Der Aufsteiger (2011)

OT: L'exercice de l'État - 115 Minuten - Drama
Der Aufsteiger (2011)
Kinostart: 08.02.2013
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Der Aufsteiger

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Drehbuchautor und Regisseur Pierre Schoeller arbeitete sieben Jahre lang an L'exercise de l'état, so der original-französische Titel des Films, der sich um Macht und Machenschaften in der französischen Regierung dreht. Bereits bei seinem Vorgängerfilm Versailles (2008) thematisierte Schoeller die aktuelle französische Gesellschaft. Nun ist es die moderne Politik, die er zum Thema seines neuen Films macht.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht der neue Verkehrsminister Frankreichs: Bertrand Saint-Jean (Olivier Gourmet), Aufsteiger und unbeschriebenes Blatt in der Politik. Als sich in den Ardennen ein Busunglück mit Dutzenden Toten ereignet wird er mitten in der Nacht geweckt und muss als Vertreter der Regierung zur Unfallstelle, um sein tiefstes Beileid zu bekunden. Daraufhin folgt gleich sein nächster Termin vor einem Fernsehtermin, bei dem er zur Privatisierung der französischen Bahnhöfe befragt wird. Selbstsicher antwortet er, solange er in dieser Position sei, würde es keine Privatisierung geben. Doch bald wird er vonseiten des Kabinetts zum Gegenteil gezwungen und muss die Entscheidung, doch zu privatisieren, vor den Medien rechtfertigen. Dabei versucht er trotz dieses Vertrauensbruchs gegenüber der Öffentlichkeit sein Gesicht zu bewahren, was sich als äußerst schwierig herausstellt.

Die Figuren des Films sind nicht psychologisch motiviert, ein Einblick ins Innere des Ministers wird nur beim anfänglichen Quereinstieg in sein Unterbewusstein gewährt: der Film beginnt mit einem surrealen Szenario, in dem schwarz verhüllte Gestalten ihr Unwesen treiben. In einem Amtszimmer räkelt sich eine nackte Frau und kriecht entschlossen in das aufgesperrte Maul eines Krokodils. Bernard erwacht aus seinem Traum, kurz darauf klingelt das Telefon- ein ruhiger Schlaf ist ihm nicht vergönnt. Er hetzt von einem Termin zum anderen und ebenso treibend gestaltet sich der Film, es gibt wenig Anhaltspunkte in der Story und es bleibt kaum Zeit zum Durchatmen oder sich in die Figuren hineinzuversetzen. Ein Meeting jagt das andere und wenn Bertrand nicht gerade in einer Besprechung ist oder vor der Presse sprechen muss sitzt er in seiner Privatlimousine und telefoniert oder bespricht etwas mit seiner Beraterin (Zabou Breitman). Eine ruhige Minute gibt es nicht, sogar auf der Kloschüssel nimmt er ein wichtiges Telefonat entgegen.

Der Aufsteiger ist vor Allem ein Porträt der Hinterzimmer der Macht, in denen die einflussreichen, stillen Fädenzieher sitzen. Diese Leute stehen hinter den in der Öffentlichkeit auftretenden Politikern, die wir für die Verantwortungsträger halten. Politik ist hier nicht gleich Politik, sondern viel eher Image und Repräsentation nach Außen. Die moderne Politik und die modernen Politiker werden als Produkte einer Imagefabrik und eines Medienspiels aufgedeckt - die Politik ist bloßes Theater für die Öffentlichkeit. Der Beruf des Politikers wird als höchst ambivalent charakterisiert: einerseits verfolgen sie ihre eigene Linie, andererseits bestimmen die Entscheidungsträger im Hintergrund im rechten Moment was zu tun ist. Vor dem Hintergrund dieser Interessen- und Lobbypolitik gilt es nun, sich zu behaupten oder sich zu fügen - Bertrand bewegt sich irgendwie dazwischen. Der Verkehrsminister Saint-Jean ist eher ein Durchschnittsmensch, der von seinen Beratern durch die einzelnen Stationen seiner Pflichten gejagt wird.

Einzuordnen ist der Film weder als Politdrama, noch als Politthriller, obwohl einzelne Elemente und die Ästhetik solcher Genres übernommen worden sind und man sich als Zuseher zu Beginn noch eine dramatische Wendung erwartet. Diese Erwartungen werden in Der Aufsteiger schnell zerstört, der Film bewegt sich unabhängig zwischen allen Genres, als Politsatire kann er aufgrund seiner fehlenden Bissigkeit ebensowenig durchgehen. Pierre Schoeller hat sich für diesen Film sicherlich nicht zum Ziel genommen, die Zuseher zu unterhalten, sie zu berühren, zum Weinen oder zum Lachen zu bringen. Es entwickelt sich ein erschreckend distanziertes Polittheater, das sich relativ kühl präsentiert und dennoch nicht völlig unberührt lässt. Denn der Moment, die plötzliche Wendung, als der Verkehrsminister ironischerweise selbst einen schweren Autounfall hat, verändert Bertrand. Der Tod seines Chauffeurs und die Zeit, die er im Krankenhaus liegend gewinnt, werfen ihn aus der Bahn und lassen ihn nicht mehr fehlerfrei funktionieren.

Fazit:
Der Aufsteiger ist eine neue, treibende Art von Kino, das sich jenseits der traditionellen Unterhaltungsmechanismen bewegt. Pierre Schoeller inszeniert ein kühles Kammerspiel in den Hinterzimmern der Macht, das Einblick zu geben sucht in die Mechanismen der politischen Machenschaften. Hervorragende Schauspieler - hier vor Allem der Stabschef des Ministeriums Gilles, von Michel Blanc dargestellt- und eine Prise zynischen Humors verstärken die brilliante Ästhetik des Films. Prunkvolle Innenräume und ein schneller Lebensstil vermitteln den Alltag im Politikbetrieb. Dabei steht das Menschliche im Vordergrund, Bertrand ist weder Held, noch Bösewicht, die Wertung des Protagonisten ist allein dem Zuseher überlassen. Schoeller stellt sich jenseits der Genres und der Unterhaltungsmaschinerie Hollywoods um die Absurditäten der modernen Demokratie vor Augen zu führen und das Ergebnis ist schlichtweg atemberaubendes Kino mit fesselnden Bildern.

Wertung:
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Filmering.at
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