Der Geschmack von Rost und Knochen (2012)

OT: De rouille et d'os - Rust and Bone - 120 Minuten - Drama / Mystery
Der Geschmack von Rost und Knochen (2012)
Kinostart: 11.01.2013
DVD-Start: 19.07.2013 - Blu-ray-Start: 19.07.2013
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Filmkritik zu Der Geschmack von Rost und Knochen

Jedes Jahr erhalten zahlreiche Regisseure und deren außergewöhnlichen Filme bei den Filmfestspielen in Cannes die Möglichkeit mit der vielumworbenen Goldenen Palme geehrt zu werden. Der Filmemacher Jacques Audiard (Der wilde Schlag meines Herzens, 2005; Ein Prophet, 2009) hatte diese Gelegenheit mit seinem Film Der Geschmack von Rost und Knochen, ging jedoch leer aus. Trotzdem kann das Drama weiterhin mit dem Festival in Verbindung gebracht werden, da es eine große Gemeinsamkeit aufweist: der Großteil der Handlung spielt sich in Cannes ab. Doch nicht nur deswegen wurde der Film in den Wettbewerb aufgenommen. Bemerkenswert ist die Geschichte selbst, die Audiard hier in Szene gesetzt hat. Als Boten dieser Story hat sich der Regisseur Marion Cotillard (Inception, 2010; The Dark Knight Rises, 2012) und Matthias Schoemaerts (Bullhead, 2011) ausgesucht, die in die Hauptrollen geschlüpft sind und mit ihrem nuancierten Schauspiel eine intensive Anziehungskraft erzeugen. Der Zuschauer wird demnach direkt in das Geschehen hineinversetzt und muss daraufhin die schreckliche Seite des Lebens mit ansehen.  

Ali (Matthias Schoemaerts) ist Mitte zwanzig, kämpft gerne für Geld auf der Straße und hat einen fünf Jahre jungen Sohn (Armand Verdure). Momentan lebt er bei seiner Schwester Anna (Corinne Masiero), die genauso wie ihr Bruder nur knapp über die Runden kommt. Es dauert nicht lange und Ali zieht einen neuen Job an Land. Er arbeitet als Türsteher in einem Club und lernt dort die Killerwal-Trainerin Stéphanie (Marion Cotillard) kennen, nachdem er sie vom Angriff eines Mannes befreit hat. Er bringt sie nach Hause und hinterlässt ihr seine Nummer. Doch Stéphanie zeigt kein Interesse. Es vergehen einige Monate und Alis Telefon klingelt. Stéphanie benötigt seine Hilfe. Sie hat bei einem tragischen Unfall ihre Unterschenkel verloren und benötigt somit jemanden, der ihr kein Funken Mitleid schenkt. Ali scheint dafür der Richtige zu sein…

Der ein oder andere kennt das Gefühl der Leere, welches hervorkommt wenn das ganze Leben verloren scheint, sodass einem nur noch zwei Wege offen stehen: aufgeben oder wieder aufstehen und weiterkämpfen. Stéphanie entscheidet sich für den zweiten Weg und diese Entscheidung verdankt sie Ali. Damit treffen zwei grundverschiedene Menschen aufeinander. Stéphanie tritt mit einer mysteriösen Aura auf, dagegen ist Ali ein offenes Buch, der in den Tag hinein lebt und seine Gedanken frei äußert. Infolgedessen ist es sehr interessant zu beobachten wie sich langsam eine Beziehung der besonderen Art entfaltet, die zugleich sehr authentisch wirkt.

Die Handlungen der Figuren sind nachvollziehbar. Die Charaktere werden mit ihren Problemen präsentiert, haben Ecken und Kanten und eine Gefühlswelt, die Jacques Audiard dem Zuseher nicht vorenthält. Uneingeschränkte Anerkennung und Lob verdient auf jeden Fall Marion Cotillard, die die Kunst besitzt komplexe Gefühle durch kleinste Bewegungen ihrer Mimik zu veranschaulichen. Egal ob Schmerz, Rage, Leere oder Liebe – Stéphanies Gefühle kommen nie aufgesetzt herüber und sind aufgrund dessen stets greifbar für den Zuschauer. Die Oscar-Preisträgerin Cotillard hat sich hier aber keine einfache Rolle ausgesucht, denn Stéphanie ist geheimnisvoll und offenbart ihren inneren Kosmos nicht gerne. Cotillard gelingt es aus den verhüllenden Schleier der Figur eine Vitrine zu gestalten und veranschaulicht damit ihre eigene Interpretation von Stéphanie, sodass diese dadurch mehr Tiefe erhält. Aber auch Matthias Schoemaerts liefert als Ali eine sehr gute schauspielerische Leistung ab und geht aus diesem Grund nicht neben der fantastischen Cotillard unter.

Jacques Audiard hat darüber hinaus nicht nur die schmerzhafte Seite des Lebens mit seinem Film Der Geschmack von Rost und Knochen eingefangen, sondern stellt mit viel Feingefühl berührende Momente mithilfe von ausdrucksstarker Bildsprache dar. Beispielsweise wird Stéphanies Verbindung zu den Killerwalen in einer Szene ohne Worte vermittelt. Die Titelheldin befindet sich nach ihrem Unfall vor dem Schwertwal-Aquarium. Sie lockt einen Wal an. Dieser schwimmt dicht an die Scheibe und befolgt die dirigierenden Bewegungen seiner Leiterin – eine zärtliche und zugleich bemerkenswerte Szene. Erwähnenswert ist zudem die Szene, in der Ali während eines Straßenkampfs am Boden liegt und beobachtet wie Stéphanie aus dem Auto steigt. Die Protagonistin führt ihm in diesem Moment ihren Mut und Lebenswillen vor, sodass dieser aufsteht und weiterkämpft – grandios!     

Allerdings funktioniert nicht alles einwandfrei. Wie bereits thematisiert stellt die Figur Stéphanie wegen ihrer vorgeschriebenen Undurchsichtigkeit ein Problem dar, welches Cotillard gekonnt löst, doch obendrein haben sich mit Stéphanies Schleier auch einige Charakterklischees in das Drehbuch geschlichen, die sich im Verlauf der Handlung sichtbar machen. Zwar handelt es sich hier nur um kleinere Drehbuchmängel, jedoch grenzen diese den Film vom Olymp der Charakterdramen ab.

Fazit:
Der Geschmack von Rost und Knochen ist ein beachtenswertes Charakterdrama, das seine Spuren noch lange nach dem Kinobesuch beim Betrachter hinterlassen wird. Die Schauspieler Marion Cotillard und Matthias Schoemaerts überzeugen auf ganzer Linie und bilden mit ihrer perfekt harmonierenden Chemie einen Sog, der zudem mit der Bildersprache des Regisseurs Jacques Audiard und einer ehrlichen sowie rauen Geschichte ausgeschmückt ist.   

Wertung:
8/10 Punkte
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