No Country for Old Men (2007)

OT: No Country for Old Men - 122 Minuten - Drama/Thriller
No Country for Old Men (2007)
Kinostart: 29.02.2008
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
Will ich sehen
Liste
1898
Bewerten:

Filmkritik zu No Country for Old Men

Von am
Die Coens hatten in letzter Zeit wohl etwas mit einem kleinen Formtief zu kämpfen, und so muss man doch sagen, dass ihre letzten beiden Filme, Ein (un)möglicher Härtefall und Ladykillers, nur sehr wenig von ihrer gewohnten Genialität spüren ließen. Vielleicht würde sich so manch anderer Filmemacher freuen, wenn er solche Unterhaltungsfilme wie diese drehen könnte, aber betrachtet man sich die Filmographie der Coens, die immerhin solche Klassiker wie Blood Simple, Miller's Crossing, Barton Fink, Fargo, The Big Lebowski und O Brother, Where Art Thou? beinhaltet, so ist alles ausser ein Meisterwerk eine herbe Enttäuschung. Mit No Country for Old Men melden sie sich nun eindrucksvoll zurück und servieren ein Meisterwerk, das überdeutlich die Handschrift der Coens trägt: Der Film ist blutig, erzählt mit knochentrockenen, schwarzen Humor, und so brillant inszeniert, dass dem Zuseher das Blut in den Adern gefriert.

Das hätte sich Llewelyn Moss (Josh Brolin) wohl nicht einmal erträumen lassen: Als er eines Tages, wie jeden Tag, in der vertrockneten Einöde in West-Texas, die er sein Zuhause nennt, auf die Jagd geht, erspäht er durch das Zielfernrohr seines Gewehrs eine verlassene Ansammlung an Fahrzeugen. Doch der Ort ist nicht so verlassen, wie es zunächst den Anschein hat. Nach einem schiefgelaufenen Drogendeal findet er einen Haufen toter Mexikaner, ihre Waffen, eine Wagenladung an Heroin und einen Koffer mit 2 Millionen Dollar.

Llewelyns Entscheidung das Geld mit nach Hause in seinen Trailer zu nehmen, soll das Leben von einigen Menschen für immer verändern. Denn gleichzeitig gelingt dem Psychopathen Anton Chigurh (Javier Bardem) die Flucht aus der Haft, und sogleich heftet er sich an die Fersen von Llewelyn um das Geld zurückzuholen. Auch Carson Wells (Woody Harrelson) hat es auf das Geld abgesehen, und so steuert das Dreiergespann auf eine bluttriefende Katastrophe zu. Da Llewelyns Geldkoffer mit einem Peilsender versehen ist, ist ihm der kaltblütige Chigurh stets auf den Fersen, und Sheriff Bell (Tommy Lee Jones), der durch die immer länger werdende Blutspur auf den Fall aufmerksam wird, hinkt den anderen immer einen Schritt hinterher...

Pulitzer-Preisträger Cormac McCarthy lieferte die Romanvorlage für No Country for Old Men, und die Coens adaptieren die Vorlage mit Respekt, aber nicht ohne dem nötigen Wissen, dass eine Geschichte auf der Leinwand stets anders, als in literarischer Form erzählt werden muss. Die Geschichte selbst ist dabei nur ein knallhart reduziertes Knochengerüst das es den Coens erlaubt ihre Parabel um Moral und über Prinzipien im Leben zu erzählen. Dabei überlassen sie sehr viel dem Publikum, was spätestens beim Ende der Geschichte jedem klar werden sollte. Und obwohl sich manche darüber aufregen werden, dass die Coens die Interpretation der Auflösung ganz in die Hände des Publikums legen, ist es doch wunderschön zu sehen, dass sie ihre Zuseher ernst nehmen, und ihnen nicht alles vorkauen.

Dieses Knochengerüst der Geschichte wird von den Coens nicht nur dazu verwendet um möglichst viel dem Publikum zu überlassen, sondern vor allem wird es dazu verwendet um einen Rahmen für ihr inszenatorisches Talent zu legen, und ihnen auch die Chance zu geben philosophische Statements zu setzen. Eine wahre Meisterleistung ist den Coens allerdings bei den unzähligen Suspense- und Verfolgungsszenen gelungen, die wohl selbst den abgebrühtesten Filmfans noch einen kalten Schauer über den Rücken jagen lassen. Es gehört schon wirklich ausserordentlich viel Talent dazu, um solche Szenen, in dem Kontext in dem sie die Coens erzählen noch so eine Kraft zu verleihen.

Das wahrscheinlich bemerkenswerteste an No Country for Old Men, und was den Film auch innerhalb des Oeuvres der Coens noch hervorhebt, ist seine unglaublich präzise Balance zwischen komischen Szenen, und dem blanken Grauen. Natürlich sind gerade die Coens dafür berühmt, dass sie ihre Filme mit viel schwarzem Humor auflockern, und auch andere Filme, wie zum Beispiel der grandiose, von Tommy Lee Jones inszenierte, The Three Burials of Melquiades Estrada, schlugen in eine Kerbe, die dem Stil der Coens nicht unähnlich war, aber so unglaublich stark wie in No Country for Old Men, bekommt man die Abgründe zwischen Humor und packender Spannung, nur selten zu spüren.

Bereits die erste Verfolgungsjagd des Films hat es wirklich in sich, und es kommt nur wirklich ausgesprochen selten vor, dass man als Filmkritiker, oder auch als Fan, wenn man schon unzählige Filme gesehen hat, sagen kann, dass man etwas so noch nicht gesehen hat, aber über jene erste Verfolgungsjagd in No Country for Old Men, muss man genau das sagen: Es ist einfach ausserordentlich beeindruckend zu sehen wie Llewelyn Moss, kurz nachdem er den Koffer gefunden hat, plötzlich von zwei Autos durch die Wüste gejagt wird, sich an den Flussrand durchschlägt, ihm die Verfolger einen Hund nachhetzen, man sich schon in Sicherheit wiegt, als Llewelyn es schafft in den Fluss zu springen, ihm der Hund allerdings hinterherschwimmt, und nun die Verfolgung in der Strömung weitergeht. Auch wenn diese Verfolgung ein durchaus bizarres Bild abgibt, so vermittelt sie doch den Eindruck des blanken Grauens, und liefert einen sehr passenden Einstieg auf das, was noch kommen soll.

Die wirklich haarsträubenden und bis zum zerbersten spannenden Szenen ergeben sich nämlich erst danach, mit dem Auftreten von Javier Bardem, als psychopathischer Killer Anton Chigurh. In dieser Figur liegt der Knackpunkt des Films, denn als gnadenloser Todesengel, der sich dennoch an einen merkwürdigen persönlichen Verhaltenskodex zu halten scheint, dominiert er jede Szene und balanciert perfekt an der Grenze zur Überzeichnung (die er in keiner Sekunde überschreitet!) und liefert die mit Abstand beeindruckendste Performance des Films.

Wenn diese vernichtende Figur das erste Mal auftritt, mit seinem blassen Teint, seiner lächerlichen Frisur und seinem Schlachtschussapparat, der eigentlich dazu verwendet wird um Rindern vor dem Schlachten das Gehirn zu zerstören, und den Chigurh in Folge für alle sich bietenden Gelegenheiten benutzt, könnte man sich als Zuseher noch denken, dass Javier Bardem ganz einfach wirklich eine solch wahnsinnige Ausstrahlung hat, und dass dies wenig mit seinem Talent als Schauspieler zu tun hat. Doch jeder der seine Filme wie Before Night Falls, oder Das Meer in mir gesehen hat, weiß welch begnadete Wandlungsfähigkeit dieser Mensch besitzt.

Und was diese Figur so besonders auszeichnet, und was ich noch nie in dieser Form gesehen habe, ist seine Fähigkeit beim Publikum ambivalente Gefühle zu erzeugen. Die Filme der Coens beziehen immer einen gewissen Reiz dadurch, dass sie irgendwo im amerikanischen Hinterland, die schrägsten Typen, auf die ruhigen Hinterwäldler loslassen, und so die Dialoge zwischen diesen beiden Fraktionen immer das gewisse Etwas haben. Auch in No Country for Old Men sind es vor allem die vollkommen bizarren Situationen, die das, den Coens geneigte, Publikum zum Lachen bringen. Egal ob es jetzt Chigurh ist, der versucht seinen Wahnsinn unter Kontrolle zu halten (was ihm natürlich nicht gelingt), um ein eigentlich harmloses Gespräch mit dem Besitzer einer Tankstelle zu führen, oder ob es Llewelyn Moss ist, der sich über die Grenze nach Mexiko schlägt, und dort bluttriefend, das Shirt eines Amerikaners kaufen will. Es hat etwas wirklich bizarres und unwirkliches ansich, wenn diese vollkomen durchgeknallten Figuren, auf die gewöhnlichen Einwohner treffen.

Was nun die oben erwähnte Ambivalenz von Chirguh angeht, so schafft er es, dass man auf der einen Seite über sein Auftreten lachen kann, da es einfach etwas vollkommen unfassbares ansich hat, und man kann es sich als "normaler" Mensch nicht vorstellen, dass es wirklich so einen Wahnsinnigen gibt, aber dass man auf der anderen Seite nie den Respekt vor dieser Figur verliert. Das Auftreten von Javier Bardem ist so dermaßen unberechenbar und furchteinflößend, dass dem Zuseher jedes mal, wenn er die Leinwand betritt, das Herz ein Stockwerk tiefer rutscht.

Durch diesen aufwertenden Faktor schaffen es die Coens auch, selbst vermeidlich ausgelutschten Chase-Szenen noch neue Energie zu verpassen. Als bestes Beispiel sei hier die Hotelszene erwähnt, als Llewelyn Moss endlich den Peilsender in seiner Tasche entdeckt, und ihn herausnimmt. Gleichzeitig versucht er an der Hotelrezeption anzurufen, aber da dort niemand abhebt, ahnt der Zuseher bereits, dass der Verfolger bereits im Haus ist. Doch auch Llewelyn bereitet sich schon auf das Eintreffen seines Jägers vor, und schließlich kommt es zur ersten Konfrontation als man den Schatten von Chirguh unter der Tür erblickt, und beide Parteien überlegen wie sie nun weiterhandeln sollen. Im Prinzip ist es eine klassische Patt-Situation, bei der beide sehr aufmerksam sein müssen um nicht in die nachteilige Position zu rutschen. So erreicht diese Szene durch den sehr auf Suspense ausgerichteten Spannungsaufbau, der selbst Alfred Hitchcock eine reine Freude bereiten würde, eine wirklich unglaubliche Intensität. Hinzu kommt, dass es einfach unmöglich ist vorherzusagen, was Chigurh als nächstes machen wird, was die Spannungsschraube noch zusätzlich anzieht.

Auf Schauspielerseite ist No Country for Old Men schon beinahe überirdisch gut besetzt. Im Zentrum stehen selbstverständlich Josh Brolin und Javier Bardem, die sich ein unerbitterliches Katz- und Mausspiel liefern, aber auch Tommy Lee Jones und Woody Harrelson liefern eine großartige Leistung ab. Doch obwohl sie allesamt eine wirklich herausragende Performance vollbringen, bleibt es dennoch Javier Bardem, der als der klare Höhepunkt des Films in Erinnerung bleibt. Seine Darstellung mit wenigen Worten, und großer emotionaler Kraft ist mehr als oscarwürdig. Schon sehr lange habe ich keinen Schauspieler mehr den Oscar so sehr gewünscht wie Javier Bardem für No Country for Old Men.

Ein weiterer Glanzpunkt in No Country for Old Men ist die unglaublich poetische und wunderschöne Kameraarbeit von Roger Deakins, der sich auch für die genialen Westernbilder in Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford verantwortlich zeigt. Traditionsgemäß ist der Handlungsort in einem Coenfilm beinahe ein weiterer, stiller Protagonist, und so rückt er das staubtrockene West-Texas in ein ähnlich grandioses Bild, wie es die kalte Schneelandschaft in Fargo darbot. Beide Handlungsorte hatten großen Einfluss auf die Geschichte: Während die verschneite Landschaft in Fargo beinahe eine Begrenzung des Handlungsraums war, steht die trockene Wüste nun für die endlose Freiheit, die sich den Figuren theoretisch darbietet, wäre da nicht das gesuchte Geld (ein klassischer McGuffin), das sie alle in ihre vorgegebenen Bahnen drückt.

Alles in allem ist No Country for Old Men ein ganz großer Film, der sich mühelos auf den ersten Rang meiner Jahresliste, bis zu diesem Zeitpunkt schiebt. Es wäre schon wirklich eine sehr große Überraschung wenn es noch ein Film schaffen würde dieses Meisterwerk vom Rang als mein persönlicher Film des Jahres, zu stoßen. Die Coens werfen sich mit voller Kraft ins Oscarrennen und empfehlen sich für alle große Awards. Wenn dieser Film nicht zumindest für die Kategorien Bester Film, Beste Regie, Bestes Adaptiertes Drehbuch und Bester Nebendarsteller nominiert wird, dann muss schon etwas sehr schief laufen. Was den großen Sieg des Films allerdings verhindern könnte, ist dass er ganz klar zu unkommerziell ist, und viel in die Hände des Publikums legt.

Fazit:
Die Coens melden sich mit No Country for Old Men mehr als eindrucksvoll wieder zurück. Nachdem ihre letzten Filme Ladykillers und Ein (un)möglicher Härtefall geschwächelt hatten, servieren sie nun einen mit knochentrockenen, schwarzen Humor vorgetragenen, brutalen und kompromisslosen Film, in bester Tradition ihrer Meisterwerke Fargo und Blood Simple. Javier Bardem ist mit seiner Rolle als beängstigender Racheengel das klare Highlight des Films, und verdient sich den Oscar als Bester Nebendarsteller so sehr wie schon lange keiner mehr. No Country for Old Men ist ein ganz großer Film, und wird wohl am Ende des Jahres ganz oben auf vielen Hitlisten stehen. Aus meiner Sicht, ist es zumindest bis jetzt, ganz klar der Film des Jahres.

Wertung:
10/10 Punkten
Filmering.at
Community
Ø Wertung: 8.3/10 | Kritiken: 0 | Wertungen: 114
10 /10
25%
9 /10
39%
8 /10
13%
7 /10
11%
6 /10
3%
5 /10
3%
4 /10
2%
3 /10
3%
2 /10
1%
1 /10
2%
Vielleicht interessiert dich auch
True Grit (2010)
Miller
The Big Lebowski (1998)
Burn after reading - Wer verbrennt sich hier die Finger? (2008)
Blood Simple - Eine mörderische Nacht (1984)
Ein (un)möglicher Härtefall (2003)
A Serious Man (2009)
Hudsucker - Der große Sprung (1994)
Alle Empfehlungen anzeigen
Der Film ist in diesen Listen
USA
Liste von ali6k
Erstellt: 14.01.2015
Lieblingsfilme
Liste von Lucia
Erstellt: 14.12.2014
Will ich sehen
Liste von Doublehelix
Erstellt: 18.09.2014
Alle Listen anzeigen