Meine keine Familie (2012)

OT: Meine keine Familie - 93 Minuten - Dokumentation
Meine keine Familie (2012)
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Kinostart: 19.04.2013
DVD-Start: 28.02.2014 - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Meine keine Familie

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Meine keine Familie thematisiert das Leben am Friedrichshof, der bekanntesten Kommune Österreichs und einer der beständigsten und größten ihrer Art in ganz Europa. 20 Jahre lang lebte hier eine von Otto Mühl gegründete und geleitete Gemeinschaft einen gesellschaftlichen Gegenentwurf jenseits des konventionellen Familienmodells mit den Prinzipen der freie Liebe und der Aufhebung des Privateigentums. Nachdem sich bereits 2011 Marie Kreutzer mit ihrem Spielfilm Die Vaterlosen der Problematik der Kommunenfamilie angenommen hat folgt nun ein weiterer Versuch, diesmal in Form eines Dokumentarfilms. Der Regisseur Paul-Julien Robert, 1979 in diese Kommune hineingeboren, ist hier jenseits einer kleinbürgerlichen Familie großgezogen worden. Ein vaterloser Junge, dessen Mutter meist im Ausland war und der dennoch von vielen Ersatzmüttern und -vätern in einer übergroßen Kommunenfamilie aufgezogen wurde. In Meine keine Familie untersucht Paul-Julien Robert unter Aufarbeitung des erstmals zugänglichen Archivmaterials, von dem aufgrund täglicher Dokumentation am Friedrichshof genügend vorhanden ist, seine eigene Kindheit und die der anderen Kommunenkinder. Das Ergebnis ist ein ehrlicher und beeindruckender Film und gleichzeitig ein wichtiges Stück Zeitgeschichte in Filmform.

“Der Versuch in Kommunen zu leben ist ein wichtiges gesellschaftliches Experiment, das die Weiterentwicklung und Veränderung der gegenwärtigen Kleinfamilien- Gesellschaft ermöglicht.”

So heißt es im Kommunenmanifest von 1973. Ein durchaus attraktives Konzept, das auch Roberts Mutter als junge Frau anzog und bei vielen anderen die Sehnsucht nach einem Leben jenseits der konventionellen Kleinfamilie stillte. Während des fast dreißigjährigen Bestehens der Kommune kam auch so manches Kind hier auf die Welt und wuchs in der Gemeinschaft auf: so auch Paul-Julien. Ohne zu wissen, wer sein leiblicher Vater ist- gleichzeitig jedoch von etlichen Vater- und Mutterfiguren umgeben- wuchs er hier bis zu seinem 12. Lebensjahr auf.

Ohne voreilige Urteile zu fällen und jenseits jeglicher Schwarzweißmalerei wird im Folgenden das Ideal eines Gesellschaftsentwurfs und die darin lebenden Menschen und ihr Scheitern gezeigt. Ohne die Moralkeule zu schwingen und die Skandale um Otto Mühl aussparend nähern wir uns dem Thema auf subtile Weise. Neugierig, aber auch kritisch betritt der Regisseur dieses Terrain, denn nach der anfänglich idyllischen Darstellung des Kommunenlebens wird auch sehr bald klar, dass- während die Erwachsenen verantwortungslos lebten- die Kinder es nicht leicht hatten.

Einen roten Faden durch den Film bilden die Gespräche des Regisseurs mit der eigenen Mutter, die er neugierig jedoch verständnisvoll zur Rede stellt. Auch andere ehemalige Kommunaden und Kommunadinnen kommen hier zu Wort, einige davon mittlerweile in einer konventionelle Kleinfamilie lebend mit Kindern. Was dabei vor Allem der jungen Generation, den ehemaligen Kommunenkindern, hervorgelockt wird ist äußerst spannend und so wahrscheinlich noch nicht gezeigt worden. Die meisten sehnten sich nach ihren Eltern, die abwesend waren oder sich nicht kümmerten, viele der Kinder wurden dem Kommunenvater Otto Mühl zur Erziehung überlassen und dieser war alles andere als liebevoll. Dabei wird Otto Mühl so gut als möglich aus dem Film ausgespart- der Fokus liegt auf den einzelnen Kommunenmitgliedern und deren Kindern.

Meine keine Familie ist keine Aufdeckungsstory, sondern kreist eigentlich um die Frage, was Familie ist. Mehrmals im Film sehen wir, wie Familienfotos gemacht werden; zu Beginn wird die Geburt Paul-Julien Roberts in einer kleinfamiliären Szene gezeigt, die jedoch fürs Fernsehen gespielt wurde, da seine Mutter an Geldnot litt und sich mit dem Dreh eines Lehrfilms für junge Mütter dazuverdiente. Tatsächlich gab es nie eine derartige Kleinfamilienidylle in seinem Leben: in der Kommune gab es zwar Hochzeiten und juristische Väter mussten bei der Geburt eines Kindes genannt werden- aber dies war alles nur Schein, diese gesellschaftlichen Rituale hatten hier keine Bedeutung. Geheiratet wurde um eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen, Väter brauchte man nur rein rechtlich, da alle Kinder gemeinschaftlich erzogen wurden. Auch die Liebe war frei, keiner band sich an einen anderen- keiner bildete eine separate Einheit als Kleinfamilie. Damit sagten sich die Erwachsenen von jeder Form von Verantwortung frei, auch für eine andere Person, für ein/ ihr Kind. Die freie Sexualität war ein Freibrief für die Männer wahllos Frauen schwängern zu können ohne sich je dafür verantworten zu müssen- dies muss auch Robert auf der Suche nach seinem Vater feststellen. Er ist jedoch nicht überrascht oder gar enttäuscht über die infantilen alten Männer, die allesamt keine Väter sein können.

Fazit:
Meine keine Familie, mit dem Wiener Dokumentarpreis ausgezeichnet, ist ein ambitionierter und äußerst sehenswerter Dokumentarfilm, der neue und authentische Einblicke in das Kommunenleben in Friedrichshof bietet. Der Fokus liegt auf den Kindern, die sich im Gegensatz zu ihren Eltern nicht freiwillig ausgesucht haben hier zu leben, sondern in diese Gemeinschaft hineingeboren wurden. Das im Film gezeigte Archivmaterial, das erstmals einem größeren Publikum sichtbar gemacht wurde, wirft einen genaueren Blick in den Alltag der Kommune und zeigt das Leben in der Gemeinschaft, das man bisher hauptsächlich aus dem Fernsehen und dem darin gezeigten spärlich Material kennt. Hier wird kritisch mit diesem Gesellschaftsentwurf umgegangen, aber gleichzeitig spürt man eine Faszination und Neugier gegenüber diesem grundsätzlich friedlich-idealistischen Lebensideal. Außerdem zeigt dieser Film wieder einmal, dass die österreichische Filmlandschaft auch jenseits der im Mainstream verankerten ein großes Potential an jungen und ambitionierten Dokumentarfilmemachern zu bieten hat.

Wertung:
8/10 Punkte
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