Am Tag als Bobby Ewing starb (2005)

OT: Am Tag als Bobby Ewing starb - 92 Minuten - Komödie / Romanze
Am Tag als Bobby Ewing starb (2005)
Kinostart: Unbekannt
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Am Tag als Bobby Ewing starb

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„Weißt du noch? Damals bei Brokdorf?”

Nostalgie ist doch so etwas Schönes. Die alten Zeiten, die alten Kämpfe, das zügellos-gezügelte Leben in der WG, die Schlachten mit den Bullen am AKW, die Diskussionen über Gewalt und Gewaltlosigkeit, die ersten Versuche, ökologisch anzubauen und zu essen, die ersten Wollsocken, die Streitereien, ob man das Rauchen nun aufgeben solle oder nicht, die selbst gestrickten Therapien, die Auseinandersetzungen um ein Leben zurück zur Natur – und die Frage, ob man dann irgendwann gescheitert war oder nicht.

„Weißt du noch, damals ... ?“

Auf jeden Fall war für alle etwas dabei, sozusagen freie Auswahl. Manche wurden Hare-Krishna-Jünger und -Jüngerinnen, andere verzettelten sich in Beziehungsdiskussionen in der Möchtegern-Kommune, wieder andere zogen es vor, vor dem ganzen Quatsch in die Toscana zu fliehen, um den gleichen Quatsch dort zu verbraten, und ein paar wenige leben noch heute so – wenn sie nicht gestorben sind –, z.B. in Longo Mai, eine dieser Inseln des glückseligen alternativen Lebens. Und wieder andere gründeten „Die Grünen“.

Lars Jessen versuchte sich 2005 in seinem Film „Am Tag als Bobby Ewing starb“ an zweierlei: an einem nostalgisch-komischen Rückblick auf die Alternativbewegung der 80er Jahre und an der Aufarbeitung seiner eigenen Erlebnisse als Knabe, der mit seiner Mutter ein paar Jahre in einer WG in der Nähe von Brokdorf gelebt hat. Immerhin bekam der Film die Auszeichnung „Bester Spielfilm“ auf dem Max-Ophüls-Festival 2005.

Hanne (Gabriela Maria Schmeide) zieht mit ihrem Sohn Niels (Franz Dinda) 1986 in die letzte Landkommune mit dem schönen Titel „Alternatives Wohnkollektiv Regenbogen“ in der Wilster Marsch, irgendwo bei Wattstedt und ganz in der Nähe des AKW Brokdorf. Dort wohnen teils alte Bekannte von Hanne, vor allem der in die Jahre gekommene Peter (Peter Lohmeyer) mit Hippie-Mähne, der „Führer“ des alternativen Endzeitprojekts, und Emanze Gesine (Nina Petri), der Revoluzzer-Typ Eckardt (Richy Müller), Elli (Eva Kryll), die gerne trinkt und „Dallas“ für die Ausgeburt kulturellen Lebens hält, und Walther (Falk Rockstroh), der Epileptiker.

Hanne, frisch geschieden von einem bankrott gegangenen Immobilienmakler, der das Weite gesucht hat, sucht hier auf dem Bauernhof von Hein, der ebenfalls in der Kommune lebt, das Nahe, das Vertraute. Überzeugt von ihren antiautoritären Vorstellungen will die Sozialpädagogin ihrem Sohn Niels – der hier zudem seinen Ersatzdienst ableisten soll – im Rahmen eines Projekts für Behinderte das gute, gesunde Leben beibringen.

Noch immer sitzen die Kommunarden regelmäßig vor den Toren des Kernkraftwerks, brüllen „Bullenstaat“ und „AKW nee“ und müssen sich von der Polizei sagen lassen, dass sie zu spät kommen. In der WG selbst geht es teils locker, teils streng her: Morgens springen die Kommunarden erst mal nackt vor’s Haus, um sich mitten in Mutter Natur zu waschen – was ihnen einen Rüffel des örtlichen Bürgermeisters und Kneipenwirts Prestin (Peter Heinrich Brix) einbringt. Einbringen ist aber auch sonst ein beliebtes Wort in der seltsamen Gemeinschaft. Tantraübungen, Schreitherapie und fleischlose Kost, Schafe scheren und schier endlose Debatten über Gewalt und Strategie, Zukunft und Zusammenleben – jeder bringt sich irgendwie ein.

Nur Niels kommt mit den merkwürdigen Gestalten nicht so richtig zurecht - zu viel Reglement. Und als er mehr zufällig mit der Tochter des Bürgermeisters Martina (Luise Helm) und dem öfter mal besoffenen Rakete (Jens Münchow) auf ein paar AKW-Gegner trifft, die gerade einen Strommast in die Luft sprengen wollen, prahlt er später in der WG, er habe sich jetzt dem aktiven Widerstand angeschlossen. In der WG brechen daraufhin Konflikte auf. Insbesondere Eckardt passen solche Aktionen natürlich voll ins Konzept und er gibt sich Mühe, Niels im militärisch organisierten Heranschleichen und im Bau von Mollis „auszubilden“.

Erst recht ernst wird es aber für die Kommunarden, als die Nachricht vom Filmtod Bobby Ewings – eine mittlere Katastrophe für Elli – am selben Tag über den Äther saust wie die Meldungen über die Explosion des Reaktors in Tschernobyl. Die Kommune droht auseinander zu brechen. Peter ist verzweifelt und träumt von der Flucht nach Portugal ...

Darf man sich über diese komischen Typen lustig machen? Natürlich darf man! Und der Film tut dies auch in irgendeiner Art von kritischer Sympathie und als Verarbeitung der Jugend des Regisseurs. Letzeres ist fast unangreifbar. Und so ganz fern von den alternativ-symbiotischen Formen der damaligen und vormaligen „Bewegung“ ist der Streifen nun auch nicht – obwohl Peter Lohmeyer trotz langer Mähne etwas fehl am Platz erscheint und auch Richy Müller nicht so recht ins Konzept dieser sorglos-sorgenvollen Nach-68er passen will.

Allerdings: Weiter geht man dann auch nicht. Das alles hatte ja – wenn auch nicht unter ökologischen, sondern eher beengten marxistisch-leninistisch-maoistisch-trotzkistischen – wahlweise auch stalinistischen – Vorzeichen eine Vorgeschichte bei den 68ern, die ganz ähnliche „Debatten“ vom Zaun brachen, allerdings nicht über Schreitherapie, sondern eher über die „richtigen“ Schreie bei den „richtigen“ Demonstrationen und Aktionen, und die sich in ebenso endlosen Debatten in ihren WGs und Kommunen die Köpfe heiß redeten und in der ersten Alternativbewegung um das Jahr 1900, in der Nacktsein hoch angesehen, Rauchen verpönt und Natur einfach nur schön war. Kein Wunder, dass Ex-Kommunarde Rainer Langhans gleich mit vier seiner fünf Frauen bei der Premiere in einem Münchner Kino erschien.

„Weißt Du noch ... ?“

Doch während sich viele 68er entweder auf Demos oder Matratzen rumtrieben (Motto: „Wer immer mit der gleichen pennt, gehört schon zum Establishment“) und die nachfolgenden K-Gruppen und später entstandenen Vollautonomen nach der „korrekten politischen Linie“ suchten, die dann, hier vom ZK, dort von irgendeinem autonomen Häuptling in geheimer Mission verkündet wurde, suchten andere aus dieser Zwickmühle und Enge das Weite und entdeckten „die Umwelt“. Und sie hatten ja auch recht. Wer weiß heute z.B. noch, wie vergiftet der Rhein Anfang der 70er Jahre war und unter welchen Belastungen Menschen im Ruhrgebiet leben mussten? Während sich die einen später im Häuserkampf übten und „die Ausländer“ als politische Manövriermasse gegen den allumfassenden Imperialismus entdeckten, spürten die Vorläufer der „Grünen“, die wie Pilze aus dem Boden sprießenden Bürgerinitiativen usw., immerhin diverse Gifte in Boden, Nahrung und sonst wo auf – und so einiges mehr, was einem lebenswerten Leben abträglich war.

Es ist schön, dass der Film über die winzige Kommune am Rande des AKW lachen kann. Allerdings bleibt das doch alles in einem merkwürdig anmutenden engen Rahmen. Mit dem eingeengten Blick einer Kindheitserinnerung schaut man durch eine Röhre auf ein soziales Biotop – so, als wenn drum herum, oben drüber und unten drunter nichts gewesen sei. Der biotopische Blick auf ein Biotop kreist dann nur noch um sich selbst. Das mag man, mögen manche mögen. Mir stößt das alles dann doch ein bisschen bitter auf. Denn aufgrund meiner eigenen Erfahrungen zwischen 68er-Bewegung und ökologischen Protestbewegungen, eben in einer jener Dutzenden von K-Gruppen zwischen Anfang und Ende der 70er Jahre kann ich über diese Dinge und meine eigene Rolle in diesen beengten Dunstkreisen massiver Ideologie-Aufladung – man war geradezu elektrisiert vom Gedanken an die Revolution – zwar laut und herzhaft lachen.

Was der Film aber eher verschweigt, oder sagen wir in keiner Pore der Inszenierung andeutet, ist die – und jetzt muss ich diese Floskel einmal los werden – typisch deutsche Kleinbürgermentalität, die sich in allen „Bewegungen“ seit den 68ern so richtig breit gemacht und eingenistet hatte. Wie nah war man doch jenen, die man teilweise in Grund und Boden kritisierte – allerdings mit dem an Absolutheit grenzenden Wahrheitsanspruch per se! Dies allerdings ist ein Thema, das auch ansonsten tatsächlich einer gründlichen Aufarbeitung bedürfte. Dass Elli gerne und ausgiebig „Dallas“ schaut, ist im Film selbst kaum ein Anhaltspunkt für diese gemütlich-berüchtigte Enge oder gar ein kritischer Seitenhieb hierauf, sondern eher ein nebensächlicher „Gag“, über den man gerne mal lacht – nicht weniger, aber auch nicht mehr.

Was bleibt, ist eine deutlich zu spürende, wenn auch in der Form der Komödie inszenierte nostalgische Rückschau. Das korrespondiert schon fast mit den verklärten Zukunftsvisionen der genannten „Bewegungen“. Immerhin, werden manche einwenden, haben wir doch heute „Die Grünen“. Nun ja. Wir haben auch staatliche Umweltpolitik, wir haben eine breite Aufnahme ökologischer Gesichtspunkte in allen nennenswerten politischen Parteien.

Worüber dabei allerdings weniger nachgedacht wird, ist die Tatsache, dass ohne eine massive ökologische Komponente kein Industriestaat der westlichen Hemisphäre hätte weiter wirtschaften können – selbst die USA nicht (die sich zwar immer noch dem Klimaschutzabkommen widersetzen, das auf Dauer – nach Bush – aber kaum durchhalten werden). Dass unsere kuriosen Freunde im Film bzw. eigentlich ihre realen Vorbilder dazu beigetragen haben, entzieht sich jedem Zweifel. Dass der enge Blick des Films auf diese 80er-Jahre allerdings auch mehr verkleistert als aufdeckt, scheint mir jedoch ebenso eindeutig.

„Weißt du noch ...?“

Wertung:
5/10 Punkte

Quelle: Follow-me-now.de / Ulrich Behrens
Filmering.at
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