Mitternachtskinder (2012)

OT: Midnight's Children - 146 Minuten - Drama
Mitternachtskinder (2012)
Kinostart: 28.03.2013
DVD-Start: 20.08.2013 - Blu-ray-Start: 20.08.2013
Will ich sehen
Liste
18479
Bewerten:

Filmkritik zu Mitternachtskinder

Von am
Filme, die auf literarischen Werken basieren haben den Nachteil, dass sie nicht als eigenständiges Werk gesehen werden können, sondern stets mit dem Roman verglichen und diesem gerecht werden müssen. Auch Mitternachtskinder, die filmische Realisierung des gleichnamigen Romans aus dem Jahr 1981 von Salman Rushdie, leidet unter diesem Vergleich. Der Film der Regisseurin Deepa Meta (Fire, Water), deren Filme mehrfach preisgekrönt wurden, entstand in enger Zusammenarbeit mit Rushdie und auf der Grundlage eines von ihm geschriebenen Drehbuchs, das den 600-seitigen Roman auf 130 Seiten zusammenfasst. Rushdie, ein hervorragender Schriftsteller und Geschichtenerzähler, scheitert jedoch sichtlich an seinem ersten Versuch als Drebuchautor, weil er trotz einiger Auslassungen dem Roman noch zu treu bleiben will, aber letztlich nicht die filmische Form für den Inhalt findet.

Um Schlag Mitternacht am 15. August 1947, am Tag der Unabhängigkeit Indiens werden Saleem (Satya Bhabha) und Shiva (Siddharth) geboren, die im Krankenhaus von ihrer Hebamme vertauscht werden - die Familie des einen ist bettelarm, die andere reich. Als die Eltern Jahre danach davon erfahren, schicken sie Saleem, aus reichem Haus, zu Onkel und Tante nach Pakistan, wo er die Konflikte in Pakistan und Bangladesch hautnah erlebt. Als einer von Hunderten “Mitternachtskindern”, denen magische Kräfte nachgesagt werden, besitzt Saleem telekinetische Fähigkeiten, die es ihm ermöglichen, alle Mitternachtskinder zu versammeln. Saleems Schicksal ist eng verwoben mit Shivas, dessen Leben er “gestohlen” hat und mit der Hexe Parvati (Shriya Saran), die er später heiratet. Die Kunst Salman Rushdies ist die Verbindung zwischen der geschichtlicher Realität und magischen Elementen und die Kreuzung zwischen historischen Ereignissen und biographischen Eckpunkten einer Familie.

Für die Fans der Erzählkunst Rushdies ist der Film allerdings eine Enttäuschung, da er die komplexe und weitausgeholte Erzählung des Romans auf eine stringente lineare Narration reduziert, die dem besonderen Zauber des Romans nicht das Wasser reichen kann. Der leichtfüßige Humor scheint im Drehbuch nur teils durch, ebenso wie der fließend-mündliche Erzählstil des Romans, der den Leser in mehrere Jahrzehnte einer Familien - und Landesgeschichte zieht wie in einen epischen Sog. Für die Anhänger des Romans wird gerade die Auslassung einiger besonderer Schlüsselmomente enttäuschend sein, da gerade jene Momente die nicht dem Herantreiben der Filmstory dienen, jedoch den besonderen Stil des Buches ausmachen, ausgelassen wurden.

Trotz einiger Kürzungen hat der Film mit 148 Minuten eine deutliche Überlänge und versucht vergebens, sich sklavisch an die literarische Vorlage zu halten und diese getreu wiederzugeben, indem er möglichst viel Inhalt hineinpresst ohne genauer auf die Figuren im Film einzugehen. Von einem Ereignis ins nächste und von einer Szene in die nächste verliert man als Zuseher zunehmend das Interesse an den Protagonisten und deren weiterer Entwicklung. Mitternachtskinder ist eines jener literarischen Werke, die besser unverfilmt geblieben wären, da sie dem Rezipienten in geschriebener Form Dinge vermitteln, für die man im Film eine neue Form finden müsste und diesen Spagat schafft Deepa Mehtas Film nicht wirklich.

Was man Mitternachtskinder zugute halten muss, ist dass er ein unverfilmbares - und für den Mainstream aufgrund seiner weitausholenden und langatmigen Erzählweise auch unlesbares - Werk einem breiten Kinopublikum zur Verfügung stellt. Der Film ist keine harte Kost, er ist spannend und enthält genügend Action, Liebe und einen sympathischen Protagonisten, außerdem thematisiert er die indische Geschichte des 20. Jahrhunderts auf eine besonders greifbare Art und Weise und mithilfe von magischen Allegorien (auch wenn der magische Realismus im Film zu flach zutage tritt). Im Grundansatz bleiben die Kernelemente des Romans erhalten, was den Inhalt auch für diejenigen greifbar, die nichts mit dem Prosawerk anfangen können. Die Erzählerstimme des Romans bleibt im Film erhalten und wird von keinem Geringeren als Salman Rushdie selbst gestellt - doch leider nur funktional eingesetzt um die Lücken zwischen den Erzählsprüngen zu schließen.

Fazit:
Mitternachtskinder erzählt die durchaus spannende Familiengeschichte von Saleem Sinai, der auf magische Weise mit der Geschichte Indiens und mit den “Mitternachtskindern” verbunden ist. Das filmische Produkt, das jedoch in der Umsetzung starke inszenatorische Mängel aufweist, nimmt man aufgrund des Engagements und in Hinblick auf das dahinterstehende literarische Werk wohlwollend hin. Die schillernde, bunte Inszenierung von Deepa Mehta und die packende indische Geschichte abseits des dominanten Bollywoodkinos täuscht jedoch nicht über die Schwächen des Drehbuchs hinweg. Das Ergebnis ist zwar ein eher mittelmäßiges, aber im Allgemeinen dennoch sehenswertes Kinoerlebnis.

Wertung:
6/10 Punkte
Filmering.at
Community
Ø Wertung: 6/10 | Kritiken: 0 | Wertungen: 1
10 /10
0%
9 /10
0%
8 /10
0%
7 /10
0%
6 /10
100%
5 /10
0%
4 /10
0%
3 /10
0%
2 /10
0%
1 /10
0%
Vielleicht interessiert dich auch
Keine Empfehlungen gefunden!
Der Film ist in diesen Listen
Keine Listen gefunden!