The Intervall (2012)

OT: L'intervallo - 90 Minuten - Krimi / Drama
The Intervall (2012)
Kinostart: Unbekannt
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu The Intervall

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Ganz unscheinbar kommt Leonardo di Costanzos L’Intervallo daher und ganz großartig wirkt der Film auf sein Publikum. Der italienische Regisseur präsentiert ein ruhiges Kammerspiel das an spirituelle Raumkompositionen eines Andrej Tarkowskijs denken lässt, gleichzeitig an einem fantastischen Ort à la Neverland angesiedelt ist und von Akteuren definiert wird, die an Jim Jarmuschs Ghost Dog erinnern lassen. Das Resultat lässt sich mit keinem der genannten Beispiele vergleichen. Es ist ein komplett eigenständiger, filmischer Intervall, ohne offensichtliche Beweggründe. Dringt man unter die stille Oberfläche des Films offenbart sich eine scharfe Kritik der nepalesischen Gesellschaft und ein zarter Versuch zweier heranwachsender Jugendlicher ihre erwachsene Schale ab zu legen, um endlich einmal Kind zu sein.

Salvatore (Alession Gallo) ist 17 Jahre alt, verkauft normalerweise gemeinsam mit seinem Vater Zitroneneis und muss die 15 jährige Veronica (Francesca Riso) bewachen. Ein Duo wie es unterschiedlicher nicht sein könnte. Er ein bäriger Junge mit stoischem Gemüt und weichem Herz für die Schönheit der Natur. Sie ein zierliches Mädchen mit vorlauter Klappe und superfizieller Eitelkeit. Gemeinsam sind sie in einem leer stehenden Fabrikgelände eingesperrt, die Gründe zu Beginn unbekannt. Nach anfänglicher Abscheu entwickelt sich eine ambivalente Freundschaft. Die beiden entdecken immer mehr Gemeinsamkeiten und ganz zögerlich offenbart sich der Grund, der sie an diesem einsamen Ort eint.

Leonardo di Costanzo beginnt seinen Film mit einer Analogie. Eingesperrte Vögel können ihrem Gefängnis niemals entrinnen, auch wenn die Tür des Käfigs offen steht. Sie werden wahrscheinlich davon fliegen, kehren allerdings immer wieder an den Ort ihrer Gefangenschaft zurück. So auch Salvatore und Veronica. Sie akzeptieren ihre Lage, es scheint sogar als wollten sie gar nicht entkommen. Vielmehr lernen sie sich in der isolierten Einsamkeit immer besser kennen. Umso tiefer sie in ihrem imaginären Käfig vordringen, desto ausgelassener wird ihr Gemüt. Standen sie sich zu Beginn noch skeptisch gegenüber, finden sie immer mehr Gemeinsamkeiten, lassen ihre instinktiven Abwehrmechanismen fallen. Gemeinsam erkennen sie, dass sie den gesellschaftlichen Erwartungen nicht gerecht werden wollen und für einen kurzen Augenblick gelingt ihnen der Ausbruch aus ihrem erschöpfenden Alltag.

Das Fantastische des Films zeigt sich im Gewand ganz banaler Situationen. Warum Salvatore und Veronica aufeinander treffen bleibt weitgehend ungeklärt und die wenigen Anhaltspunkte sind denkbar unspektakulär. Erst im Fortlauf des Films offenbaren sich die subtilen Beweggründe ihrer Gefangenschaft und der Film mündet in eine scharfe Kritik der gegenwärtigen nepalesischen Gesellschaft. So dreht sich der Film nicht nur um ein kindliches Erwachen zweier Jugendlicher, sondern auch um die dreiste Skrupellosigkeit der nepalesischen Mafia, um die Unerträglichkeit familiärer Erwartungen und die Unmöglichkeit aus diesem gesellschaftlichen Gefängnis auszubrechen.

Neben Salvatore und Veronica agiert der Ort ihrer Gefangenschaft als dritter Protagonist. Das verlassene Fabrikgelände ist ein fantastisches Panoptikum. Trist und verlassen, gleichzeitig voller Leben und reich an Geschichten und Abenteuern. Die beiden Jugendlichen arrangieren sich mit ihrem Gefängnis, entdecken es für sich und legen ihre raue Schale ab. Zögerlich, doch mit sichtbarem Vergnügen. In ganz banalen Situationen begeben sie sich auf eine abenteuerliche Entdeckungsreise, durchqueren mit einem Ruderboot einen See, kämpfen sich durch das Dickicht eines Waldes und beobachten Vögel. Doch ihr kleiner imaginärer Mikrokosmos wird in regelmäßigen Intervallen gestört. Durch das laute Röhren eines vorüber fliegenden Flugzeugs und durch Kontrollbesuche ihrer Peiniger. Diesem fast gewaltsamen Eindringen der äußeren Wirklichkeit stehen die beiden feindlich gegenüber und lassen sie wieder in alte Schemata zurück fallen. Während Veronica Angst vor Geistern, Raten oder sogar Regen äußert, verhält sie sich gegenüber den Handlangern des Mafiabosses gewohnt trotzig, fast unbeeindruckt und würde auch vor körperlicher Gewalt nicht zurück schrecken; Realitycheck.

Fazit:
L’Intervallo ist eine jener kleinen Perlen, die ihre Schönheit mit einer unscheinbaren Schale umhüllen. Aus einem unbestimmten Grund treffen zwei adoleszente Jugendliche an einem scheinbar ausgestorbenen Ort zusammen, dem sie nicht entkommen können oder wollen? Vieles bleibt offen und doch lernen sie sich nach und nach besser kenne, erzählen von Ängsten und Träumen, erleben gemeinsame Abenteuer in ihrem eigenen kleinen Mikrokosmos. So spiegelt sich in einem kurzen Intervall zweier sehr unterschiedlicher junger Menschen eine gemeinsame Sehnsucht nach Freiheit, nicht von ihrem auferlegten Gefängnis, sondern Freiheit von gesellschaftlichen Konventionen und Zwängen, Freiheit von ihrem eigenen Schicksal. An einem nicht näher definierten Tag soll ihnen das gelingen.

Wertung:
8/10 Punkte
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