The Dirties (2013)

OT: The Dirties - 80 Minuten - Drama
The Dirties (2013)
Kinostart: Unbekannt
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu The Dirties

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We’re just here for the bad guys.

The Dirties ist einer dieser Filme übers Filmemachen, in denen im Film ein Film gedreht wird. Die Independentproduktion des Filmstudenten Matt Johnson geht aber einen wichtigen Schritt weiter, indem beide Ebenen vermischt werden. Somit bewegt sich der erste Kinofilm des Kanadiers irgendwo zwischen Mockumentary, Dokumentation und Spielfilm und profiliert sich mit schwarzem Humor als unterhaltsam-intellektuelles Kino.

Matt (Matt Johnson) und Owen (Owen Williams) drehen für einen Videokurs ihrer Highschool einen Film. Die beiden sind Außenseiter, werden täglich gemobbt und von Mitschülern verprügelt. Die Filmfans widmen sich in ihrem Film der Bekämpfung ihrer Peiniger, die sie The Dirties nennen. Sie selbst spielen die Hauptcharaktere, zwei Detektive, die den Dirties endgültig den Garaus machen wollen. Sie scheuen keine Mühen und drehen aufwendige Szenen, inspiriert von ihren Lieblingsfilmen, doch ihr Lehrer weiß die Gewalt und die vulgäre Sprache im Film gar nicht zu schätzen und möchte, dass sie einiges ändern und streichen. Auch als sie den Film der Klasse vorführen ernten sie nichts als Spott. Matt, frustriert mit der Situation, wird immer besessener von der Idee, sich an den Dirties zu rächen und vertieft sich mehr und mehr in den Film, der sein ganzes Leben einnimmt, entfernt sich dabei aber von seinem besten (und einzigen) Freund Owen.

Matt Johnson studiert an der Filmschule der York University in Toronto und ist für die Web-Serie Nirvana the Band the Show bekannt, die in einem ähnlichen Stil wie The Dirties gehalten ist: Auch hier geht es um die Umsetzung von Matts Ideen in dokumentarischem Stil. 2011 schreibt er seinen ersten Kurzfilm The Revenge Plot, in dem er auch wieder selbst mitspielt. In seinem ersten Kinofilm The Dirties spielt er nicht nur die Hauptrolle, sondern zeichnet auch für Regie, Drehbuch und Produktion verantwortlich. Gedreht wurde der Film mit einem Budget von nur 10 000 Dollar und einem improvisierten Skript an verschiedenen High-Schools in Toronto und Peterborough.

Viele der Szenen an Schulen und öffentlichen Orten sind natürlich und erst während des Drehs entstanden. Die Kinder aus der ersten Szene,- die, wie Matt und Owen, auch einen Film machen- sind nur eine zufällige Bekanntschaft. Außerdem sind viele Auseinandersetzungen zwischen den zwei Hauptdarstellern authentisch und spiegeln teilweise das tatsächliche Verhältnis zwischen den beiden wider: Während Matt für den Film kämpft, ist Owen weniger begeistert und spaltet sich immer mehr von Matts verrückten Ideen ab. Auch einige Mobbingszenen basieren auf tatsächlich Erlebtem von Owen und wurden von der Crew nachgespielt.

The Dirties spielt mit Dokumentarismus und Fiktion und bewegt sich irgendwo zwischen beidem, unterscheidet sich aber von einer Mockumentary insofern, als dass das Fiktionale gleichberechtigt neben dem Realen steht. Während die Handlung von The Dirties um das Entstehen eines Amateur- Jugendfilms kreist, schwingt auch immer die Entstehung des Films, den wir auf der Leinwand sehen, mit. Die Grenzen zwischen Film und tatsächlicher Produktionsweise bleiben unkenntlich und werden verwischt: Mit fortschreitender Handlung überträgt sich dies auch auf Matt, der sich immer mehr in fiktionalen Welten verloren sieht und nicht mehr zwischen Film und Realität unterscheiden kann und will. (Owen: „This is not a movie- this is just you and me...This is sick how you act like this all the time... How it‘s always a movie, how you are always acting [...] I don’t know what’s real with you..“).

Der Matt im Film ist ebenso wie der Regisseur dieses Films ein fanatischer Filmemacher. Als Owen und er in ihrem Vorhaben, die Dirties in ihrem Film zu töten und sich damit an ihnen zu rächen, scheitern (indem ihr Lehrer ihr „Meisterwerk“ zensiert), wächst aus dieser Niederlage in letzter Konsequenz die Idee, tatsächlich bewaffnet in die Schule einzumarschieren. Langsam geht die Fiktion in dokumentarischen Ernst über- kommt ins Schwanken, und wirkt sich auf den Zuseher aus, der seinerseits nicht weiß, wie ihm geschieht. Besessen von der Idee, die Dirties zu ermorden, beginnt Matt, alle zu notieren, die sie gemobbt haben. Owen, der das Ganze für einen Scherz hält, fällt es immer schwerer, zwischen Spaß und Ernst in Matts Worten zu unterscheiden.

Der zutiefst schwarze Humor („It’s like we’re planning a prom“) und die Anspielungen auf Filmklassiker („Give me the keys you fucking cocksucker“) machen The Dirties zu einem einmaligen Kinoerlebnis für Filmfans und Freunde des Zynismus. Die Beispiele für Nachahmung von Szenen aus bekannten Filmen sind nicht enden wollend; The Usual Suspects, der Burger-Dialog aus Pulp Fiction, Malcolm X, Tarantino- Anspielungen und The Royal Tenenbaums sind nur einige wenige Beispiele und reichen hin zu offensichtlichen, im Film ausgesprochenen Nachahmungen („That’s me doing the Joker from Dark Knight“).

Die wackelige, improvisierte Kameraführung simuliert Dokumentarismus und deutet den hohen Grad an Selbstreflexion des Films an, aber wirft auch Fragen auf. Spätestens als Matt alleine vor der Kamera steht, stellt sich die Frage nach dem Kameramann: Wieso wird dieser in einem dokumentarisch anmutenden Film nicht angesprochen oder thematisiert? Dadurch, dass er versteckt bleibt, nimmt der Zuseher seinen Platz ein und wird zum Komplizen des Geschehens, einem Voyeur, der nicht eingreift.

Fazit:
The Dirties ist zugleich witzig und intelligent: Er strahlt einerseits den jugendlichen Eifer des Filmemachens aus und thematisiert andererseits ein ernstes Thema auf erfrischend tragikomische Weise. Der Amoklauf an Schulen, der in Amerika von Medien und Filmen vielfach illustriert und behandelt wurde, erscheint hier in einem neuen Licht; verglichen mit Filmen wie Elephant wirkt die Auseinandersetzung mit dem Thema hier viel leichtfüßiger und unverklemmter. Dieser Umgang mit Gewalt und Humor erinnert an Tarantino- Filme und das nicht nur in den Reenactments. The Dirties beweist allen jungen Filmemachern ein für alle Mal, dass man auch mit bescheidenen Mitteln einen großartigen Film machen kann, wenn man nur verrückt genug ist.

Wertung:
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Erstellt: 20.10.2013