Fliegende Liebende (2013)

OT: Los amantes pasajeros - 90 Minuten - Komödie
Fliegende Liebende (2013)
Kinostart: 05.07.2013
DVD-Start: 07.11.2013 - Blu-ray-Start: 07.11.2013
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Filmkritik zu Fliegende Liebende

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In Pedro Almodòvars 19. Werk geht’s nicht um viel – bis auf das Leben aller Passagiere des Fluges 2549, aber erst zu einer anderen Geschichte. Eine kleine Unachtsamkeit eines Mitarbeiters vom Bodenpersonal (Antonio Banderas), die dafür sorgt, dass ein Fahrwerk für die Landung nicht mehr ausgefahren werden kann, und ein Flugbegleiter der unfähig ist zu lügen, lösen unter Passagieren der Business Class eine Verkettung  von almodòvaresken Selbstentblößungen aus.

Eine Weile lang fragt man sich worauf das hinauslaufen soll, doch offenbaren die Dialoge sehr früh, dass der Film nichts weiter will, als ein amüsant erotisch angehauchter Traum zu sein um, wie Almodòvar von sich selbst behauptet seine Flugangst zu verarbeiten. 80% des Films wandert das bizarre Spiel von der Business Klasse bis ins Cockpit und einen kleinen Abstecher zurück in die Touristenklasse. Zugegebenermaßen, auch für Almodòvar-Liebhaber bleibt das lüsterne Kammerspiel in diesem eng gehaltenen Setting eine lange Zeit ungewohnt.  

Seine Figuren waren schon immer offen und freizügig aber nie obszön. Diese Unschuld haben sie sich auch hier mit  kleineren Übertreibungen bewahren können. Dass es ihm jedes Mal gelingt  seinen Darstellern die kindlichen Züge anzueignen liegt daran, dass die wichtigsten unter ihnen zumindest einmal ein Bestandteil seiner märchenhaften Welt waren. Fast gleicht das Ensemble mit den vielen bekannten Gesichtern einem kleinen Familientreffen bei dem zwei oder drei wichtige Mitglieder wie Rossy de Palma oder Veronica Forquè bedauerlicherweise verhindert waren. Antonio Banderas und Penolope Cruz sind leider nur in Kurzauftritten zu sehen.

In LOS AMANTES PASAJEROS gibt es keine Geheimnisse, keine rätselhaften Gestalten nur kindliche Offenheit die kein Thema ausspart und keine fremden Zuhörer scheut. Nichts Neues, Almodòvars Figuren waren für mich schon immer ein lauter Prostest gegen unnötige Geheimnistuerei – die letztendlich doch nur angstbedingt ist, aus Angst vor den Mitmenschen. Auf eine wunderbar unbefangene Art bricht er mit allen stocksteifen Konversationsgepflogenheiten wie er es schon immer gemacht hat. Die Dialoglastigkeit dieses Filmes treibt es aufgrund des engen Beisammenseins im Flugzeug noch weiter an die Spitze als sonst. Zu Beginn wartet man noch darauf, dass die Geschichte an Fahrt gewinnt aber nach einer Weile  vernimmt man wie schön das sinnfreie Rumtreiben der Konversationen sein kann. Und doch macht irgendwann alles einen Sinn. Man muss die Protagonisten nur zu Wort kommen lassen und ihnen zuhören.

Nach dem horrorhaften Meisterstück DIE HAUT IN DER ICH WOHNE kommt LOS AMANTES PASAJEROS wie ein seichtes Picknick mit kleinen Dramen, Sex, Aberglaube, Drogen, Schlafmitteln und viel Alkohol  daher – im Angesicht des Todes alles in kleinen Häppchen serviert, damit sich bloß niemand verschluckt. Während die Passagiere der Touristenklasse mit Schlafmitteln zugedröhnt, das Theater um die bevorstehende Notlandung verschlafen, berauscht sich die Businessklasse an ihren persönlichen Tragödien und von allen vom Bordpersonal wärmstens empfohlenen Substanzen wie Cocktails und Meskalin. Gefühlexhibitionismus, schonungslose Ehrlichkeit, zivilisierter Exzess und Tragödien jeglichen Ausmaßes lassen vergessen, dass das Flugzeug nicht ordentlich landen wird.

Eigentlich könnte LOS AMANTES PASAJEROS eine geistvoll zurückhaltende Hommage an das Fernseherformat der Telenovela sein. Die Wohlhabenden und Berühmten haben die bedeutenderen Probleme als wir Normalos aus der Touristenklasse und wir werden erst dann geweckt wenn es wirklich ernst wird – in den Momenten wo wir alle gleich sind. Die unterschätze Bedrohlichkeit der Situation ging erst in der bedrückenden Soundkulisse eines auf der Landebahn schlitternden Flugzeugs und den Bildern eines menschenleeren Flughafens komplett auf. Hat dieses leichtgängige Picknick-Erlebnis mit dem plötzlich eintretenden Ernst nun doch eine Moralpointe? Es ist nie zu spät die Dinge klar zu stellen oder zu handeln, bevor es zu spät ist? Zu einfach. Wie wäre es mit: tun wir nicht so als ob wir niemals den gleichen Fehler zweimal im Leben begehen würden! Das klingt schon eher nach Pedro Almodòvar. Der Mann zelebriert die Farce im gewohnten Ton und im Gegensatz zu seiner Flugbegleiter-Crew beteuert er unermüdlich, dass alles gut ausgehen wird.  

Wer ins Kino geht um die eine Geschichte erzählt zu bekommen wird hier sichtlich enttäuscht werden. Das hat Almodòvar nie im Sinn gehabt. LOS AMANTES PASAJEROS, ist ein bisschen infantile Gedankenspielerei wie sich die erste Klasse in einer Symbiose von Telenovela und Screwball-Komödie der völligen Dekadenz hingibt, um dem Tod etwas gelassener in die Augen zu sehen. Als extrem übertrieben und fast kurios ist zu werten wie er dieses Soap Opera-Kitschprodukt ohne Umschweife um den sonst immer ausbleibenden Sex-Akt erweitert. Das Obszönste sind zwei, drei meskalingetränkte Sexszenen – aber wie soll es anders sein bei Almodòvar – auch die sind gerade einmal so anstößig, dass sie knapp vorbei am Kinderkanal schrammen.

Fazit:
Die sexuelle Komödie mit schwulen Flugbegleitern, sexuell orientierungslosen Flug-Kapitänen und exquisiten Business Class Passagieren bietet ein glücklich machendes Intermezzo bei dem man wirklich bereut nicht dabei gewesen zu sein. Leider ist anzumerken; um diesen Film zu mögen muss man seinen Regisseur lieben. Wer Almodòvar nicht kennt, sollte auf jeden Fall mit einem anderen Film beginnen. TODO SOBRO MI MADRE, HABLE CON ELLA, LA MALA EDUCATIÓN sind nur drei der vielen Klassiker, die dieser Auteur der ewigen Außenseiter geschaffen hat. Aber - wenn Almodòvar etwas Mittelmäßiges fabriziert, ist es immer noch gewissermaßen ein Geniestreich für sich.

Wertung:
6/10 Punkte
Filmering.at
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Ø Wertung: 7.3/10 | Kritiken: 0 | Wertungen: 3
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2013
Liste von arienette
Erstellt: 23.04.2013