Inside Llewyn Davis (2013)

OT: Inside Llewyn Davis - 105 Minuten - Drama / Music
Inside Llewyn Davis (2013)
Kinostart: 06.12.2013
DVD-Start: 10.04.2014 - Blu-ray-Start: 10.04.2014
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Filmkritik zu Inside Llewyn Davis

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„Inside Llewyn Davis“ der Coen Brothers zählt momentan zu den Favoriten im Wettbewerb in Cannes. Spricht man „Llewyn“ schnell und nicht laut aus, sondern ein bisschen undeutlich, so als würde man es zwischen zwei Songs vor einer Handvoll Menschen in ein Mikrofon nuscheln, nachts, auf der schummrigen Bühne einer kleinen Kellerbar, sagen wir um vier Uhr früh, ca. 1960 in New York - dann klingt es fast wie „Dylan“.

Ob Llewyn Davis, der Titel-gebende Folkmusiker im neuen Film der Brüder Joel und Ethan Coen tatsächlich eine Variante des großen Bob Dylan ist, wird in den letzten Momenten dieses Films geklärt. Genauso gut könnte Llewyn ein Alter-Anti-Ego zum walisischen Dichter Dylan Thomas sein, der bekanntlich grandios dem Starruhm und dem harten Alkohol erlag.

Llewyns Leben jedenfalls befindet sich in der Rum-reichen Phase und Sterne sieht er höchstens, wenn er eine Schlägerei anzettelt. Er hantelt sich von Tag zu Tag, von Couch zu Couch, von aufkeimender Hoffnung zum Ersaufen der neuerlichen Enttäuschung. Vor kurzem hat er sich von seinem musikalischen Partner getrennt, nachdem ihre gemeinsame LP „If I Had Wings“ auch nicht wirklich abgehoben ist. Seitdem versucht er eine Solo-Karriere, als immens talentierter Musiker, der dem vermarktbaren Folk-Stil aber zuwiderläuft. Wäre er so gestrickt wie sein befreundetes Musiker-Paar Jean und Jim (Carey Mulligan und Justin Timberlake) – und wie deren Rollkragenpullover – dann hätte er vermutlich schon längst die Szene übernommen. Aber Llewyn hat nichts vom konservativen, religiös geprägten Kleinbürgertum in sich, aus dem die Folkmusik in den USA schöpfte.

Was sich wirklich „Inside Llewyn Davis“ abspielt, weiß man allerdings nie genau, auch wenn seine erste Solo-Platte so heißt, deren Songs wiederum vielen anderen aus dem Herzen sprechen. An die hundert Exemplare davon bunkert er in einem Karton, viel mehr wurden nicht produziert, quasi keine davon verkauft. Die gepflegt lakonische Depression ist eines der wiederkehrenden Themen in den Komödien der Coens, und in ihren gelungensten – wie dieser hier – verbinden sie damit eine ironische Melancholie, die sie von einem Drama nicht mehr unterscheidbar macht. In grandios arrangierten musikalischen Sequenzen – eine der besten, als Llewyn, Jim und Al Cody (gespielt von Adam Driver) die Folkversion von „Hey Mr President“ aufnehmen – wird nicht nur Llewyns Talent sichtbar, sondern auch die absurde Tatsache, dass es so oft eben nicht Talent ist, das zum Erfolg führt.

Diese Szenen, in denen hier tatsächlich Musik performt wird, hallen auch auf visueller Ebene nach. In ihren charakteristisch latente Unruhe erzeugenden fixen Totalen auf scheinbar „leere“ Umgebungen, ihre wie beiläufig und flüchtig wirkende Erfassung von Räumen, in denen sich die Kamera immer wie durch ein unsichtbares Schild des Protagonisten verdrängt bewegt, und ihren wiederkehrenden Figuren wie dem obligatorischen alten Boss von irgendetwas in einem halb verdunkelten Büro, erinnern die Coens hier auch an Filme von Woody Allen, wie zum Beispiel „Sweet Lowdown“ oder „Broadway Danny Rose“.

Der Blick auf ihre Figuren und banale wie essentielle Dinge des Lebens ist bei den Coens wie immer akademisch, gebrochen durch subtile (und manchmal weniger subtile)  Ironie - und es ist ein Blick auf ein Künstlertum, das sich selbst  zu treu ist, um sich zu verkaufen, wie auch auf ein New York, das weder falsche Versprechungen macht, noch sie hält. Oscar Isaac spielt seinen Llewyn völlig verinnerlicht, immer latent aggressiv, immer verständlich zu stolz um sich zu verbiegen. Nach außen hin sind seine Haare und sein Bart gerade nur so lang, dass er sie nicht kämmen muss um trotzdem noch als „gesellschaftsfähig“ zu gelten, aber die in ihm unaufhaltsam stärker aufsteigende bittere Enttäuschung darüber, wohl nie „von der Musik leben“ zu können, steht ihm dabei immer öfter im Weg.

Ist es denn Zeit, für Llewyn, den Traum von der Musik-Karriere aufzugeben und sich tatsächlich für die Marine zu melden? Oder würde sein Durchbruch ihn womöglich  ohnehin so enden lassen wie den drogensüchtigen, vor Geld strotzenden Jazzmusiker, (John Goodman), zu dem er eines Nachts ins Auto steigt, und der sich von einem jungen, wie einem Jack Kerouac-Roman entsprungenen, schweigsamen und nur Hie und Da wie aus dem Nichts Lyrik zitierenden Fahrer mit ungeklärtem Ziel durch die Gegend fahren lässt?

Wie ein wirklich guter Folk-Song infiltriert uns dieser Film mit der Traurigkeit hinter diesen Fragen – und beantwortet sie natürlich nicht.

Alexandra Zawia

Wertung:
8/10 Punkte
Filmering.at
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Ø Wertung: 8.1/10 | Kritiken: 1 | Wertungen: 17
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