Hänsel und Gretel: Hexenjäger (2013)

OT: Hansel and Gretel Witch Hunters - 88 Minuten - Action / Komödie / Horror
Hänsel und Gretel: Hexenjäger (2013)
Kinostart: 01.03.2013
DVD-Start: 22.08.2013 - Blu-ray-Start: 22.08.2013
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Filmkritik zu Hänsel und Gretel: Hexenjäger

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Tommy Wirkolas erstes Großprojekt ist eine Neuauflage des Brüder Grimm-Märchens „Hänsel und Gretel“ und kann mit international bekannten Stars punkten. Ob der neue Film für den Regisseur nachhaltig das Sprungbrett für einen kommerziellen Erfolg über Norwegens Grenzen hinaus bedeutet, bleibt abzuwarten. Böse Erinnerungen an Terry Gilliams Brothers Grimm (Drehbuch: Ehren Kruger) werden wach, wenn man bedenkt wie viel Potential in den Mühlen einer Blockbusterproduktion verschlissen wurde. Tommy Wirkola aber erfährt im Gegensatz zu Gilliam den Vorteil, auf das Drehbuch von Hansel & Gretel: Witch Hunters Einfluss nehmen zu dürfen. Was er daraus gemacht hat?

Streng genommen ist der Anfangsteil des Grimm-Märchens an Konturen seines Originals abgekupfert. Ähnlich wie in der ursprünglichen Erzählung wird das Geschwisterpaar vom Vater in den Wald gebracht und dort allein gelassen. Völlig verloren und verzweifelt irren sie im Wald umher bis sie auf das aus Kuchen und Süßigkeiten gebaute Haus treffen. Die stark zusammengefassten und leicht abgeänderten Geschehnisse der Grimm-Vorlage deuten bereits an welche Rolle das eigentliche Märchen spielt. Subtil ausgedrückt, bis auf den formal vorgegebenen Ausgangspunkt keine nennenswerte.

Nach einem Zeitsprung sehen wir Hänsel und Gretel im Erwachsenen-Alter. Gleich zu Anfang schlägt dem Zuseher ihre Thug Life-Attitüde einer unglücklichen Kindheit ins Gesicht. Besonders Gemma Artertons Figur Gretel ist stets davon einen Satz entfernt „Yippee ki-Yay, motherfucker!“ miteinfließen zu lassen. Womit gleich die erste, unfreiwillig komische Szene zu nennen ist, in der Gretel sich und ihren Bruder namentlich vorstellt nach dem sie eine der Hexerei irrtümlich beschuldige Frau vor der Verbrennung retten. Die altbackenen Namen der zwei Protagonisten sind in der synchronisierten Fassung für das deutschsprachige Publikum ungewohnt aber allgemeinhin bekannt. Im englischen Original hingegen wird man sich nur dann etwas inneren Ernst bewahren können wenn mit „Hansel and Gretel“ ein deutscher Hersteller von Schlagbohrern im US-Fernsehen beworben wird. Dass Gretel den mittelalterlichen Augsburger-Mob darauf hin in erhaben verächtlicher Tonlage (so spricht sie meistens) als „Rednecks“ bezeichnet setzt dem Kuchenhaus die Kirsche auf die Spitze. Momente wie diese lassen die Aufmerksamkeit abschweifen... Die Hexen entführen Kinder und es herrscht Hilflosigkeit in der Stadt. Hänsel und Gretel, als Hexenjäger bereits berühmt, werden engagiert um die entführten Kinder wieder zu finden und selbstverständlich die Hexen zu Strecke zu bringen. Noch ist ihnen unklar womit sie es zu tun haben und was es mit den Entführungen auf sich hat.

So witzig und interessant die Idee von ärschetretenden Märchenfiguren klingt, ihre filmische Umsetzung fordert ein bisschen mehr als sie bloß ihrer literarisch vorgegebenen Hülle zu berauben. Tommy Wirkola lag mit der Ausstattung einer Märchenwelt gar nicht so daneben – wenn auch mit weniger Aufwand als Terry Gilliams Brothers Grimm. Fügt man nun die Figuren ein, ergibt Hänsel & Gretel: Hexenjäger einen krassen Mix zwischen modernem Actionstreifen und Fantasyfilm. Wobei das phantastische zu kurz kommt: Zu behaupten, dass man sich den Film in ständiger Erwartung ansieht, Dwayne Johnson könnte jeden Moment mit einem Pick-Up Truck vorbeibrausen und ein paar übel gelaunte Hexen durch die Wälder prügeln, gefolgt von nicht minder durchschlagenden Einzeilern, wäre stark übertrieben. Doch scheitert die überspannte Metapher zuletzt am Mittelalter-Setting, welches zwar Schrotflinten, eine vollautomatische  Armbrust, Gatling Gun und einen handbetriebenen Elektroschocker erlaubt (ich werde jetzt keine Debatte lostreten in welchem Jahrhundert überhaupt die erste kommerzielle Dampfmaschinen-Nutzung stattgefunden hat)  aber motorisierte Fahrzeuge wären selbst für Wirkola eine technische Sensation zu viel. Schön, dass er seinen Phantastereien eine Grenze zu setzen wusste.

Neben extravaganten Hexenjäger-Gadgets findet sich eine weitere schwere Ungereimtheit die bereits mit Dwayne Johnsons (der bedauerlicherweise NICHT mitspielt) Einzeilern und Gretels Bad-Ass Gestus angespielt wurde. Fast alle Figuren – und ich sage „fast alle“ im Sinne der 99% - sind aus der Moderne heraus um 500 Jahre zurück geworfen worden. Ein Kostümfilm  sucht zumindest nach der Illusion einer gelebten Historizität. Hänsel und Gretel entsteigen der Zeitmaschine, erschießen, erdrosseln und erschießen diese Illusion noch mal. Um wieder zum Terry Gilliam-Vergleich zu kommen: Matt Damons und Heath Ledgers Spiel trug stark zur Glaubwürdigkeit eines Märchens bei. Weder Dialoge noch Gestik geben einem das Gefühl einer fremdartigen Welt. Im Gegenteil – es ist alles höchst vertraut, unter anderem mit vertrauten Bezügen auf andere Filme. Nicht unberechtigt kommt einem diese aufgezwungene Coolness wie eine schlechte Kopie von Guy Ritchies Sherlock Holmes vor. Witziger allerdings sind die gut dosierten Splatter-Effekte bei denen man weniger an B-Horrorfilme als an das plastische Sterben putziger Happy Tree Friends-Tierchen denkt. Nicht zu vergessen die Besenstiel-reitenden Hexen: Wenn sie durch den Wald rasen als ob sie nicht vom Boden hoch kämen, (und das können sie) erinnert das sehr an die rasanten Szenen mit den imperialen Düsenschlitten aus Star Wars Episode VI. Mein persönliches Highlight.

Mit ein paar Lachern wird man auf jeden Fall aus dem Kino gehen. Ob es Tommy Wirkolas Absicht war oder nicht ist eine andere, weniger wichtige Frage. Zu vermeiden sei es den Film so ernst zu nehmen wie er sich selbst ernst nimmt. Gemma Arterton’s Raubein-Spiel und Famke Janssen’s theatrales Miststückgehabe sorgen des Öfteren für rollende Augen. Jeremy Renner dagegen ist etwas zurückhaltender. Genau das hat es gebraucht, Zurückhaltung. Zurückhaltung die an manchen stellen falsch verlagert wurde, wie ein über weite Strecken nicht existentes Geschwisterverhältnis. Wirkola schien kein großes Interesse gehabt zu haben und erklärt diesen Aspekt mit einer einzigen Szene, welche aufrichtige Verbundenheit zwischen Schwester und Bruder demonstriert, für vollauf bedient. Wirklich ärgerlich ist mit welcher Lieblosigkeit teilweise inszeniert wurde obwohl eben dieser große Makel kaum aufgefangen werden kann. Die Actionszenen sind nicht mehr als solide, die Dialoge zuweilen gestelzt und die Nebenhandlung an den Haaren herbeigezogen. Die Figurenzeichnung trägt besonders zur genannten lieblosen Art dieses Films bei.

Fazit:
Glücklicherweise ist der Film nur halb so aufgezwungen Bad-Ass wie es der Trailer zu vermitteln sucht. Was aus den unfreiwillig komischen Momenten gemacht wird bleibt dem Zuseher überlassen. Man kann sich darüber ärgern einen Film gesehen zu haben dem es an Stimmigkeit fehlte oder darüber amüsieren weil weder Regiearbeit noch Drehbuch darauf Wert legten die Märchen-Schablone an das Gesamtkonstrukt anzupassen. Es fragt sich nur ob Wirkola einen Actionfilm mit zwei Märchenfiguren drehen oder dem Märchen etwas Schwung verpassen wollte und dabei versehentlich eine halbe Wagenladung Koks hineinkippte. Ein nebeneinanderstellen von Genres bildet noch keine Symbiose. Vielleicht lernt Tommy Wirkola noch, dass ein Würfel nicht durch eine Kreisform gepresst werden kann, vielleicht ist es ihm auch einfach egal. Für Mittelmaß reicht es immerhin aus.

Wertung:
5/10 Punkte
Filmering.at
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Ø Wertung: 5.7/10 | Kritiken: 2 | Wertungen: 13
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