbst nicht immer sicher sein können welcher Launenhaftigkeit der Hauptprotagonist anheim gefallen ist. Es ist ein Tanz am Abgrund und Robertsons Intrigen scheinen derart virtuos improvisiert, dass alles seine vorgegebene Richtung zu haben scheint – die aber nur sein Schöpfer Welsh kennt. Die Unberechenbarkeit von dieser Figur lässt keinen Platz für konkrete Vermutungen. Sie handelt nicht aus langwierigen Planungen, sondern aus dem Impuls heraus. Intrigen, Drogen, Sex erfolgen bei Sergeant Detective Robertson im Freistil und während er alles unternimmt, um seine Beförderung voranzubringen, holt ihn nach und nach der eigene Wahnsinn ein, in dem er sich jederzeit vollends zu verlieren droht.

Atmosphärisch ist FILTH – wie die Genrekreuzung Drama und Komödie es schon andeutet – ein emotional rasanter Spurwechsel. Sich auf diese Wechsel einzustellen erfordert Zeit, doch sobald man in der Geschichte feststeckt, steckt man drin mit Detetctive Robertson fest und kommt bis zum Filmende nicht raus. Längst den Kinosaal verlassen, hat man immer noch nicht zur Ruhe gefunden. Traurig sein oder Lachen? Wie man Irvine Welsh kennt, sind seine Figuren zynisch und leicht comichaft überzeichnet und dennoch haben sie die Kraft inne, antiken Tragödien entstammen zu können.

Baird hat etwas unglaublich seltenes geschafft, indem er es spielend leicht aussehen ließ, einen monumentalen Scheißkerl sympathisch wirken zu lassen. Das mag an der Art liegen, wie hart mit dem Protagonisten ins Gericht gegangen wird, gleichsam wird auf das Mitleid des Publikums in Welsher Manier getrost verzichtet.

Fazit:
Und der Mordfall? Der ist nur von sekundärem Interesse. FILTH behandelt den Kampf eines rigorosen Grenzgängers, der seinen absoluten Verfall mit fehlgeleiteten Hoffnungen, Verdrängung und radikaler Selbstverleugnung führt. Was nach diesem Film übrig bleibt, ist nur das Gefühl des Aufgewühltseins. FILTH gehört zu den Top-Filmen dieses Jahres und es wäre eine Schande ihn verpasst zu haben. Allein McAvoys unvergessliche Darstellung eines karikaturhaften Wracks wird der Bewertung 9/10 gerecht. Wenn auch FILTH vielleicht nicht den Kultstatus von TRAINSPOTING erlangen wird, es ist ein großartiges Kinoerlebnis mit all seinen Höhen und Tiefen.

Wertung:
9/10 Punkte

Basagic Igor
Filmering.at
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Ø Wertung: 7.8/10 | Kritiken: 0 | Wertungen: 13
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