Der amerikanische Soldat (1970)

OT: Der amerikanische Soldat - 80 Minuten - Drama
Der amerikanische Soldat (1970)
Kinostart: Unbekannt
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Filmkritik zu Der amerikanische Soldat

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Ist Ricky cool? Kaum. Ricky (Karl Scheydt) stammt aus München, heißt eigentlich Richard, aber Amerika machte aus ihm Ricky und einen Soldaten in Vietnam. Als sein Jugendfreund Franz Walsch (Rainer Werner Fassbinder) ihn nach seiner zeitweisen, beruflich bedingten Rückkehr nach München fragt: „Wie war’s in Vietnam?“ – so, als ob er fragen würde, wie war’s im Spielcasino –, antwortet Ricky kurz und trocken: „Laut.“ „Ah ja?“ erwidert Franz. „Hier ist nix passiert.“ „In Deutschland passiert nie was.“ Die beiden besuchen das Haus, in dem sie aufgewaschen sind, trinken Bier, treffen auf eine Nachbarin, die sie wiedererkennt, und gehen mit der Feststellung: „Hier hat sich nichts verändert.“

Der Dialog, das Outfit der Figuren, die ganze Szenerie von „Der amerikanische Soldat“ erinnern eindeutig an den amerikanischen Gangsterfilm der 40er Jahre, an die Coolness und Abgefeimtheit der visuell in Szene gesetzten Mafiosi und Polizisten. Helle Anzüge, Bogart-Hüte, schmale Krawatten, weiße Hemden. Ricky war es in Vietnam zu laut. Jetzt hat er einen Beruf, in dem es leise zugeht, bedächtig fast. Das Töten hat er nicht aufgegeben; er ist Auftragsmörder. Aber das Morden findet in aller Stille statt, im Kämmerlein ohne Zeugen, nicht auf dem Feld der Ehre, mit der handlichen Pistole, nicht mit Mörsern und Maschinengewehren.

Der filmische Gangsterlook der 40er Jahre scheint „Der amerikanische Soldat“ zu beherrschen. Das Verhalten der Spielenden scheint dies zu untermauern. Von einer Hommage an das Genre wird in Filmbesprechungen geredet. Aber Fassbinder wäre nicht Fassbinder gewesen, wenn es ihm darum gegangen wäre.

Ricky ist gekauft worden. Nicht von irgend jemand. Nein, von den drei Polizisten der Münchner Kripo Jan (Jan George), Doc (Hark Bohm) und Max (Marius Aicher), die sich einiger Verdächtiger entledigen wollen. Sie können nicht einfach selbst Hand anlegen. So einfach ist das für einen Polizisten nicht, Verbrecher einfach selbst zu töten. Die drei warten, ruhig am Tisch sitzend und Karten spielend, aber innerlich gespannt, wann Ricky endlich erscheinen wird. Rosa (Elga Sorbas) darf zuschauen. Frauen haben in dieser Männerangelegenheit und -welt nichts zu sagen. „Halts Maul“ ist die ultimative Aufforderung an die Frauen zu gehorchen. Die drei pokern, auf den Karten nackte Frauen und eindeutige Szenen. Da wechseln große Scheine den Besitzer und Jan geht meist als Sieger hervor, Hark träumt von den Nackten auf den Karten.

Ricky fährt derweil in einem Auto zum Hotel – ganz Ami. Neben ihm sitzt eine Hure (Irm Hermann), die kichert, und mehr von Ricky zu wollen scheint, als eine Hure von ihrem Freier will. Was soll Ricky anderes tun, als sie rauszuwerfen? An einer dunklen Stelle, irgendwo auf dem Weg zum Hotel, schmeißt er sie zu Boden und schießt dreimal auf sie – mit Platzpatronen; sie erschreckt, er lacht. Ricky kann jede haben und jede wegschmeißen, auch das Zimmermädchen (Margarethe von Trotta) im Hotel, das ihm eine Flasche Whiskey, Marke Valentine, aufs Zimmer bringt, später ein Steak mit Ketchup und einen Tomatensaft. Ricky packt und küsst sie, dann schmeißt er sie raus.

Ricky soll einen Zigeuner (Ulli Lommel) für die drei Bullen töten. Ricky soll auch die zumeist betrunkene Informantin Magdalena Fuller (Katrin Schaake) töten, die in einer Bar Pornoheftchen verkauft und Ricky für 500 Mark verrät, wo sich der Zigeuner, der von drei Männern beschützt wird, aufhält. Dort trifft er Inga (Ingrid Caven) wieder, die ein trauriges Liebeslied singt. Auch sie hat er einmal gehabt. „Was machst du so“, fragt er sie, „Ich bin verheiratet ... mit ihm“, antwortet sie und zeigt auf den Barkeeper. Ricky geht wieder.

Ricky kennt keine Skrupel. In der Zigeunersiedlung trifft er auf den schwulen Zigeuner, den er töten soll, der davon nichts ahnt, der in Ricky einen Partner fürs Bett sieht. Das wird ihm zum Verhängnis. Ricky tötet auch Magdalena und ihren Freier. Ricky besucht seine Mutter (Eva Ingeborg Scholz) und seinen Bruder Kurt (Kurt Raab). Kurt, der seinen Bruder zugleich abgöttisch zu lieben und abgrundtief zu hassen scheint, bricht zusammen, als Ricky wieder geht. Die Mutter beauftragt einen Privatdetektiv, Ricky zu beobachten.

Als Ricky nach zwei Morden ins Hotel zurückkehrt, bestellt er über den Portier, einen Informanten der drei Polizisten, eine Hure. Jan, vom Portier informiert, schickt ihm Rosa. Ricky verspricht ihr, sie mit nach Japan zu nehmen. Als die beiden nackt im Bett liegen, kommt das Zimmermädchen herein, sieht sie uns setzt sich auf den Rand des Bettes. Sie erzählt die Geschichte einer verlorenen Liebe. Als das Telefon klingelt, verlässt sie das Zimmer. Als Ricky und Rosa das Zimmer verlassen, sehen sie, wie das Zimmermädchen telefoniert. Sie spricht mit einem Mann, der sie verlassen will. Sie hängt auf und stößt sich ein Messer in den Bauch. Ricky und Rosa sehen wie sie schreit und stirbt – und verlassen das Hotel, als ob sie das alles nichts angehe. Was geht es sie auch an?

Als Jan erfährt, dass Rosa ihn verlassen will, beauftragt er Ricky, Rosa ebenfalls zu töten. Ricky erfüllt seinen Auftrag. „Glaubst du wirklich, ich wäre zum Bahnhof gekommen?“ fragt er Rosa, bevor er sie in die Arme nimmt und erschießt.

Der Detektiv meldet Rickys Mutter die geplante Abfahrt des Killers. Auf dem Bahnhof kommt es zum Showdown. Als Ricky das Geld für die Morde aus einem Schließfach holen will, stehen die Polizisten mit gezogener Waffe vor ihm. Ricky, der seinen Freund Franz zum Bahnhof bestellt hat, weil er vorsichtig ist, scheint verloren. Doch Franz erscheint mit einer Waffe im Rücken der Polizisten. Für Ricky scheint alles wieder in Ordnung, bis seine Mutter und Kurt auftauchen. Als sich Ricky und Franz unachtsam zu ihnen umdrehen, werden sie von Jan erschossen. Kurt stürzt sich auf den sterbenden Bruder, wälzt sich auf ihm, hält ihn in den Armen. Beider Mutter steht regungslos da.

Kein anderer deutscher Regisseur hat menschliche Beziehungsgeflechte derart gründlich seziert wie Rainer Werner Fassbinder, für mich der letzte bedeutende deutsche Nachkriegsregisseur von Weltformat. Nicht nur in „Der amerikanische Soldat“ visualisiert Fassbinder die Unmöglichkeit dauerhafter positiver Gefühlswelten angesichts der Überwölbung menschlicher Beziehungen durch Geld und Macht. Ricky ist der Prototyp des amerikanischen Kinogangsters, aber bei Fassbinder wird er mehr, zum Aushängeschild einer fast gefühllosen Regelung des Lebens. Ricky handelt geradezu mechanisch. Für ihn existiert nur der Auftrag und dessen Bezahlung. Was er braucht, Valentine-Whisky oder Frauen, nimmt er sich. Erinnerungen an die Jugend, die Familie, den Freund Franz haben rein instrumentellen Charakter. Sie sind in ihrer Bedeutung zur Bedeutungslosigkeit und Funktionalität im Hinblick auf seinen „Beruf“ verkommen. Der Besuch bei Mutter und Bruder hat nicht mehr zu bedeuten als die Beziehung zu Rosa – Ereignisse unter vielen, im Rahmen von Geben und Nehmen.

Frauen und Schwule stehen auf verlorenem Posten. Das Zimmermädchen bringt sich um. Rosa von Praunheim, die nicht umsonst den Namen des schwulen Filmemachers trägt, dessen „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ 1971 für Aufsehen sorgte, wird ermordet, die Barsängerin Inga lebt in Ödnis mit dem Barkeeper, der nie verstehen wird, wie sie meint, was sie mit Ricky verbunden hat, die Mutter Rickys muss zusehen, wie ihr Sohn erschossen wird, der schwule Zigeuner wird erschossen und Rickys Bruder Kurt (gespielt vom 1988 verstorbenen Kurt Raab, dem ersten prominenten AIDS-Opfer) verzweifelt angesichts des Todes seines Bruders. Frauen und Schwule träumen von der Liebe, sehnen sich nach Zuneigung, selbst die Hure, die Ricky aus dem Auto wirft. Vergeblich.

Wenn überhaupt Gefühle ansonsten zum Vorschein kommen, dann Angst und Rachegelüste. Max, der Polizist, hat Angst davor, dass die vor den Augen des Polizeipräsidenten verdeckte Beauftragung eines Berufskillers ihm die Karriere kosten könnte, wenn alles auffliegt. Jan beauftragt den Killer aus Rache an Rosa, die ihn verlassen will, zum Mord an ihr. Macht beherrscht die Szenerie.

Macht auch in dem Sinne, dass die staatliche Gewalt über die Gangstergewalt obsiegt, wie Fassbinder selbst seinen Film kommentierte. Ricky hat im Grunde keine Chance. Staatliche wie Gangstergewalt bedienen sich derselben Mittel, in ihrem Verhalten unterscheiden sich Polizisten wie Gangster nicht. Aber die staatliche Gewalt sitzt am längeren Hebel.

So geht es Fassbinder in „Der amerikanische Soldat“ also kaum um eine Dekonstruktion des amerikanischen Gangsterfilms. Das Genre ist nur die Hülle, unter der er die Unmöglichkeit der Entwicklung privater Gefühle frei vom Prinzip Herrschaft und Knechtschaft in aller Offenheit, das kann man schon sagen, visualisierte.

Wertung:
10/10 Punkte

Quelle: Follow-me-now.de / Ulrich Behrens
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