Upstream Color (2013)

OT: Upstream Color - 96 Minuten - Thriller / Romantik / SciFi / Mystery
Upstream Color (2013)
Kinostart: Unbekannt
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Upstream Color

Ein Film wie ein Rätsel. Diese Beschreibung trifft auf den neuen und zweiten Film des Ausnahmeregisseurs Shane Carruth (Primer, 2004), mit dem Titel Upstream Color, zu. Beim Betrachten seines Films stellt man sich als Zuschauer eine Frage, aus der dann zahlreiche andere hervorkommen: Was muss ein Film haben, um herausragend zu sein? Muss er kurzweilige Unterhaltung bieten? Eine gute und nicht vorhersehbare Story vorweisen? Intellektuell den Zuseher fordern – ihn emotional berühren? Muss ein Film einen Anreiz zum Nachdenken bieten? Zuordenbare Charaktere vorstellen? Den Zuschauer packen und bis zum Ende nicht mehr loslassen?

Fragen über Fragen und das sind nicht ansatzweise die Fragen, die Upstream Color bei seinem Zuseher verursacht und welche ich im Folgenden im Hinblick auf diesen Film versuchen werde zu beantworten. Eins steht bereits nach den ersten zehn Minuten fest: Upstream Color ist keine leichte Kost. Er fordert die höchste Aufmerksamkeit von seinem Zuschauer, der sich zudem auf die Narration und dem ausgewählten Erzähltempo des Filmemachers einlassen muss. Tut man dies nicht, bleibt Upstream Color ein großes und unlösbares Rätsel. Der Film dauert zwar nur 96 Minuten. Die Informationsbreite, die der Film in diesen Minuten vermittelt, kann mit der eines 180 Minuten Films verglichen werden.

Shane Carruth, der in diesem Film nicht nur als Regisseur, Drehbuchautor und Hauptdarsteller, sondern auch als Produzent, Kameramann und Komponist fungiert, präsentiert einen hochkomplexen Film. Die Inszenierung und Erzählweise ist elliptisch und zeitraffend. Darüber hinaus legt der Filmemacher keinen großen Wert auf Dialoge und überspringt ferner Genregrenzen mit Leichtigkeit. Sein Film ist aufgebaut wie ein Tryptichon und beginnt als Science-Fiction Film mit Body-Horror Elementen. Im weiteren Verlauf wandelt sich Upstream Color zu einer Romanze und endet daraufhin als Thriller. Aufgrund der nie klar skizzierten Handlung kann der Film auch als Mystery angesehen werden.

Wie gelingt es Shane Carruth seinen Zuschauer zu packen und durch diese Filmgattungen zu führen ohne das Interesse des Zusehers zu verlieren? Eine klare Antwort bietet hier seine Inszenierung und musikalische Untermalung der Szenen. Upstream Color visualisiert verschiedene Bestandaufnahmen, die teilweise chronologisch verknüpft werden, und überträgt dabei stets die Emotionen, welche die Charaktere empfinden, auf den Zuschauer. Die ersten beiden Hauptfiguren werden im ersten Akt eingeführt.

Kris (Amy Seimetz) wird von einem geheimnisvollen Mann (Andrew Sensenig) entführt. Dieser Mann lässt sie einen Wurm verschlucken, welcher sich unter ihrer Haut vermehrt. Ansonsten setzt er sie unter Drogen, lässt sie zahlreiche Dokumente unterschreiben und gelangt somit an ihr Geld. Nachdem Kris wieder zu sich kommt, entfernt sie die Würmer aus ihrem Körper und wird daraufhin bewusstlos. Im Anschluss dazu bringt der Entführer sie in eine Farm und führt dort ein Experiment mit ihr durch. Kris wird zuerst mit einem Schwein verbunden. Daraufhin entnimmt der Mann ein Stück vom Schwein und setzt es in Kris ein. Am nächsten Tag kommt Kris dann in ihrem Auto zu sich. Aufgrund ihrer langen Abwesenheit bei ihrer Arbeit verliert sie ihren Job und gleicht nun einem menschlichen Wrack. Sie kann sich nicht mehr an die letzten Tage erinnern und entdeckt die Wunden an ihrem Körper. Tage später lernt sie Jeff (Shane Carruth) kennen…

Hier beginnt auch der zweite Teil des Triptychons. Bei der eben beschriebenen Inhaltsangabe handelt es sich nur um die wahrgenommene Handlung des ersten Aktes. Das wirkliche Ausmaß der Geschichte und alle Antworten auf die Fragen, die beim Lesen der Zusammenfassung und beim Betrachten des Films auftreten, können nur beim zweiten und dritten Anschauen des Films beantwortet werden. Diese Tatsache sollte einem von vornherein bewusst sein. Während des ersten Betrachtens kann der Film erlebt werden. Es wird eine Emotion übertragen und eine Idee vermittelt. Der Film vermittelt eine hohe Fülle an Informationen und wirft, wie bereits thematisiert, viele Fragen auf, bietet aber aufgrund der ausgewählten Inszenierungs- und Erzählform während der ersten Filmerfahrung keine konkreten Antworten. Um diese zu erhalten, ist ein hohes Maß an Aufmerksamkeit und die Fähigkeit zu vernetzen erforderlich.

Bemerkenswert ist noch, dass der letzte Akt des Films voll und ganz ohne Dialoge auskommt. Es werden lediglich Fragmente eines Dialogs skizziert. Weiters sind Monologe zu hören und Zeilen aus einem Buch werden vorgelesen. Shane Carruth hat sich somit dazu entschlossen sein Rätsel nur mit sprachlichen Bruchstücken und musikalisch untermalten Szenen zu entschlüsseln. Den Zuschauer wird somit ein Gefühl vermittelt, doch den Rest muss er, genauso wie die Charaktere im Film, selbst erledigen.

Der nächste Kunstgriff in Upstream Color ist die Identifikation und das Spiel mit den Charakteren. Die Protagonistin Kris wird von Anfang an als Opfer eingeführt und erhält dadurch die Aufmerksamkeit und das Mitgefühl des Rezipienten. Ihre Geschichte begleitet durch den ganzen Film. Dagegen wird Jeff erst am Anfang des zweiten Akts eingeführt. Auch er ist ein psychisches Wrack und kann demnach mit Kris gleichgesetzt werden. Die Identifikation mit dieser Figur funktioniert ähnlich wie bei Kris. Allerdings gelingt es Carruth die Figur Jeff in ein zwiespältiges Licht zu stellen. Ob man Jeff vertrauen kann oder nicht, wird sich im weiteren Verlauf der Handlung noch zeigen. Der dritte Charakter ist auch der Bösewicht der Geschichte, zumindest wird er als solcher inszeniert. Ob der „Antagonist“ wirklich etwas Böses macht und welche Folgen sein Handeln mit sich ziehen, das erfahren wir aus der Sicht von Kris.

Die subjektive Wahrnehmung von Kris führt durch den Film und wird zugleich zum Thema. Ein Bewusstseinsstrom. Menschliche Erinnerungen. Subjektive Wahrnehmung. Daneben zeigt die „alleswissende“ Sicht den „Antagonisten“, der als solcher präsentiert wird. Die Macht der Medien par excellence. Sehen wir auch einen Bösewicht? Haben wir eine Chance etwas anderes in dieser Figur zu sehen? Was will der Film von uns? Worum geht es wirklich? Was möchte uns Shane Carruth mit seiner komplexen Herangehensweise sagen? Zuerst wird die Verbindung des Menschen zur Biologie in Verbindung mit dem Paradoxon Schein und Sein veranschaulicht.

Der biologische Kreislauf wird anhand der Entwicklung eines Wurms in eine Orchidee skizziert. Der Ausgangspunkt, hier der Wurm, durchläuft verschiedene Stationen (Tier, Mensch) bevor er zur wunderschönen Orchidee wird. Eine weitere Frage wirft sich auf: Hat die Wissenschaft etwas erschaffen, dass tatsächlich schön ist, oder verbergen sich dahinter tiefe Abgründe? Dies führt zur Frage nach unserer Identität. Wer sind wir wirklich und wissen wir, was die Gesellschaft und die darin integrierten Systeme wirklich mit uns machen? Können wir das kontrollieren? Fragen, die im Film mit Metaphern beantwortet werden. Der oben angeführte biologische Kreislauf ist eine von vielen Metaphern, die dieser Film vorweist.

Wie man als Leser dieser Rezension bereits gemerkt hat, vermittelt der Film Upstream Color beim ersten Betrachten nur Ideen und Anhaltspunkte. Doch was den Film sehenswert macht ist, dass man Upstream Color nicht nur sieht, sondern auch erlebt. Entweder man steigt in der Mitte des Films gedanklich aus der Handlung aus und bleibt bis zum Ende ahnungslos, äquivalent zur Verfassung der Charaktere im Moment des Ausstiegs, oder man verfolgt den Film konzentriert bis zum Ende und bekommt ein atemberaubendes Filmerlebnis geboten. Aufgrund seiner Struktur, denke ich, dass dieser Film die Zuschauer spalten wird. Einen Punkt Abzug gibt es von mir wegen der großen Fülle an Informationen, die in den 96 Minuten geboten werden. Es ist mir also nicht bewusst, ob alle aufgeworfenen Fragen im Film auch beantwortet werden und deshalb hat sich beim Eintritt des Abspanns ein bitterer Nachgeschmack bei mir gebildet. Dessen ungeachtet bietet Shane Carruth vor allem anspruchvollen Zusehern ein erstklassiges Filmerlebnis und verleiht nach dem Ende des Films das Gefühl ihn erneut sehen zu wollen.

Fazit:
Wirft man Terrence Malick und David Lynch in einen Mixer, kommt Shane Carruths verstörender Film Upstream Color heraus. Der zweite Spielfilm des Multitalents beeindruckt mit seiner extravaganten Inszenierung und verwirrt zu gleich mit seiner Erzählweise. Darüber hinaus wird in den 96 Minuten Laufzeit eine überaus große Fülle an Informationen geboten, die beim ersten Betrachten nicht komplett verarbeitet werden können, sodass viele Fragen, die während des ersten Betrachtens auftreten, am Ende nicht beantwortet werden können. Aufgrund dessen wird dieser Film sicherlich sein Publikum spalten. Jeder, der einen Film mit Anspruch sucht, sich fallen lässt und bis zum Ende konzentriert dabei bleibt, bekommt ein atemberaubendes und emotionales Erlebnis geboten. Wer einen geradlinigen und simplen Film sehen möchte, sollte einen großen Bogen um Upstream Color machen.

Wertung:
9/10 Punkte
Filmering.at
Community
Ø Wertung: 7/10 | Kritiken: 0 | Wertungen: 4
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