4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage

OT: -  113 Minuten -  Drama
4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage
Kinostart: 25.01.2008
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage

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Die Goldene Palme in Cannes gilt immer noch, nach dem Oscar, als wichtigster Filmpreis der Welt, auch wenn die beiden Preise meistens völlig unterschiedliche Filme auszeichnen. Während es nur sehr selten vorkommt, dass es ein Film schafft, der nicht aus Hollywood, oder England stammt, in den wichtigen Oscarkategorien nominiert zu werden, sind es in Cannes zumeist die Filme, die vom Oscar übergangen werden, die ausgezeichnet werden. Manchmal ist es allerdings sehr fragwürdig, auf welcher Basis die Jury in Cannes ihre Preise vergibt, und so kommt es auch zu merkwürdigen Ergebnissen, wie der Sieg im letzten Jahr von The Wind that shakes the Barley, der sich unter anderem über Babel und Pan's Labyrinth hinwegsetzen konnte. Zwar könnte man auch in diesem Jahr argumentieren, dass mit Zodiac und No Country for Old Men Filme für die Goldene Palme nominiert waren, die als Gesamtpaket wohl besser sind, als der schlussendliche Gewinner 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage, aber dennoch ist dieser ein würdiger und großartiger Sieger.

Gabita (Laura Vasiliu) lebt mit ihrer besten Freundin Otilia (Anamria Marinca) gemeinsam in einem Zimmer im Studentenheim. Eines Tages verrät Gabita ihrer Freundin ein Geheimnis: Sie ist schwanger geworden, was in Rumänien, während den späten 80ern, unter der Gewaltherrschaft von Nicolae Ceausescu, durchaus für Probleme sorgen kann, denn eine Abtreibung wird vom Gesetz streng verboten. Also ist der offizielle Weg in eine Klinik ausgeschlossen, und stattdessen muss Gabita das Risiko einer illegalen Abtreibung in Kauf nehmen, da es für die Studentin unmöglich ist für ein Kind zu sorgen.

Mit der Hilfe von Otilias Freund Adi (Alex Potoecan), können die beiden Mädchen das nötige Geld aufbringen, um einen Eingriff durchführen zu lassen. Herr Bebe (Vlad Ivanov), ein mysteriöser Mann, der etwas günstiger als die anderen ist, stellt sich für die Abtreibung zur Verfügung. In einem Hotelzimmer treffen alle drei aufeinander, und Herr Bebe muss als erstes bemerken, dass ihn Gabita hinsichtlich dem Fortschritt ihrer Schwangerschaft belogen hat. Ab diesem Zeitpunkt nennt das Gesetz den Vorgang nicht mehr Abtreibung, sondern Mord. Als nächstes müssen die Zahlungsmodalitäten genauer besprochen werden. Doch Herr Bebe gibt sich nicht nur mit Geld zufrieden, sondern zwingt die beiden Mädchen mit ihm zu schlafen. Danach leitet er die primitive Prozedur ein, und verschwindet so schnell wie er gekommen ist...

Nicolae Ceausescu, der langjährige kommunistische Diktator Rumäniens, ließ die Abtreibung per Gesetz verbieten, um für den benötigten Nachwuchs zu sorgen. Gleichzeitig waren die Zeiten für Familien nicht gerade optimal, da das Land unter großer Armut litt, und so kam es dazu, dass sich viele Menschen entweder dazu gezwungen sahen, hohe Preise für Verhütungsmittel zu bezahlen, oder es eben ohne zu riskieren. Im schlechtesten Fall führte dieses Risiko zu einer ungewollten Schwangerschaft, was wieder zu einer weiteren Entscheidung führte: Soll man das Kind behalten, oder illegal abtreiben? Beides ist nicht riskiofrei, und viele Frauen starben durch die stümperhaften Abtreibungen.

Cristian Mungiu legt seinen Film am Ende der Ceausescu-Ära an, und zeichnet ein wirklich unglaublich reales, und greifbares Bild dieser Unterdrückungsherrschaft. Der geneigte Zuseher darf sich wohl noch auf zwei weitere Filme freuen, die sich ebenfalls mit dem Leben unter der Herrschaft von Nicolae Ceausescu auseinandersetzen. Denn 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage, dessen Titel sich übrigens auf die Dauer der Schwangerschaft bezieht, ist der erste Teil einer geplanten Trilogie, mit dem Titel "Tales from the Golden Age", wobei auch die beiden weiteren Filme das Leben unter dem Regime, anhand von Einzelschicksalen beleuchten werden.

Was 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage so auszeichnet, und was dem Film wohl auch bereits kurz nach seinem Screening, am Beginn des Filmfestivals von Cannes, den Favoritenrang einbrachte, ist seine unerbittliche Authentizität, die es spielend schafft den Zuseher in die Geschichte zu saugen, und der es auch zu verdanken ist, dass der Film an sehr vielen Stellen, heftig an die Nieren geht. Stilsicher und geradlinig, sind wohl die beiden Attribute, die die Inszenierung des Films am besten beschreiben. Cristian Mungiu hat sich auf keine Experimente eingelassen, sondern seine Geschichte schnörkellos auf die Leinwand gebracht.

Eingetaucht in kühle Farben, und gespielt vor kalten, abweisenden Sets, erzeugt er mit 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage mit Sicherheit keine angenehme Atmosphäre. Verstärkt wird dieser Effekt noch dadurch, dass er die Kamera immer sehr nahe bei den Figuren lässt, und seinen Schauspielern in minutenlangen Einstellungen alles abverlangt. Durch diese ausgesprochen langen, ohne einen Schnitt unterbrochenen Szenen, hat man als Zuseher stets das Gefühl mit dabei zu sein, und man wird auf äusserst unangenehme Weise beinahe zum Hinsehen gezwungen. Es gibt wirklich sehr viele Filme, speziell aus dem Lager der Festivalfilme, die auf sehr lange und statische Einstellungen setzen, aber während es bei den meisten höchstens einen einschläfernden Effekt hat, ist es schön sagen zu können, dass dieser Stil hier voll und ganz funktioniert.

Dabei hat man sich selbstverständlich kein einfaches Thema ausgesucht, denn Abtreibungen sorgen auch in der heutigen Zeit noch für Diskussionsstoff. Zwar hat sich die Abtreibung, speziell in Mitteleuropa, schon als etwas beinahe selbstverständliches eingebürgert, aber dennoch ist das Thema, vor allem in der östlichen Hemisphäre, noch lange nicht vom Tisch. Cristian Mungiu vermeidet es dabei tunlichst ein Statement in die eine oder die andere Richtung abzugeben. Er ist Künstler, und der Künstler soll nicht über Probleme entscheiden, er soll sie nur aufzeigen. Und so kommt es auch, dass Mungiu nur seine Geschichte erzählt. Das Bewerten überlässt er dem Zuseher.

Auf beinahe selbstverständliche Art und Weise baut er den Zuseher in die Welt ein, und befördert ihn, selbstverständlich unterstützt durch die observierende Kamera, in den Rang des Beobachters, der dazu verurteilt ist nicht eingreifen zu können, und so stets mit den Hauptfiguren mitleiden muss. Das Bestimmen der Haupfigur ist übrigens auch etwas, dass er dem Zuseher überlässt. An manchen Stellen ist Otillia die klare Protagonistin, da der Film an vielen Stellen aus ihrer Sicht erzählt wird, aber dann wirkt es an manch anderen Stellen auch wieder so, als wäre Gabita die Hauptfigur, da sich der Film schließlich auch um ihre Abtreibung dreht.

Die Diskussion wer denn nun die Hauptfgur ist, ist allerdings eine ganz und gar nebensächliche. Viel interessanter ist, wie es Cristian Mungiu schafft aus den alltälichsten Szenen Spannung herauszukitzeln, und dabei stets seine beunruhigende Stimmung beizubehalten. 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage schafft es den Zuseher auf eine Art und Weise zu schocken, wie es kein Saw 3, Hostel, oder wie sie alle heißen mögen, jemals schaffen könnte: Er schockt das Publikum durch das Zeigen der beinharten Realität, und so erreicht das subtile Bild des ausgeschiedenen Fötus, oder das Zeigen des Abtreibunsvogangs, mehr Kraft, als es alle Folterszenen in den oben erwähnten Filmen je schaffen könnten.

Fazit:
4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage erzeugt durch seine kalten Bilder, und durch seinen unglaublich observierenden Stil eine derartige Authentizität, dass er dem Zuseher noch sehr lange, schwer im Magen liegen wird. Es ist der harte, ungeschönte Realismus, mit dem Cristian Mungiu das Schicksal der Menschen in Rumänien unter der Herrschaft des kommunistischen Diktators Nicolae Ceausescu zeigt, gepaart mit der unglaublich ergreifenden, persönlichen Story, was seinen Film so aussergewöhnlich macht. Er verurteilt nicht, er zeigt nur und legt die Rezeption seines Films ganz in die Hände des Publikums. Dabei schafft er es einen erschütternden Film zu erschaffen, der manchen vielleicht zu langatmig sein wird, der es aber dennoch auf ausgezeichnete Weise schafft den Zuseher zu fordern, und zum Nachdenken zu bringen.

Wertung:
8/10 Punkte

Filmering.at
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Ø Wertung: 8.5/10 | Kritiken: 1 | Wertungen: 8
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