Michael Kohlhaas (2013)

OT: Michael Kohlhaas - 122 Minuten - Drama / Geschichte
Michael Kohlhaas (2013)
Kinostart: 07.11.2013
DVD-Start: 28.03.2014 - Blu-ray-Start: 28.03.2014
Will ich sehen
Liste
19122
Bewerten:

Filmkritik zu Michael Kohlhaas

Von am
In imposanten Cinemascope-Bildern vor einer malerischen Landschaft schleicht sich ein Unbehagen ein, das bereits in den ersten Szenen durch die Musik suggeriert wird. Doch die Ungerechtigkeit kündigt sich langsam und in prophetischen Trommelschlägen der im Hintergrund dröhnenden Musik an. Zunächst sind es nur zwei geschundene Pferde, dann ein misshandelter Knecht- doch was mit einer Lappalie begonnen hat, endet in einem blutigen Inferno, das niemand vorausgesehen hätte. Michael Kohlhaas - ein Mann gegen die Welt.

Michael Kohlhaas (Mads Mikkelsen), ein einfacher Pferdehändler, der geschäftlich unterwegs ist, wird beim Passieren einer Grenze aufgehalten und nach einem Passierschein gefragt. Da dies bisher nie notwendig war und rechtlich auch nicht verankert ist, besitzt Kohlhaas einen solchen nicht und muss zwei Rappen als Pfand dalassen. Als er wiederkommt, um die Tiere zu holen, findet er sie in einem äußerst schlechten Zustand vor. Seinen Knecht César (David Bennent), der gegen das Unrecht protestierte, hat man blutig geschlagen. Obwohl ihm davon abgeraten wird, leitet Kohlhaas rechtliche Schritte ein. Seine Klage wird abgelehnt, da der Baron (Swann Arlaud), der für das Unrecht verantwortlich ist, seine Beziehungen am Hof spielen lässt. Daraufhin spricht seine Frau Judith (Delphine Chuillot) bei der Prinzessin (Roxane Duran) für seine Sache vor und wird tödlich verletzt. Kohlhaas bringt seine Tochter Lisbeth (Mélusine Mayence) in Sicherheit und zieht mit einer Streitmacht in einen Krieg gegen den Baron und für Recht und Gerechtigkeit.

Michael Kohlhaas ist großes Kino mit wenig Mitteln: mit einem Budget von fünf Millionen liegt er weit unter dem Durchschnitt für einen historischen Film und wurde nur in zwei Monaten gedreht. Die Idee zu einem Film über Kleists Stoff war aber schon viel länger da: 25 Jahre wartete der französische Regisseur Arnaud des Pallières auf den richtigen Zeitpunkt für die Realisierung. Gemeinsam mit der Co-Autorin Christelle Berthevas nimmt er sich viele Freiheiten in Drehbuch und Inszenierung: Der deutsche Klassiker wird nach Frankreich in die Cevennen- eine archaischen Gebirgslandschaft im Süden des Landes- verlegt, die in diesem Film mehr als nur eine Kulisse ist.

Mag man sich zwar an manchen Stellen über die langatmigen Szenen ärgern, die in langen Einstellungen minutenlange Nahaufnahmen und Landschaftsbilder zeigen und ganz ohne Dialog auskommen, doch letztendlich kristallisiert sich genau dies als besondere Stärke des Films heraus. Denn es geht hier gerade nicht um das Aufeinanderfolgen von Aktionen und Handlungen, sondern um das Heranwachsen einer Katastrophe, die das Schicksal des Protagonisten ein für alle Mal besiegelt. Gleich einem Helden einer antiken Tragödie ist Kohlhaas die Schwere seiner Handlungen meistens nicht bewusst und er tappt Schritt für Schritt in seinen sicheren Untergang, aus dem es kein zurück mehr für ihn gibt.

Es sind die kleinen Momente und Gesten, in denen die Mücke zum Elefanten, die Klage über zwei geschundene Tiere zu einem Rachefeldzug, wächst. Nur so wird aus diesem potenziellen Stoff für einen aufwendigen Action-, Kostümfilm oder Western ein Film von Größe, der gesellschaftliche Ungerechtigkeit aufzeigt und sich jenseits von diesen Genres bewegt. Unterhaltsam ist hier erst einmal gar nichts - der Zuschauer hat mitzuleiden, soweit natürlich möglich, er ist Komplize und sieht den Gedanken der Selbstjustiz langsam im Protagonisten heranwachsen. Im Unausgesprochenen liegt der Raum für die eigenen Auseinandersetzungen zum Thema „Oben und Unten“. Ausschweifende Dialoge, aufwendige Ausstattung und Kostüme wie im historischen Kostümfilm üblich, werden uns hier erspart. Michael Kohlhaas ist ein minimalistischer Film geworden, der stattdessen mit einer malerischen Kulisse, einem düsteren Setting in herbstlichen Farben und einen überwältigenden Hauptdarsteller überzeugt.

Heinrich von Kleist lag die Auseinandersetzung des Lesers mit diesem universellen Konflikt, der ihn selbst beschäftigte, am Herzen. Die historische Figur des Michael Kohlhaas lebte im 16. Jahrhundert, in einer frühabsolutistischen Zeit, die einen Übergang zwischen Mittelalter und Absolutismus darstellte. Kohlhaas hatte sich jedoch noch nicht von der mittelalterlichen Vorstellung vom Recht des Einzelnen verabschiedet und kämpft um Gerechtigkeit in seiner Sache. In der Figur des Pferdehändlers manifestiert sich Kleists eigenes politisches Engagement, das er nur so zum Ausdruck bringen konnte, ohne der politischen Agitation beschuldigt zu werden.

Dieser zeitlose Konflikt ist in Arnaud des Pallières Film omnipräsent. Durch die stets im Hintergrund lauernde Musik und die melancholische Herbstlandschaft pflanzt sich langsam aber sicher eine düstere Gewissheit in den Kopf des Zusehers: Wenn Kohlhaas nicht pariert, wird etwas Schreckliches passieren. Durch Kohlhaas‘ Sturheit wird diese Gewissheit besiegelt und prophezeit sich bereits früh als Ahnung, jedoch nicht so sehr in blutigen Bildern, denn die meiste Zeit verbringt man damit, die Katastrophe zu erwarten.

Die Leistung von Mads Mikkelsen ist famos. Die Kamera klebt an seinem Gesicht, das teils fast alleinig den Film bestreitet: Wir sehen nicht nur jede Gefühlsregung, sondern auch jeden Tropfen Wasser, seine Gänsehaut und andere Veränderungen in der Mimik. Das besondere körperliche Engagement des Dänen macht den relativ sprachlosen Film erst möglich und füllt ihn mit Leben.

Fazit:
Michael Kohlhaas ist ein minimalistischer Film geworden, der mit einer fesselnden Bildsprache (Jeanne Lapoirie) und einem ebenso atemberaubenden Hauptdarsteller überzeugt. Auch die anstrengenden, langatmigen Szenen können nicht darüber hinwegtäuschen, dass Arnaud des Pallières und Christelle Berthevas den deutschen Literaturklassiker in eine angebrachte kinematografische Form gebracht haben, die für sich steht. Einzig befremdend wirkt hier, dass, ohne jegliche Erklärung, Michael Kohlhaas nach Frankreich verlegt wird. Kohlhaas ist hier ein Mann mit Akzent, dessen Vorgeschichte wir nicht kennenlernen. Erst in einer Szene gegen Schluss des Films erfahren wir in einem Gespräch, dass Kohlhaas Deutsch spricht- indem plötzlich für wenige Augenblicke ins Deutsche gewechselt wird. Die Szene ist weniger aufschlussreich als vielmehr verwirrend, da sie so garnicht hineinpasst.

Wertung:
8/10 Punkte
Filmering.at
Community
Ø Wertung: 7.7/10 | Kritiken: 0 | Wertungen: 3
10 /10
0%
9 /10
33%
8 /10
33%
7 /10
0%
6 /10
33%
5 /10
0%
4 /10
0%
3 /10
0%
2 /10
0%
1 /10
0%
Vielleicht interessiert dich auch
Zero Dark Thirty (2012)
12 Years a Slave (2013)
Dallas Buyers Club (2013)
Das Massaker von Katyn (2007)
Schindlers Liste (1993)
Lincoln (2012)
Die Jagd (2012)
Centurion (2010)
Alle Empfehlungen anzeigen
Der Film ist in diesen Listen
Will ich sehen
Liste von arthouse
Erstellt: 21.10.2013
Best of 2013
Liste von arienette
Erstellt: 12.06.2013
Alle Listen anzeigen