Nebraska (2013)

OT: Nebraska - 115 Minuten - Abenteuer / Drama
Nebraska (2013)
Kinostart: 07.02.2014
DVD-Start: 30.05.2014 - Blu-ray-Start: 30.05.2014
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Filmkritik zu Nebraska

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In einer der gelungensten Szenen in “Nebraska“ sieht David Grant zu seinem alten Vater auf. Auch wortwörtlich, denn dabei hockt der Mitte Vierzig Jahre alte Mann gerade am Vordersitz-Boden eines so gut wie nagelneuen Trucks, geduckt und somit außer Sichtweite für die Leute am Straßenrand des kleinen Städtchens Hawthorne, die dem Fahrer bewundernd zuwinken: Woody Grant soll diesen Moment alleine genießen, denn für ihn ist es ist ein kleiner Triumph über die Serie von Widrigkeiten, die sich Leben nennt.

Mit „Nebraska“, seinem neuen Film, der am Donnerstag im Wettbewerb von Cannes Premiere feierte, erzählt Alexander Payne von der Annäherung eines Sohnes mit seinem alten Vater und von der US-amerikanischen Idee des „Pursuit of Happiness“. Woody (Bruce Dern) hat einen dieser zweideutigen Briefe erhalten, die Kundenfänger ausschicken. „Gratulation! Sie haben eine Million Dollar gewonnen!“ steht da groß und spektakulär. Und „Sofern Ihre Gewinnnummer mit unserer Hauptpreisnummer übereinstimmt“, kleingedruckt und versteckt. So weit wollte Woody aber gar nicht lesen, viel mehr will er schon immer einen neuen Truck, ein Stückchen Würde, Respekt und ja, Freiheit.

So formuliert es Woody freilich nicht, sondern er macht sich aus Montana einfach schon mal auf den Weg nach Lincoln, Nebraska, zur Auszahlungsstelle. Zu Fuß, allein, auf dem Highway. Immer wieder jedoch fängt die Polizei den „alten, verwirrt wirkenden Mann auf der Schnellstraße“ ein und liefert ihn wieder bei seiner keifenden Frau ab. Irgendwann aber nimmt sich einer seiner beiden Söhne, David (Will Forte), der Sache an und beschließt, mit ihm über das Wochenende dorthin zu fahren, eine Reise in die sichere Enttäuschung also, aber scheinbar der einzige Weg, um Woody von seiner fixen Idee, er sei nun Millionär, zu kurieren.

In Schwarz-Weiß gibt Payne seinem Roadmovie, der von den Rocky Mountains in den Mittleren Westen führt, einen speziell mehrdeutigen Look: Die Aufnahmen der Landschaften entlang von Davidy und Woodys Route, der kleinen Städte, in denen sie Halt machen, lassen oft den Eindruck entstehen, man blättere durch das Familienalbum der Grants, oder aber auch durch das symbolhafte Album „der US-amerikanischen Farmers-Familie“ abseits der Ballungszentren.

Als die beiden in Woodys Heimatstadt Hawthorne Station machen, weil dort noch Verwandte leben, bleibt Woodys (angeblicher) neuer finanzieller Status nicht lange geheim, und so viele ihm das „Glück“ gönnen, gibt es natürlich auch einige, die mit allen Mitteln versuchen, einen Anteil davon zu bekommen. Das Geld allerdings ist für Woody ohnehin Nebensache, mehr bedeutet ihm die gewisse Anerkennung, die er plötzlich erfährt, der Respekt, die Akzeptanz in der Gemeinschaft, die ihn quasi von klein auf als Alkoholiker kennt, der damals seine (auch nicht als Mauerblümchen bekannte) Frau geheiratet hat, weil sie schwanger war. Da schickt die Lokalzeitung also plötzlich einen Fotografen in das Haus seines Bruders – Woody soll aufs Titelblatt – und die eigenen Neffern werden ihn später überfallen, um ihm das Dokument zu rauben, das ihn zum Millionär macht.

Payne, dessen bester Film, womöglich „Sideways“ (2004) ist, obwohl auch sein „About Schmidt“ (2002) und „The Descendants“ (2011) Kritiker- wie Publikumserfolge waren, schreibt auch hier in seiner bewährt bitter-süßen Ausgewogenheit: Die auf den ersten Blick tragische Dimension seiner Figuren und mancher Szenen wirkt, mit oft feinem Humor ausbalanciert, auf den zweiten Blick gar nicht mehr so schwer, bis man dann doch noch einmal genauer hinsieht.

Nicht immer jedoch zeichnet Payne seine Charaktere wirklich tiefer gehend als bloße Klischees oder sogar Karikaturen. Hier die ewig keifende Mutter, die im Prinzip als bloßes Gimmick funktioniert, dort die völlig platten, immer dumm grinsenden Söhne des Onkels, die nur über Autos reden. Es bleibt nicht genug Zeit, um diese Figuren näher kennenzulernen, sie umreißen das Bild dieser ländlichen „klassischen Durchschnittsfamilie“ zwar, eine jener, die „dieses Land mit ihren eigenen Händen aufgebaut haben“, dienen hauptsächlich aber als Verstärker der Einsicht, die wir in die Beziehung zwischen David und Woody erhalten. Den sturen Vater, der dem Alter zumindest ein paar Vorteile abringt, indem er zum Beispiel nur noch das hört, was er hören will, und den der Sohn vor allem als Alkoholiker kennt, nimmt David während dieser Reise allmählich wieder – oder vielleicht gar zum ersten Mal - als vollwertigen Menschen wahr, mit einem Recht auf Wünsche und vor allem auch einer Vergangenheit.

Es ist wiederum dieser zweite und der dritte Blick, der in Paynes Filmen eine tiefe Melancholie freilegt; Woody, dem das soziale Unsichtbarwerden, das das Alt-Sein mit sich bringt, viel mehr Schrecken einjagt als dass er sein Gebiss irgendwo entlang von Schienengleisen verloren hat (und es dann, frisch wiedergefunden, ungewaschen in den Mund steckt), gewinnt hier zwar keine Million, aber ein Stück (Selbst-)Respekt wieder, einen kleinen Trotz-Kampf, und den Platz im Bewusstsein seines Sohnes. Dieser „sture Alte“ auch als ikonographisches Bild des „dying old man“, willigt während der Fahrt übrigens einmal widerwillig auf Davids Vorschlag ein, Mount Rushmore zu besuchen. „Lincoln hat gar kein Ohr“, stellt er dann angesichts der in Fels gemeißelten Männergesichter fest, und „da hatte überhaupt wohl jemand zu viel Zeit.“

Alexandra Zawia

Wertung:
7/10 Punkte
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