Die Lebenden (2012)

OT: Die Lebenden - 100 Minuten - Drama
Die Lebenden (2012)
Kinostart: 23.11.2012
DVD-Start: 17.04.2014 - Blu-ray-Start: 17.04.2014
Will ich sehen
Liste
18069
Bewerten:

Filmkritik zu Die Lebenden

Von am
Mit ihrem Erstlingsfilm „Nordrand“ lieferte die Regisseurin Barbara Albert im Jahre 1999 einen kleinen Meilenstein für die Filmindustrie Österreichs. Die mehrfach ausgezeichnete Produktion bewies, woran das damalige Publikum nicht mehr geglaubt hatte: dass auch in Österreich interessante, für die Filmindustrie relevante Filme produziert werden können. "Nordrand" ebnete somit den Weg für viele junge österreichische FilmemacherInnen, vor allem auch auf internationaler Ebene. Das Spielfilmdebüt beschäftigt sich ebenso wie Alberts neuestes Werk "Die Lebenden" mit den Themen Selbstfindung, Heimat sowie Heimatlosigkeit, jedoch in unterschiedlichen Milieus.

Die 25-jährige Berlinerin Sita mit halb rumänischer und halb österreichischer Abstammung reist für die 95. Geburtstagsfeier ihres Großvaters nach Wien zu ihrem Vater. Dort erwarten sie statt einer fröhlichen Familienfeier jedoch die verschwiegenen Abgründe der Familie Weiss: als Sita ein Foto des Großvaters in SS-Uniform findet und ihren Vater zur Rede stellt, antwortet dieser abwehrend und deutlich in Verlegenheit geraten, Opa sei eben in einem Ausbildungslager gewesen. Nachdem für Sita viele Fragen offen bleiben und von ihrem Vater nur vage beantwortet werden, begibt sie sich auf eigene Faust auf die Suche nach der Wahrheit.

Sita findet die alte Wohnung der Großeltern, die zuvor einer deportierten Künstlerin gehörte, besucht das Archiv des österreichischen Widerstands und verschiedene Museen um mehr zu erfahren. Nachdem sie weder von ihrem Vater, noch von ihrem im Sterben liegenden Großvater Hilfe bei ihrer Recherche erwarten kann, reist sie allein in die Länder, in denen sich die Familiengeschichte abgespielt hat. Diese Suche bringt sie nach Polen und nicht zuletzt nach Auschwitz, sowie nach Rumänien, genauer gesagt Siebenbürgen, dem Geburtsort des Großvaters. Mit jeder Reise scheint sie der Wahrheit über die Familie Weiss ein Stückchen näher zu kommen.

„Die Lebenden“ beschäftigt sich mit dem für ÖsterreicherInnen und EuropäerInnen virulenten Thema der Vergangenheitsbewältigung. Die polnisch- österreischisch- deutsche Koproduktion der Wiener Regisseurin behandelt die Geschichte jedoch auf sehr eigenwillige und emotionale Art und Weise - aus der Sichtweise einer Enkelin eines Täters. Das Thema, das auf den ersten Blick hinreichend behandelt scheint wird hier auf eine erfrischende und packende Weise neu aufgerollt.

Weit entfernt von moralischer Schwarz-Weiß Malerei begeben wir uns gemeinsam mit Sita behutsam auf die Suche nach der Wahrheit, die uns immer wieder zu entschlüpfen scheint. Schuldzuweisungen und Verurteilungen bleiben unausgesprochen, ebenso fehlt es aber an Entschuldigungs- und Verteidigungsversuchen. Als Sita den Großvater auf seine Vergangenheit anspricht, schweigt dieser zuerst und stottert sodann unsinnig vor sich hin. Was also bleibt ist Sprachlosigkeit, Unverständnis, und Bestürzung, die Unfähigkeit zu erklären. Tiefe Trauer und Tränen scheinen die einzig legitimen Formen der Reaktion zu sein (das Letzte was wir vom Großvater sehen und hören ist ein erbitterter Weinkrampf).

Auf Schritt und Tritt folgen wir und folgt die Kamera der Protagonistin Sita durch die Familiengeschichte, die sie durch verschiedene Länder führt. Auf ihrer Reise durch die Lebensstationen ihrer Familie wird sie konfrontiert mit den Fragen der Schuld, Verantwortung und dem Umgang damit. Der Trip quer durch Europa deckt nicht nur die Vergangenheit des Großvaters auf, sondern schickt auch Sita auf die Suche nach der eigenen Identität. Sie hat zunächst Schwierigkeiten, mit den Entdeckungen umzugehen, schämt sich für ihre Familie, projiziert die Schuld auf sich selbst. Das Thema scheint die Familie zunächst zu entzweien, verbindet jedoch die Tochter mit dem distanzierten Vater mehr denn je.

Deutlich spürbar bleibt dabei, dass es sich um ein persönliches Drehbuch handelt. Die Geschichte ist stark an die eigene Familiengeschichte der Drehbuchautorin und Regisseurin und an ihre Recherchen zum Thema, sowie an Gespräche mit Enkeln von Tätern angelehnt. Alberts eigene Familie stammt aus Siebenbürgen und dem Banat, zwei Orten mit deutschen Minderheiten. Die Glaubwürdigkeit des Films bestärkt sich durch die autobiographische Authentizität vieler Elemente, wie zum Beispiel dem Onkel Michael Weiss, der ein aufklärendes Buch über die Familiengeschichte schreibt, den auch Albert tatsächlich auf ihrer eigenen Suche gefunden hat.

Die emotionale Tiefe des Films manifestiert sich auch vor Allem durch die starke Performance der Hauptdarstellerin Anna Fischer: ihr emotionaler Schauspielstil trägt den Film und macht die Höhen und Tiefen innerhalb der Geschichte greifbarer. Die Kamera weicht dabei nicht von ihrer Seite, zeigt uns immer wieder ihr Gesicht, durch das wir in das Innere der Figur blicken. Die verwackelte Kamera taumelt gemeinsam mit Sita durch die Geschichte und durch verschiedene Städte und liefert manchmal schöne, manchmal verdrängte und vergangene Bilder.

Fazit:
Mit seinen vielen Facetten scheint der Film sich manchmal zwar in sich selbst zu verlieren, teilweise auch in den vielen Zufälligkeiten und Begegnungen, die sich in der Handlung häufen. Besonders gegen Ende scheint der Film auch etwas in die Länge gezogen, aber "Die Lebenden" rettet sich immer wieder von der Liebesgeschichte und den vielen abenteuerlichen Begegnungen der Protagonistin in den roten Faden der Meditation über die Täterschuld.

Wertung:
8/10 Punkte
Filmering.at
Community
Ø Wertung: 7.5/10 | Kritiken: 0 | Wertungen: 2
10 /10
0%
9 /10
0%
8 /10
50%
7 /10
50%
6 /10
0%
5 /10
0%
4 /10
0%
3 /10
0%
2 /10
0%
1 /10
0%
Vielleicht interessiert dich auch
Paradies: Glaube (2012)
Museum Hours (2012)
Sickfuckpeople (2013)
Pieta (2012)
Nerven Bruch Zusammen (2012)
Monsters (2010)
Everyday Rebellion (2013)
All Is Lost (2013)
Alle Empfehlungen anzeigen
Der Film ist in diesen Listen
Will ich sehen
Liste von nori91140
Erstellt: 15.02.2016
Will ich sehen
Liste von nori091140
Erstellt: 12.04.2014