American Gangster

OT: -  158 Minuten -  Gangster / Drama
American Gangster
Kinostart: 16.11.2007
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu American Gangster

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Das Herz eines Kinogängers schlägt immer noch höher, wenn er hört, dass es ein neuer Film von Altmeister Ridley Scott in die Kinos schafft. Selbst wenn seine letzten beiden Filme Königreich der Himmel und Ein gutes Jahr nichts mehr vom großen Regisseur früherer Tage erkennen ließen, so ist Ridley Scott dennoch der Mann, der hinter zeitlosen Meisterwerken wie Blade Runner, Alien oder jüngstens auch Gladiator steht. Auch ist er einer derjenigen, die sich schon längst einen Oscar für die Beste Regie verdient hätten. Vielleicht erklärt dies die Themenwahl für seinen aktuellen Film, American Gangster, konnte sich doch Kollege Martin Scorsese mit dem zumindest ähnlichen The Departed seinen überfälligen Oscar sichern. Ob Ridley Scott es ihm mit American Gangster nachmacht, darf aber getrost bezweifelt werden.

Der König ist tot, lang lebe der König! Eine Verbrecherorganisation darf nicht kopflos sein, und so ist es selbstverständlich, dass nach dem Tod des alten Verbrecherbosses ein neuer dessen Platz einnimmt. Frank Lucas (Denzel Washington) nutzt die Gunst der Stunde und befördert sich so direkt von der Position des Fahrers an die Spitze des Syndikats. Er hat auch schon eine geniale Idee, wie er die Kassen der Organisation zum Klingeln bringen kann: Da in Vietnam gerade Krieg herrscht, verschafft er sich einen guten Kontakt zur dortigen Drogenszene, überbrückt die Zwischenhändler und kann so 97% reines Heroin mit Hilfe von Militärflugzeugen ungestört nach Amerika bringen. Durch diesen gigantischen Geldstrom steigt er zum Unterweltboss auf und kann sich problemlos die Polizei von den Fersen halten.

Doch mit einem hat er nicht gerechnet: Es gibt doch tatsächlich einen Polizisten, der sich absolut nicht schmieren lässt. Selbst als er mit seinem Partner einen Riesenhaufen Geld findet, von dem niemand etwas weiß, steckt Detective Richie Roberts (Russel Crowe) dies nicht in die eigene Tasche, sondern meldet es. Dies bringt ihm einen sehr zweifelhaften Ruf unter seinen Kollegen ein, aber dennoch hat es auch seine Vorzüge: Er soll eine Spezialeinheit leiten, deren Ziel es ist, das gigantische Drogenproblem zu lösen, und die Hintermänner dingfest zu machen. Nach und nach fügt sich das Puzzle zusammen, und Richie kommt dem eher unauffälligen Frank Lucas auf die Schliche...

Ridley Scott nimmt sich wirklich außerordentlich viel Zeit, um seine Geschichte in Gang zu bringen. Mit bedächtiger Ruhe bringt er seine Gegenspieler in Position und gibt ihnen viel Raum sich zu entfalten. Dabei weist der Film, obwohl grundlegend verschieden, doch einige Parallelen zu diversen Martin Scorsese Gangsterfilmen auf. Und gerade dieser Punkt erweist sich als die große Schwäche von American Gangster. Denn obwohl er an sich ganz gut ist, beweist der direkte Vergleich mit Scorseses Werken á la Goodfellas, Casino und auch The Departed, dass dieser eine solche Geschichte um Klassen besser inszenieren kann.

Ridley Scott splittet seine Geschichte relativ deutlich auf zwei verschiedene Handlungsfäden auf: Der eine erzählt die Geschichte von Frank Lucas, dem Gangster, und der andere erzählt die Geschichte von Richie Roberts, dem Cop. Und hier erlaubt sich Ridley Scott einen zumindest teilweise ähnlichen Ansatz wie Scorsese in The Departed. Beide Figuren agieren offensichtlich gegeneinander, wissen dies aber nicht. Nach und nach beginnen sie, von der Existenz bzw. in Richies Fall von der wahren Bedeutung des Gegenspielers, Kenntnis zu nehmen, und so schaukelt sich die Situation immer weiter hoch.

The Departed startete ja mit einer ähnlichen Ausgangslage, und dennoch ist das Ergebnis grundverschieden. Denn wo es Scorsese so virtuos schaffte, den Figuren ganz wie von Geisterhand Facetten zu geben und die Grenzen zwischen Schwarz und Weiß zu verwischen, müht sich Scott für dieses Ergebnis regelrecht ab. In vielen teilweise langatmigen Szenen will er seinen Figuren Profil geben, spannt das Publikum dabei allerdings allzu sehr auf die Folter, und so kommt es, dass American Gangster, obwohl nur 7 Minuten länger als The Departed, in keiner Sekunde diesen komprimierten und vor allem genial konstruierten Spannungsbogen des Scorsese-Films erreicht.

Doch man soll sich nicht nur auf den Vergleich mit Scorseses Gangsterfilmen konzentrieren, sondern auch American Gangster als eigenständiges Werk ansehen. Der Film basiert auf der wahren Geschichte von Frank Lucas, einem der größten Drogenbarone der USA, und wurde durch den Artikel The Return of the Superfly, geschrieben von Mark Jacobson für das New York Magazine, inspiriert und von Steven Zaillian, der sich unter anderem für das Drehbuch zu Steven Spielbergs Film Schindlers Liste verantwortlich zeigt, in Drehbuchform gebracht.

Regisseur Ridley Scott schließlich ist ein Meister seines Handwerks, und so ist technische Perfektion eigentlich auch schon eine Selbstverständlichkeit, wenn man einen seiner Filme sieht. Auf viele Experimente lässt sich Scott allerdings nicht ein, und filmt seinen American Gangster ohne richtige Dynamik und vor allem, ohne wirklich denkwürdige Bilder zu erzeugen. Natürlich kommt es nie soweit, dass man sagen würde, der Film wäre nicht schön gefilmt, oder würde gar Schwächen in diesem Bereich aufweisen, denn dazu ist er viel zu elegant und stilsicher, aber so richtige will der Funke nie überspringen. Dennoch sorgt vor allem auch der unglaublich stimmige Soundtrack dafür, dass American Gangster einen grundsoliden Eindruck hinterlässt.

Ich will allerdings nicht allzu negativ über den Film reden, denn prinzipiell ist American Gangster ein guter Film geworden, das Problem ist nur, dass man nun endlich den Film erwartet hat, der so gut ist, dass Ridley Scott seinen Oscar bekommen muss, aber dieser Film ist American Gangster nicht geworden. Ganz anders sieht dies beim wirklich toll aufspielenden Cast aus, der bis in die letzte Nebenrolle überzeugend ist. Über die beiden Hauptdarsteller braucht man ohnehin nicht allzu viele Worte verlieren: Denzel Washington spielt seinen Gangsterboss nicht als dunklen Bösewicht, sondern als relativ gewöhnlichen Mann, der eben einen ungewöhnlichen Job hat und so an vielen Stellen seine böse Seite aufblitzen lassen muss, und Russel Crowe legt seinen Polizisten nicht als Helden an, sondern als zurückhaltenden Mann, der das Herz am rechten Fleck hat. Doch nicht nur die beiden Stars des Films, sondern auch alle Nebendarsteller liefern eine tolle Leistung ab. Vor allem Josh Brolin, der demnächst auch noch in No Country for Old Men zu bewundern sein wird, liefert eine wunderbare Vorstellung als schmieriger, korrupter Bulle.

Wer wird den Film also mögen? Freunde des Gangsterfilms, zu denen ich mich zweifellos zähle, können auf jeden Fall einen Blick riskieren. Jeder, der Martin Scorseses Art mag, mit dem Genre umzugehen, der wird wohl auch mit American Gangster seine Freude haben, auch wenn einem bewusst sein muss, dass sich Ridley Scott dem Genre etwas anders als Scorsese nähert und dessen Klasse auch nicht erreicht. Dennoch hat auch American Gangster seine ganz großen Momente: Wenn Denzel Washington zum Beispiel in Harlem auf offener Straße eine Exekution durchführt, weil er ganz einfach die Macht dazu hat, dann ist das ganz großes Gangsterkino, das einem wirklich nahe geht. Doch zwischen diesen großen Momenten gibt es eben auch einige langatmige Passagen, die den Filmgenuss etwas trüben. Gelungen ist der Film zwar dennoch, aber Ridley Scott wird wohl noch länger auf seinen Oscar warten müssen.

Fazit:
American Gangster zeigt leider nur zu deutlich auf, dass es Ridley Scott nicht schafft, einen Gangsterfilm ähnlich virtuos wie Kollege Scorsese zu drehen. Dennoch ist es der beste Ridley Scott-Film seit längerer Zeit, und stellt Filme wie Königreich der Himmel oder Ein gutes Jahr deutlich in den Schatten. Scott nimmt sich dabei viel Zeit, um seine Geschichte zu erzählen, und so schleichen sich doch einige langatmige Passagen in den Film ein. Auch optisch bietet er nichts Überwältigendes, sondern nur einen grundsoliden und eleganten Stil. Die Darsteller, neben den ohnehin großartigen Hauptdarstellern, vor allem Josh Brolin, tragen zwar ihren Teil dazu bei, dass American Gangster ein ziemlich guter Film geworden ist, aber der erhoffte Oscar-Abräumer für Ridley Scott wird dieser Film wohl nicht.

Wertung:
7/10 Punkte

Filmering.at
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