Laurence Anyways (2012)

OT: Laurence Anyways - 168 Minuten - Drama / Romanze
Laurence Anyways (2012)
Kinostart: 21.06.2013
DVD-Start: 23.01.2014 - Blu-ray-Start: 23.01.2014
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Filmkritik zu Laurence Anyways

Von am
Xavier Dolan, bis vor ein paar Jahren noch als vielversprechender Regienachwuchs gehandelt, gehört mit seinem jüngsten Werk nun zweifelsohne zu den ganz Großen. Auch wenn man es in Cannes noch nicht wahrhaben will und Laurence Anyways noch in der Nebenreihe Un certain regard handelt, ist Dolans Filmsprache mit seiner dritten Regiearbeit nun unverkennbar verfestigt in einem perfekten Zusammenspiel von Musik, Bildkomposition, Story und Schauspielensemble. Wie bereits I killed my mother und Heartbeats ist auch Laurence Anyways eine Geschichte über Außenseiter der Gesellschaft und unkonventionelle Liebe.

Laurence (Melvil Poupaud), ein Literaturprofessor Mitte 30, und Fred (Suzanne Clément) sind bereits seit zwei Jahren zusammen, als Laurence ihr gesteht, dass er sich als Frau in einem Männerkörper fühlt und in Zukunft als Frau durch die Welt gehen will. Fred fühlt sich zunächst verwirrt und belogen, sieht dann jedoch ein, dass sie Laurence trotz allem liebt und die Beiden gehen diesen Weg gemeinsam. Nicht nur ihre Beziehung ändert sich ab diesem Zeitpunkt drastisch, sondern auch Laurences ganzes Leben: die Beziehung zu seinen Eltern und seinen Arbeitskollegen, Freunden und seiner Umwelt. Auch Fred leidet zusehends darunter, die beiden trennen sich schließlich, doch kommen sie über ein ganzes Jahrzehnt nicht voneinander hinweg.

Laurence Anyways erzählt in einer epischen Liebesgeschichte, die sich über viele Jahre und Jahrzehnte zieht, eine Geschichte über Sexualität und Identität. Laurence offenbart Fred, dass er sterben muss- im übertragenen Sinne, denn sein Leben im falschen Körper macht ihn nicht glücklich. Dies stürzt auch Fred zunächst in eine Krise, doch sie beschließt, auch den weiblichen Laurence zu lieben mit allen Schwierigkeiten und dem gesellschaftlichen Druck, der dahinter steht. Dies ist aber alles andere als einfach: Laurence wird zusammengeschlagen und vom Rest des nur scheinbar toleranten Montreal ernten die Beiden immer wieder skeptische Blicke und blöde Kommentare.

Bereits bei der Anfangsmontage des aus dem Nebel steigenden Laurence, rhythmisch zur Musik von Fever Ray inszeniert, ist man gefesselt von der Magie dieses Films und vom sicheren Regiestil, der sich manchmal an der Grenze zum Musikvideo bewegt und mit Elementen des Melodrams und der Oper kokettiert. Natürlich ist hier vieles dick aufgetragen- zu schön sind die Wohnungen, zu ästhetisch die Mise-en-scène und zu stylish die Kostüme und Frisuren- jedoch alles im Sinne von Dolans Stil, der den Charme des Außenseitertums porträtiert.

Laurence Anyways fügt sich zu einem stimmigen Ganzen, das alle Aufmerksamkeit des Zusehers zu absorbieren und Emotionen, auch dank der fantastischen Kameraarbeit von Yves Bélanger, auf Bilderebene zu übertragen weiß. Auch Dolans Regiekünste überzeugen auf allen Ebenen: ihm ist nicht nur die Regiearbeit, sondern auch das Drehbuch, der Schnitt und die Kostüme zu verdanken. Ein makellos durchkomponiertes Drama, ein lückenloses Drehbuch, dessen elektrisierende Stimmung niemals einbricht und das trotz seiner deutlichen Überlange mit 150 Minuten die Stimmung aufrecht zu halten weiß.

Die Aufnahmen sind im heute unüblichen 4:3- Format zu sehen, teils auch experimentell inzeniert. Dolan arbeitet sowohl mit Slow Motion einerseits, aber auch mit schnellen Schnitten anderseits, Zooms und Schärfen bzw. Unschärfen. Für das Blockbuster geschulte Auge ein teilweise ungewöhnlicher Anblick, doch auch das Unzeitgemäße wirkt hier so unglaublich frisch und natürlich. Da gibt es die unscharfen Regenbilder ebenso wie scharfe Nahaufnahmen von Gesichtern. Oder eben eine Slow Motion- Aufnahme, einen unerwarteten Perspektivenwechsel in die Froschperspektive. Für inszenatorische Überraschungen ist viel Platz, der Zauber einer Situation wird in dem einen oder anderen Gänsehautmoment fast magisch vermittelt, mit einer faszinierenden Liebe fürs Detail. Dolan ist der hoffnungsvolle Storyteller der Freaks und Außenseiter der Gesellschaft, wie es Almodóvar in den 90ern oder Fassbinder in den 70ern waren.

Fazit:
Manchmal grenzen die Montagen von Dolan gar an Kitsch in ihrer Farbprächtigkeit, doch ist dieser Kitsch emotional immer gerechtfertigt und beschert dem Zuseher wahrhafte Gänsehautmomente. Laurence Anyways ist ein mutiger Film, mit einer besonderen Bilderlogik, die eben gerade durch die überraschend-erfrischende Komposition zutiefst berührt. Die Einen werden ihn lieben, die Anderen werden ihn zu dick aufgetragen finden, doch zweifelsohne ist Laurence Anyways einer der Filme des Jahres, der nicht so schnell vergessen werden kann. Eine Explosion von einem Film, ein Kunstwerk und ein Meisterwerk sondergleichen- ganz großes Kino, ganz große Empfehlung.

Wertung:
9/10 Punkte
Filmering.at
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Ø Wertung: 7.7/10 | Kritiken: 0 | Wertungen: 7
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