Museum Hours (2012)

OT: Museum Hours - 107 Minuten - Drama
Museum Hours (2012)
Kinostart: 14.12.2012
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Museum Hours

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Jem Cohen widmet Museum Hours seinen Eltern, die ihn von Kindesbeinen an ins Museum mitgenommen haben. Diese Liebe und Affinität zum Museum teilt der Filmemacher in seinem neuesten Film mit dem Kinopublikum. Den Anstoß für diesen Film gab ein Besuch im Bruegel-Saal im Kunsthistorischen Museum Wien. Cohen erkannte in den Gemälden des 16. Jahrhunderts etwas, das für seine filmischen Arbeiten ebenso bedeutend schien und was er auch mit einem Film auf die Leinwand projizieren wollte: das Nebeneinander von Vordergrund und Hintergrund im Bild. Kleine Details im größeren Zusammenhang, die in ihrer Wichtigkeit gleichberechtigt sind mit dem großen Sujet, wie sie auch in Bruegels Bildern zu finden sind, sind auf Ebene des Films wiederzuerkennen. Die meisten Spielfilme vernachlässigen dieses Nebeneinander zugunsten eines stringenten Handlungsverlaufs, nicht so Museum Hours. Zwar gibt es eine Rahmenhandlung, die sich durch den ganzen Film zieht, doch ist sie nicht der eigentliche Schlüssel zum Film.

Die Geschichte von Museum Hours ist schnell erzählt: Den Angelpunkt bildet eine Zufallsbekanntschaft zwischen einem Wiener Museumsaufseher und einer kanadischen Touristin, die nach Wien kommt um ihre im Koma liegende Cousine zu besuchen. Die Beiden treffen im Kunsthistorischen Museum in Wien aufeinander, wo Anne (Mary Margaret O'Hara) etwas verloren den Wiener Stadtplan studiert. Daraufhin wird sie von dem Museumsaufseher Johann (Bobby Sommer) angesprochen, der ihr seine Hilfe anbietet. Es entwickelt sich eine Freundschaft zwischen den beiden, Johann zeigt ihr besondere Ort in Wien, begleitet sie ins Krankenhaus und schenkt ihr eine Jahreskarte für das Museum. Für die Kanadierin wird das Museum zu einer Ruheoase, einem Zufluchtsort vor der Krankheit und dem drohenden Tod ihrer Cousine und vor der Einsamkeit in der unbekannten Stadt.

Zwischen Johann und Anne entspinnen sich Gespräche über Kunst, die Stadt, über das Leben und wie sie zusammenhängen. Das Museum fungiert dabei als ein Ort, der den Austausch zwischen dem Vergangenen und dem Gegenwärtigen und somit eine höhere Erkenntnis über das Leben an sich ermöglicht. Kann Kunst etwas über unser alltägliches Leben aussagen? Kann man auch aus den alten Meistern, deren Werke 500 Jahre alt sind Bezüge zu unserem heutigen Leben herstellen? Cohen hat die Frage für sich mit einem klaren Ja beantwortet und schafft es auch seine Zuseher davon zu überzeugen ohne allzu bemüht belehrend zu wirken. Ganz im Gegenteil scheint das Thema leichtfüßig und erfrischend bearbeitet: die Kamera wandert dabei durch Wien und filmt Nebensächliches, Schönes und Vergessenes. Der Blick fürs Detail, ja der Blick überhaupt ist das eigentliche Thema des Films: Das genaue Hinsehen, sei es bei Kunstwerken oder im Alltag. Denn die eigentliche Leistung der Kunst ist, dass sie den Blick für das sonst verborgen gebliebene schärft, sie öffnet die Pforten der Wahrnehmung.

Museum Hours plätschert von einem Moment zum Nächsten, ohne völlig assoziativ zu wirken. Er fesselt den Kinozuseher durch seinen Museumcharakter: Ein Sammelsurium an Entdeckungen und Eindrücken werden präsentiert und „ausgestellt“. Einzelne Szenen und Bilder sprechen für sich und können je nach Geschmack ge- oder missfallen. So zum Beispiel eine Szene, in der die Singer/ Songwriterin Anne vor dem Fenster ihrer beklemmend kleinen Unterkunft sitzt und leise singt, realisiert in einer Bildkomposition, die von den großen Malern inspiriert scheint. Eine andere Sequenz zeigt Johann, der der im Koma liegenden Cousine Rembrandts Selbstporträts zu beschreiben versucht. Dann folgen Szenen aus der Wiener Kaffeehauskultur und aus der Welt der ex-jugoslawischen Migranten, die eine Party feiern.

Nicht zuletzt gibt es auch die beschreibenden Elemente im Film, beispielsweise wird eine Museumsführerin gezeigt, die die Bilder von Bruegel aufzuschlüsseln sucht. Auch hier wie bei den ausgestellten Objekten im Museum gilt, dass solche Führungen natürlich nicht jedermanns Sache sind und im Film auch etwas zu steif wirken können, jedoch ihren Zweck in einem Film über Kunst und deren Ausstellung erfüllen und nicht fehlen dürfen. Gegen Ende des Films- quasi als Conclusio- sehen wir eine Szene, in der eine Frau eine ansteigende Straße hinaufgeht. Das Bild wird kommentiert und interpretiert, als sei es ein Kunstwerk, das es zu begreifen gilt. Der Hintergrund wird beschrieben, ebenso die Wirkung und Inszenierung der Bildkomposition, auch die Farben werden nicht als selbstverständlich angenommen. Überhaupt scheint Cohen nichts bedenkenlos hinzunehmen, weder den Alltag, noch die Stadt, in der wir leben und die wir zu kennen glauben.

Fazit:
Der Film schafft es, den Blick den wir auf ein Gemälde werfen auf den Blick der Kamera zu übertragen: sie hält den Alltag in seinen ruhigen Augenblicken fest, macht seine Stillleben für uns sichtbar. Museum Hours ist ein einzigartiger und sehenswerter Film, vor
Allem (aber nicht nur) für Wiener: er enthüllt die alten Schätze der Stadt aufs Neue und zeigt uns ihre verstaubten Schönheiten, die direkt vor unserer Nase liegen, die Kunst, die Museen und den Wiener Alltag. Das alles sehen wir durch die Augen einer Fremden und eines alteingesessenen Wieners, der dank ihr die Stadt mit neuen Augen sehen kann.

Wertung:
9/10 Punkte
Filmering.at
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