Winterdieb (2012)

OT: L'enfant d'en haut, Sister - 100 Minuten - Drama
Winterdieb (2012)
Kinostart: 26.04.2013
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Winterdieb

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Vier Jahre nach ihrem mehrfach preisgekrönten ersten Spielfilm Home startet nun Ursula Meiers zweiter Kinofilm. Winterdieb, im Originaltitel auch L’enfant d’en haut, auf Englisch Sister genannt, wurde in Berlin mit dem Silbernen Bären, außerdem mit mehreren Schweizer Filmpreisen ausgezeichnet und war im Rennen für den Oscar in der Kategorie „Bester fremdsprachiger Film“. Winterdieb ist ein Drama über eine zerbrochene Familie, eine verlorene Kindheit und die Vergessenen dieser Gesellschaft, das sich mit seiner unaufdringlichen Inszenierung in die Gedächtnisse der Zuseher bohrt und nicht so schnell vergessen wird.

Der zwölfjährige Simon (Kacey Mottet Klein) lebt mit seiner älteren Schwester Louise (Léa Seydoux) im Tal eines Schigebiets in den Schweizer Alpen. In der Wintersaison fährt Simon jeden Tag mit der Seilbahn hinauf um Touristen zu bestehlen. Er verdient sich ein regelämßiges Einkommen indem er Schi, Handschuhe, Jacken und Schibrillen klaut um sie dann zu verkaufen, gelegentlich lässt er auch Geld und Nahrung mitgehen. Seine Schwester, die ihren Job kündigt und nunmehr arbeitslos ist, profitiert davon und wird immer abhängiger von Simons Einnahmen.

Der Film basiert auf einer Erinnerung Ursula Meiers an einen mysteriösen Jungen, der alleine auf der Piste unterwegs war und der sie, selbst noch ein junges Mädchen, neugierig machte. Er passte so gar nicht dazu und stach zwischen den reichen Touristengruppen heraus. Bald erfuhr sie auch, dass der Junge des Stehlens bezichtigt wurde und in einem Restaurant Hausverbot bekam. Ebenso wie Simon stahl der Junge jedoch unbeeindruckt weiter, so lange bis er nicht mehr mit der Seilbahn ins Schigebiet durfte.

Winterdieb überzeugt, auch im Gegensatz zu Meiers Erstlingsfilm Home, mit scharfem Realismus und einer starken Hauptfigur, einem kleinen Jungen der dem Zuseher so ans Herz wächst, dass der oftmals aufgeworfene Vergleich zu Truffauts Kinderhelden auf der Hand liegt. Die Kamera heftet sich nahe an Simon, oftmals von einer wackligen Handkamera verfolgt blicken wir ihm über die Schulter und erhaschen einen Einblick in seinen lieblosen Alltag, der nichts mehr mit Kindheit zu tun hat. Der Junge lebt bereits in der Erwachsenenwelt und kümmert sich um Louise, die ihrerseits keine Verantwortung übernimmt und sich wie ein Teenager benimmt.

Simon ist ein frecher und gewiefter Geschäftsmann, der durch das Leben abgehärtet sich durch nichts und niemand einschüchtern lässt. Zwar wird er irgendwann, beim Stehlen erwischt, davongejagt wie ein räudiger Hund und mit dem Müll im Schilift nach unten verfrachtet, kehrt jedoch bald wieder zurück. Kacey Mottet Klein, der bereits für Home als Schauspieler entdeckt wurde, spielt die Rolle des Simon herzergreifend. Das wahre Sozialdrama spielt sich hier jedoch hinter den eigenen vier Wänden ab: denn Simons „Familie“ spendet ihm alles andere als Geborgenheit. Ab einem gewissen Punkt im Film wird klar, dass es für Simons Familienglück keine Hoffnung gibt: er bezahlt die Schwester, verhandelt um sich zu ihr ins Bett kuscheln zu dürfen. Sie hingegen beschimpft ihn, er sei eine Last für sie und sie wolle ihn nicht bei sich haben.

Beständig verfolgen wir die Bewegung Simons von unten nach oben, von oben nach unten- ein ständiges Auf und Ab, nicht nur örtlich vom Tal in die Bergstation, sondern auch eine Bewegung zwischen verschiedenen sozialen Schichten. Das industrielle Tal auf der einen Seite mit seinen Sozialbauten und das sonnige Urlaubsgebiet, ein Paradies für Touristen, am anderen Ende der Seilbahn. Simon durchbricht diese scharfe Grenze zwischen Arm und Reich- versteckt hinter Schibrille, Helm und Schianzug kann er sich hier als Kind frei bewegen und in der Ausrüstung sehen ja schließlich alle gleich aus. Man merkt sogleich, dass Simon kein Amateurdieb ist und dass er ungeniert nach Marken und Qualitätsware Ausschau hält. Als er Louise eine Jacke mitnimmt macht sie sich Sorgen, ob sie denn das Diebesgut öffentlich tragen könne, worauf Simon antwortet, denen da oben, den Touristen, sei das egal, die würden sich einfach neue Sachen kaufen. Simon mag an einen kleinen Robin Hood erinnern, der seinen Nachbarskindern Schier und Handschuhe zu kleinem Preis verkauft, seine Motivation ist jedoch nicht die Umverteilung: viel lieber als sich an den Reichen rächen möchte er dazugehören und in der Sonne sitzen und im Bergrestaurant ein gutes Essen und Trinken genießen.

Oben kursiert Geld im Überfluss und floriert das Leben. Während im Tal die Arbeitslosigkeit hoch ist und es keine rosigen Aussichten gibt. Deshalb stiehlt sich Simon davon und erfindet in den Bergen eine neue Identität für sich, er trifft eine junge Mutter, in der er die Mutterfigur erkennt, nach der er sich so sehr sehnt und erzählt ihr, seine Eltern hätten keine Zeit für ihn da sie ein Hotel führen und den ganzen Tag arbeiten. Mit seiner teuren Schiausrüstung mischt er sich unter die reichen Touristen und entflieht so dem tristen Alltag im Tal. Seine Schwester Louise hingegen ist Teil der anderen Welt unten, sie treibt sich ständig mit Männern herum, kommt oft tagelang nicht nach Hause und überlässt Simon sich selbst. Wenn sie dann da ist, ist sie meist betrunken, aber Simon liebt sie trotzdem, gibt ihr Geld und kümmert sich um sie.

Von den beiden Hauptdarstellern Léa Seydoux (Lourdes, Midnight in Paris) und Kacey Mottet Klein getragen, erschafft der Film ein weites emotionales Spektrum zwischen Mitgefühl, Aggression und Hoffnungslosigkeit. In wenigen Momenten hat man das Gefühl eine familiären Zugehörigkeiten, wenn die beiden Geschwister wie Kinder herumtollen. Jedoch verliert man als Zuseher schon sehr bald jegliche Sympathien für die Schwester, die sich ständig herumtreibt und immer mehr eine Last für Simon darstellt mit ihren Alkoholeskapaden. Spätestens ab der zweiten Hälfte des Films, in dem sich ein überraschendes Geheimnis lüftet, das die Situation noch hoffnungsloser gestaltet.

Fazit:
Winterdieb ist ein beklemmendes und kompromissloses Drama über das Leben eines Jungen, das verstörender nicht sein könnte. Hinter den idyllischen Kulissen der Schweizer Alpen bzw. darunter, im Tal, versteckt sich das unsichtbare Elend, das Ursula Meier aufdeckt. Das Urlaubsparadies der wohlhabenden Schweiz wirft einen dunklen Schatten, der hier nicht in einem typischen milieubehafteten Sozialdrama gezeigt wird, sondern in einem schmerzhaft realistischen Film, in dem sich die Ebenen zwischen Arm und Reich vermischen, wenn Simon ins Gebiet der Reichen und Schönen immer wieder unerkannt eindringt. Einziger Kritipunkt ist die Stagnation der Story ab der zweiten Hälfte des Films, in der keine neuen Perspektiven mehr geliefert werden und die den Film trotz seiner recht moderaten Länge unendlich lang erscheinen lässt. Diese Perspektivlosigkeit ist jedoch gewollt ohne Schnörkel inszeniert und lässt auch uns als Zuseher an gewissen Stellen des Films verzweifeln. Die nicht nur winterliche sondern auch emotionale Kälte dieser Welt fängt Agnès Godard mit der Kamera ein, in atmosphärischen und gleichzeitig nüchternen Bildern, die der Stille und Hoffnungslosigkeit genügend Raum bieten, um sich auszubreiten. Mit großem Taktgefühl und mit Subtilität nähert man sich hier der Geschichte an und lässt dabei dem Geschehen und den Schauspielern viel Raum für Gesten und kleine Momente. Sowohl Léa Seydoux als verlorene junge Frau, als auch und vor Allem Kacey Mottet Klein ist es zu verdanken, dass dieser Film so sehr in Erinnerung bleibt und uns das Gesicht und Schicksal des kleinen Simon so schnell nicht aus dem Kopf gehen.

Wertung:
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Filmering.at
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