Paradies: Hoffnung (2013)

OT: Paradies: Hoffnung - 100 Minuten - Drama
Paradies: Hoffnung (2013)
Kinostart: 15.03.2013
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Paradies: Hoffnung

„Wir werden eine Menge Spaß haben, wir werden trainieren, bis die Schwarten krachen und die Kilos purzeln, meine Damen!“

Bereits beim Casting der weiblichen Hauptrolle sorgte Ulrich Seidl für Aufsehen. Für seinen Film Paradies: Hoffnung suchte er damals „dicke Mädchen“ und wurde deswegen kritisiert. Der Regisseur zeigte aber keine Scheu und präsentierte unabhängig davon im ersten Film seiner Trilogie korpulente Frauen, unter anderem Margarete Tiesel, in erotischen Positionen, arbeitete somit gegen den Schönheitswahn Hollywoods. Doch dabei blieb es nicht. Die Präsentation der „dicken“ Frauen sorgte darüber hinaus für Lacher bei den Zuschauern. Es muss hier aber erwähnt werden, dass Seidl sich nicht über korpulente Menschen lustig macht, sondern damit nur seinen Zuseher provoziert und demzufolge zum Denken anregt – die nötige Ernsthaftigkeit geht damit nicht verloren. Ulrich Seidls Art wird im Zuge dessen auch „humorvolle Gnadenlosigkeit“ genannt und genau diese präsentiert er uns auch in seinem letzten Paradies-Film – nur leider etwas abgeschwächt.

Die dreizehn jährige Melli (Melanie Lenz) ist zu dick und wird demzufolge von ihrer Tante Anna Maria (Maria Hofstätter; Paradies: Glaube) in ein Diät-Camp gefahren, um dort abzunehmen. Melli schließt dort recht schnell eine enge Freundschaft mit Verena (Verena Lehbauer) und verliebt sich in den Doktor (Joseph Lorenz) und Leiter des Camps. Der Haken: ihre erste große Liebe ist circa 40 Jahre älter als sie. Jedoch möchte Melli ihre Liebe ausleben und versucht infolgedessen die Aufmerksamkeit des Doktors zu gewinnen. Dies ist keine leichte Angelegenheit. Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich immer zuletzt und mithilfe dieser Hoffnung möchte Melli auch ihr Paradies finden…  

„Aber wieso glaubst du, dass er dich nicht mag?“
„Weiß nicht. Vielleicht findet er mich nicht hübsch oder so was.“
„Du bist doch voll hübsch“
„Aber er findet mich sicher zu dick“

Zu dick oder zu dünn? Die ewige Frage, die sich tausende Jugendliche heutzutage stellen. Ulrich Seidl behandelt diese Frage in Paradies: Hoffnung ehrlich und erinnert bei der visuellen Darstellung des Problems an den ersten Teil der Trilogie Paradies: Liebe. Melli und ihre Leidensgenossen werden im Diätcamp aus verschiedenen Perspektiven gezeigt. Damit setzt Seidl das Übergewicht der Teenager ins Schaufenster und erzeugt zugleich Lacher beim Zuschauer. Schenkelklopfer löst auch der bitterböse Diät-Song aus, den die Teenager singen müssen. Hierbei handelt es sich um einen realen Songtext, der aus Amerika stammt, und den Seidl und die Drehbuchautorin Veronika Franz zum Vorschein gebracht haben.

Aufgrund des provokativen und simplen Texts regt der Song zum Mitmachen an - eine spaßvolle Angelegenheit. Die Position der Kamera, bedient von Wolfgang Thaler und Ed Lachman, spielt hierbei eine wichtige Rolle. Diese bleibt in den aufgeführten Situationen standhaft und präsentiert diese aus einer beobachtenden Perspektive. Der gezeigte, ernste Umstand verwandelt sich damit in eine komödiantische Situation. Die Dialoge spielen bei dieser Darstellung keine Rolle. Diese erfüllen einen anderen Zweck. Sie übermitteln langsam aber sicher den tiefgreifenden Hintergrund des Problems: die familiären und sozialen Umstände der Jugendlichen.

„Sind eure Eltern geschieden?“
„Ja.“
„Ja.“
„Ja.“

Mellis Eltern sind geschieden. Ihre Mutter Teresa ist unglücklich und sucht die Liebe in Kenia (Paradies: Liebe), währenddessen sucht ihre Tochter Melli die Liebe in einem Diätcamp. Doch wieso kommunizieren Mutter und Tochter nicht miteinander? Das geschilderte Problem wurde bereits im ersten Film der Paradies-Trilogie angeführt aber nicht weiterhin behandelt. Auch in Paradies: Glaube wird nicht genauer darauf eingegangen. Zwar wird dadurch die Verbindung zum ersten Film aufgebaut aber sonst bleibt das Thema leider unberührt und wird damit als bestehendes gesellschaftliches Problem hingestellt. Die unglücklich verliebte Melli benötigt den mütterlichen Rat, dieser steht ihr jedoch nicht zur Verfügung. Zur Seite steht ihr ihre Freundin Verena.

„Na, meine Damen.
Feiern wir eine Party?“

Melli und Verena versuchen sich mit Süßigkeiten und Alkohol zu trösten bzw. heitern sich damit auf. Was folgt daraus? Zwei Teenager gehen in eine Bar, betrinken sich und wissen nicht mehr was sie tun. Auch diese Situation kann so alltäglich vorgefunden werden. Ulrich Seidl schneidet demnach ein weiteres, häufig diskutiertes sowie gesellschaftliches Thema an. Das Hauptaugenmerk des Films ist aber die Lolita-Geschichte. Melli verliebt sich in einen Mann, der auch ihr Vater sein könnte, und möchte diesen erobern. Die Herangehensweise der Protagonistin wird mit Unschuld und Unsicherheit begleitet. Ulrich Seidl zeichnet die Liebesgeschichte mit viel Feingefühl und Respekt und bricht deshalb kein Tabu. Der Zuseher wird aus diesem Grund lange auf die Folter gespannt und muss sich dann am Ende mit nicht nachvollziehbaren Handlungen eines Hauptcharakters sowie mit dem abrupten Ende des Haupthandlungsstrangs zufrieden geben.

Fazit:
Paradies: Hoffnung ist ein sehenswerter Film, der lustig ist ohne dabei die Ernsthaftigkeit der präsentierten Themen zu vergessen. Ulrich Seidl schneidet im letzten Teil seiner Paradies-Trilogie zahlreiche gesellschaftliche Sujets an, überträgt sie auf die jüngere Generation und bietet somit viel Diskussionsstoff. Trotzdem entsteht ein zwiespältiges Gefühl beim Zuschauer, denn einerseits werden Probleme wie Fettleibigkeit / Schönheitswahn, instabile Familienverhältnisse und die erste Liebe mit viel Feingefühl behandelt, andererseits fehlt dabei die nötige und schockierende Kompromisslosigkeit. Am Ende ertönt dann erneut der Diät-Song, der sicherlich länger im Gedächtnis bleiben wird, als die im Film angesprochenen Probleme.

Wertung:
7/10 Punkte
Filmering.at
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Ø Wertung: 6/10 | Kritiken: 0 | Wertungen: 7
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