The Wolf of Wall Street (2013)

OT: The Wolf of Wall Street - 180 Minuten - Biographie / Komödie / Krimi / Drama
The Wolf of Wall Street (2013)
Kinostart: 17.01.2014
DVD-Start: 30.05.2014 - Blu-ray-Start: 30.05.2014
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Filmkritik zu The Wolf of Wall Street

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Mehr, mehr, mehr. Die Welt steht Kopf, kein Mensch kennt sich mehr aus - Aktienkurse gehen in die Höhe, fallen ins Bodenlose, Menschen werden Milliardäre, andere verlieren alles. Undurchsichtige Finanzprodukte werden verkauft, Wahnsinnsrenditen versprochen und auch wenn sich der Käufer nicht auskennt - die Broker und Finanzhaie haben den Durchblick. Oder etwa nicht? Geht es nach Martin Scorsese, bzw. seinem vibrierenden Meisterwerk The Wolf of Wall Street, dann dürfte die Welt nicht mehr lange stehen. Denn der Pessimismus mit dem er den Wahnsinn unserer Welt auf die Leinwand schmettert ist nicht zu übersehen - auch wenn er diesen mit hohem Unterhaltungswert und unerwartet viel Humor zelebriert.

Jordan Belfort (Leonardo DiCaprio) ist ein aufstrebender Börsenhai an der Wall Street. Doch noch bevor seine Karriere richtig durchstartet kommt es zu einer Finanzkrise und er verliert seinen Job. Das motiviert ihn allerdings erst recht: Inspiriert von seinem Mentor Mark Hanna (Matthew McConaughey) lernt er nicht nur die Vorzüge von Drogen und Alkohol kennen, er lernt auch die schmutzigen Tricks seiner Branche. Also gründet er seine eigene Firma und macht auf legal nicht gerade einwandfreie Weise ein gigantisches Vermögen. 49 Millionen Dollar im Jahr, seine wunderschöne Frau Naomi (Margot Robbie), eine riesen Villa und ein ausgeflipptes Büro samt Sexorgien und Drogenpartys sind sein Lohn. Doch Jordan und seine rechte Hand Donnie Azoff (Jonah Hill) kriegen nie genug, geraten ins Visier der Behörden und müssen sich überlegen wie sie ihr Geld am besten außer Land schaffen können…

Alles ist nur eine riesige Show! Investmentbanker, die vordergründig seriöse Anlagetipps für die Kunden ins Telefon säuseln und ihnen gigantische Gewinne versprechen, lachen die Kunden hinterrücks ob ihrer Dummheit aus. Was zählt ist nur die eigene Provision, ob die Kunden gewinnen oder verlieren ist völlig egal - so lange man nur immer wieder einen Dummen findet der investiert. Die eigene Firma wird für die Öffentlichkeit durch seriöse und vor Kraft strotzende Werbespots präsentiert - in Wahrheit handelt es sich um einen tobenden Affenstall in dem Drogen auf der täglichen Speisekarten stehen und extra Verbotsschilder aufgestellt werden müssen, die Sex während den Bürozeiten verbieten.

Martin Scorsese ist ein Meister darin dem Publikum verborgene Geheimwelten offen zu legen. In GoodFellas führte er uns präzise in den Kaninchenbau der Mafia ein und zeichnete über Jahrzehnte das Leben eines Mafiosi nach. Letzten Endes hatte man tatsächlich das Gefühl zu verstehen wie diese Menschen ticken und aus welchen Kodizes sich ihre Welt zusammensetzt. In Casino ging Scorsese sogar noch einen Schritt weiter und führte uns messerscharf in den inneren Kreis des Business ein. Wie ein Uhrwerk läuft die Maschinerie voran, scheffelt Geld und Scorsese gelang es meisterhaft dem Zuseher diese Mechaniken näher zu bringen. Nun widmet sich Gangster-Experte Scorsese den großen Gangstern unserer Zeit: Genau wie in Casino und GoodFellas werden wir auch in The Wolf of Wall Street in eine fremde Welt eingeführt und lernen ihre Regeln und Eigenheiten kennen.

Als Lehrmeister darf dabei Leonardo DiCaprio für die Kamera agieren. Und DiCaprios Jordan Belfort ist ein wahrhaft unzuverlässiger Erzähler, was die Wahrnehmungsdimensionen des Films zusätzlich interessant macht. Denn Scorsese legt den Film gnadenlos subjektiv an - die Geschichte basiert auf der Autobiographie von Jordan Belfort (ja, The Wolf of Wall Street basiert tatsächlich auf einer wahren Geschichte) und auf Gesprächen mit ihm und auch im Film sehen wir alles nur durch den (drogenbenebelten) Blick von Belfort selbst. Seine überhebliche und verzerrte Wahrnehmung der Welt führt dazu, dass man dem Gezeigten nie so ganz trauen kann und immer ein kleiner Restzweifel im Publikum zurückbleibt - eine Tatsache die auch im Film selbst an der einen oder anderen Stelle thematisiert wird.

Und genau dieser erzählerische Ansatz führt nun dazu, dass sich Scorsese quasi neu erfindet. Zwar hat Scorsese immer wieder bewiesen, dass er alle Genres beherrscht (vom Gangsterfilm, über das Historiendrama, das Dokumentarkino, den Horrorfilm, bis hin zum Familienfilm war alles dabei), aber es ist doch erstaunlich zu sehen, wie er sich hier in quasi bekanntes Terrain begibt (eine Variation des Gangsterfilms) und daraus etwas völlig Neues macht. Denn The Wolf of Wall Street ist eine abgedrehte, schrille und völlig over-the-top angelegte Satire die so frisch ist und so eng am Puls der Zeit klebt, dass es schwer ist zu glauben, dass eine 70 Jahre alte Regielegende hier am Ruder saß. Die wahre Überraschung des Films ist nicht nur, dass The Wolf of Wall Street unglaublich witzig ist (der witzigste Film, den Scorsese je gedreht hat um genau zu sein), sondern dass Scorsese den Film mit einer Verve inszeniert, die an einen aufstrebenden Regisseur in seinen 20ern erinnert.

Stellenweise wirbelt The Wolf of Wall Street nur so um den Zuseher herum und zerrt uns in einen knallbunten Strudel aus Drogenexzessen, Partys und des blanken Wahnsinns. Da wird zum Auftakt schon einmal Koks aus dem Hinterteil einer Prostituierten gezogen, Kleinwüchsige werden auf riesige Dartscheiben geworfen oder Regierungsbeamte mit Bargeld beworfen. Scorsese hat alle Bremsen abmontiert und steuert mit Vollgas auf die Klippe zu. Die Dialoge werden immer abstruser, die Exzesse ausschweifender und die Figuren bewegen sich mit rasendem Tempo auf den völligen Kollaps zu. Das überraschende ist eigentlich nur, dass The Wolf of Wall Street trotz seiner chaotischen Struktur eine kohärente Entwicklung durchläuft und letzten Endes ein klares Ziel vor Augen hat.

Denn zwischen all dem Spaß und dem hohen Unterhaltungswert, verbirgt Scorsese nicht nur die klassische Geschichte vom Aufstieg und Fall eines Verbrechers, er entwirft ein dermaßen überzogenes Bild - eine Art Hyperrealität auf Crack - dass man überraschenderweise gerade durch das Stilelement der Übertreibung ein akurates Bild unserer modernen Welt erhält. Scorsese reißt der Hochfinanz ihre verführerische Maske herunter und lässt uns in ihre hässliche Fratze starren. Es mag vielleicht seltsam erscheinen, aber tatsächlich hat kein anderer Film dieses Jahr ein dermaßen spannendes und genaues Bild unserer modernen Gesellschaft gezeichnet, als Martin Scorseses The Wolf of Wall Street.

Es gelingt ihm dabei alle Kontraste unterzubringen. Wir sehen die Ambivalenz von Jordan Belfort. Er ist ein Kotzbrocken, ein Arschloch, ein zugedröhnter Wichtigtuer - dennoch kann man auch als Zuseher nicht anders als an manchen Stellen seinem Charme und der Faszination seiner Welt zu erliegen. Gleichzeitig verschweigt Scorsese aber auch nicht die Kehrseite: Jordan Belfort ist ein Mann der alles hat, der aber dennoch nie zufrieden und glücklich sein kann. Haie können nicht still stehen sonst sterben sie und auch Jordan Belfort muss immer weiter gehen, auch wenn er sich sogar selbst bewusst ist, dass er auf eine Klippe zu marschiert. Scorsese macht aber auch diese irrationale Faszination zum Thema. Selbst Menschen die es eigentlich besser wissen müssten, werden vom Lebensstil Belforts angefixt - es gibt keinen Ausweg: So lange die Menschen den Wunsch und die Hoffnung haben selbst auf der Seite der Reichen zu stehen, so lange wird es auch Teufel wie Belfort geben, die ihnen ihre Seele gerne abkaufen.

Doch The Wolf of Wall Street ist nicht nur die große Scorsese-Show, er ist auch grandioses Darstellerkino. Der Film ist die fünfte Zusammenarbeit von Martin Scorsese und seiner neuen Muse Leonardo DiCaprio. Und es ist die vielleicht beste, aber mit Sicherheit die mutigste, Performance die man je von DiCaprio gesehen hat. In völliger Selbstaufopferung wirft er sich mit Haut und Haaren in die Rolle und entwirft ein faszinierendes Protrait eines drogen- und sexsüchtigen Rattenfängers, wie man es normal nur von einem jungen Pacino oder de Niro erwartet hätte. Weder Scorsese noch DiCaprio kennen hier ein Tabu und so wird der Exzess auch in aller Explizität zelebriert. Wäre die Welt gerecht, dann würde DiCaprio seinen ersten Oscar bekommen - allerdings lassen Thematik und Kompromisslosigkeit des Films eher befürchten, dass er bei der Oscarverleihung nur eine Außenseiterchance haben dürfte.

Doch The Wolf of Wall Street ist auch bis in die kleinste Nebenrolle famos besetzt. Nach seiner ausgezeichneten Leistung in Moneyball zeigt Jonah Hill auch in The Wolf of Wall Street, dass er auch abgesehen von der klassischen Mainstreamkomödie enorme Qualitäten besitzt. Es ist die pure Freude ihm dabei zuzusehen wie er den schrägen Sidekick von DiCaprio spielt. Die Entdeckung des Films ist allerdings die bildhübsche Margot Robbie, die zahlreiche Szenen an sich reißt. Aber auch die kleinen Parts hinterlassen oft starke Impressionen: Zum Beispiel die zwar winzige, aber enorm erinnerungswürdige Darbietung von Matthew McConaughey als exzentrischer Broker, oder auch Regisseur Rob Reiner als explosiver “Mad Max”.

Man kann The Wolf of Wall Street als aufschlussreichen Strudel bezeichnen. Der Film saugt einen von Anfang an auf, die packende Erzählung von Scorsese fesselt den Zuseher an die Story und in den folgenden drei Stunden kaut uns der Film durch, schüttelt uns wach, zerrt uns durch eine Exzesslandschaft und spuckt uns am Ende wieder aus. Aber was übrig bleibt ist nicht nur ein wilder Ritt und ein unterhaltsames Filmerlebnis. Nein, man hat viel eher den Eindruck, als wäre es tatsächlich jemandem gelungen zu visualisieren was alles in unserer Welt falsch läuft.

Fazit:
The Wolf of Wall Street ist der beste Film des Oscarjahres 2013/2014. Martin Scorsese kombiniert seinen Erfahrungsschatz aus einer 40-jährigen Karriere als Regisseur und seinen immer noch ausgeprägten jugendlichen Entdeckungsdrang und serviert seinen bis dato vielleicht ungewöhnlichsten Film. Erzählton, Tempo, Inszenierung und die schiere Lust am Filmen erinnern an einen aufstrebenden Regisseur in seinen 20ern, die Perfektion der Exekution und die erzählerische Dimension dahinter lassen aber dennoch den Regieveteranen erkennen. Martin Scorsese reißt der Hochfinanz ihre verführerische Maske herunter und lässt uns in ihre verzerrte Fratze blicken. Keinem Film ist es dieses Jahr besser gelungen den Wahnsinn unserer Welt in Bilder zu fassen, keiner bot auf dem Weg dorthin einen ähnlich kompromisslosen Ritt. Sowohl Leonardo DiCaprio, als auch Martin Scorsese agieren hier am Zenit ihres Könnens.

Wertung:
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Filmering.at
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Ø Wertung: 8.8/10 | Kritiken: 3 | Wertungen: 58
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