I'm not There

OT: -  135 Minuten -  Drama
I
Kinostart: 28.02.2008
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: 28.10.2011
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Filmkritik zu I'm not There

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Musikerbiographien sind zur Zeit gerade sehr in Mode. Zuerst wurde das Leben von Ray Charles von Taylor Hackford verfilmt, und wurde nicht nur ein Erfolg, sondern war auch noch bei der Oscarverleihung stark vertreten, und Ray brachte gleich noch seinem Hauptdarsteller Jamie Foxx den Oscar als bester Hauptdarsteller ein. Ein Jahr später durfte sich auch noch Johnny Cash auf Zelluloid verewigen, und auch dessen Biographie Walk the Line, die eine verblüffende Ähnlichkeit zu Ray besitzt, schaffte es wieder, vom Publikum und der Oscarjury gewürdigt zu werden. Zwar musste sich Johnny Cash-Darsteller Joaquin Phoenix mit einer Nominierung begnügen, aber dafür wurde seine Partnerin Reese Witherspoon mit dem Oscar für die beste weibliche Hauptrolle ausgezeichnet.

Ach dieses Jahr schafft es wieder ein legendärer Künstler in unsere Kinos: Bob Dylan. Fans werden sich wundern, warum Dylan, der sich stets gegen eine Verfilmung seines Lebens gewehrt hatte, seine Zustimmung für Todd Haynes' Projekt I'm not There gegeben hat, doch wenn man sich die Vorzeichen des Projekts ansieht, wird man seine Entscheidung verstehen. Todd Haynes scheint nämlich ganz und gar nichts von der klassischen Biographie zu halten, die sich darauf beschränkt, das Leben eines Künstlers oder Teile davon nachzuerzählen. Auf diese Weise wäre die widersprüchliche Figur Bob Dylan auch gar nicht zu erfassen, also hat man sich gerade die Widersprüchlichkeit der Figur zu Nutze gemacht und gleich sechs verschiedene Darsteller in die Rolle des Bob Dylan gesteckt, die jeweils ein anderes Gesicht dieses Jahrhundertmusikers repräsentieren. I'm not There schüttelt somit alle Konventionen und Fesseln des Biographiegenres ab und kann tief in seine Hauptfigur eindringen und so ein vielschichtiges und vor allem faszinierendes Bild von Bob Dylan zeichnen.

Poet, Diva, Star, Ikone, Ehemann, Vater, Idol, Hassobjekt und vieles mehr. Das alles ist Bob Dylan, und zugleich ist er nichts davon. Bob Dylan ist nur ein Name, und die vielen Facetten seiner Persönlichkeit könnten viele Biographien ausfüllen. Dieser absolute Ausnahmekünstler ist nicht nur einer der wichtigsten Songtextschreiber unserer Zeit, er ist viel mehr. Dabei durchlebte er außerordentlich viele Wandlungen, die sich nicht nur auf seinen Charakter, sondern zugleich auch auf seine Musik auswirkten, was selbstverständlich nicht nur für positive Resonanz sorgte, wandte er sich doch häufig ins Gegenteil seiner voherigen Linie und stieß seine Fans somit vor den Kopf.

Todd Haynes nähert sich dieser widersprüchlichen Figur auf dem einzig möglichen Weg: Er versucht gar nicht, das Leben Dylans nachzuerzählen. Genau genommen findet man während des ganzen Films nur zwei direkte Erwähnungen seines Namens: Im Vorspann wird kurz erwähnt "Inspired by the many lives and the time of Bob Dylan", und vor dem Abspann wird uns eine kurze Aufnahme des echten Bob Dylan gezeigt. Alles dazwischen ist offensichtlich inspiriert durch das Leben der Ikone und auch von zahlreichen Anspielungen durchsetzt, allerdings taucht der Name Bob Dylan nie auf.

Da gibt es Woody (Marcus Carl Franklin), den 11 jährigen schwarzen Jungen, der Bob Dylan auf der Suche nach seiner Identität repräsentiert, und dessen Name eine kleine Anspielung auf Woody Guthrie ist, der Dylan am Beginn seiner Karriere beeinflusst hat. Woody zieht mit seiner Gitarre durchs Land und hat symbolisch noch keinen Platz in der Welt. Arthur (Ben Wishaw) ist der Erzähler von I'm not There, und zitiert im Gespräch vor einer nicht näher beleuchteten Kommission einige Dylan-Interviews aus dem Jahre 1965. Arthur repräsentiert dabei Bob Dylan unter dem Einfluss von Arthur Rimaud und stellt einen künstlerischen Rebell und Poeten dar, der dem Publikum eine kleine Einführung in seine Welt gewährt.

Jack (Christian Bale) ist Bob Dylan, als er seinen eigenen Weg gefunden hat und erste Erfolge feiert. Durch Protestsongs in Greenwich Village und erste wichtige Alben repräsentiert er Dylan am Anfang der 60er, doch vom Divendasein späterer Jahre ist noch nicht viel erkennbar. Stattdessen zeigt Arthur einen schüchternen und in Gesprächen gekrümmten Dylan, der noch nicht wirklich mit seinem Erfolg umgehen kann. Robbie (Heath Ledger) ist der Bob Dylan, der sich als Schauspieler versucht und gleichzeitig probiert, seinen Ruhm und sein Privatleben unter Kontrolle zu halten. Dabei liefert diese Episode eine kleine Chronologie der Beziehung zu Claire (Charlotte Gainsbourg).

Jude (Cate Blanchett) ist Bob Dylan im Umbruch, der sich von der Folkmusik verabschiedet und sich stattdessen dem elektronisch verstärkten Rock zuwendet. Dieser Wandel wurde von seinen alten Fans heftig kritisiert, und so kam es dazu, dass diese ihn ausbuhten oder sogar als Judas beschimpften. Gleichzeitig ist diese Schaffensperiode wohl eine der wichtigsten in Dylans Karriere, die ihn auch endgültig zum Weltstar machte, und in der seine Songs eine Komplexität erreichten, wie es in der Popmusik absolut einzigartig ist. Seine Texte waren durchwegs mit Anspielungen und surrealen Passagen versehen und auch sein Buch Tarantula, das während dieser Zeit entstand, geht in die selbe Richtung.

Die beiden letzten Figuren sind schließlich Pastor John (erneut Christian Bale), der einen Dylan repräsentiert, der seinen Weg zurück zum Glauben gefunden hat, und Billy (Richard Gere), der völlig von der Außenwelt zurückgezogene Bob Dylan, der im wilden Westen seine einsamen Bahnen zieht und schließlich mit einem Gegner aus der Vergangenheit konfrontiert wird. Dieser Abschnitt des Films ist eine Anspielung auf die vielen persönlichen Auszeiten, die sich Bob Dylan im Lauf seiner Karriere genommen hat, und ist im Westernstil gehalten, um dem Interesse des Musikers für die Country Musik und vor allem seinen Western Themes, unter anderem für Pat Garrett & Billy the Kid, eine Referenz zu erweisen.

Man sieht: es erweist sich als sehr umständlich und schwierig, den Inhalt von I'm not There widerzugeben, ist es ja auch ein wesentlicher Eckpfeiler des Konzepts, das konventionelle Erzählkino hinter sich zu lassen. I'm not There erzählt nicht eine Geschichte, der Film ist eine tiefgehende Auseinandersetzung mit seiner Figur und splittet diese vielschichtige Persönlichkeit auf mehrere Erzählstränge auf, die noch dazu chronologisch durcheinandergewürfelt sind, und auch noch ineinander hin- und herspringen. Dabei erreicht man, dass sich die gesplittete Persönlichkeit Bob Dylans, in mehrere Stücke zersprungen, für den Zuseher anbietet und ein gesamtes und detailliertes Bild dieser Ikone ergibt.

Dabei unterscheiden sich die einzelnen Persönlichkeitsebenen oft gravierend voneinander, sind aber allesamt perfekt gelungen. Marcus Carl Franklin darf dabei als Jungdarsteller viel von seinem großen Talent zeigen und liefert als junger Bob Dylan eine kleine Galavorstellung ab. Seine Episode ist etwas im Südstaatenflair gehalten, erzählt sie doch eine Geschichte im schwarzen Bluesmilieu. Christian Bale darf wieder einmal zeigen, dass er einer der ganz großen Schauspieler unserer Zeit ist, und legt seinen Dylan außerordentlich zurückhaltend und überfordert an. Heath Ledger obliegt es dabei, die konventionellste aller Facetten zu portraitieren, er bringt aber alles Nötige mit, um den normalsten Part als Familienmensch und Schauspieler so zu spielen, dass er auf gleichem Niveau mit den anderen Dylan-Darstellern bleibt.

Diese drei Schauspieler spielen dabei die drei normaleren Seiten von Dylans Persönlichkeiten, wo hingegen die anderen drei innerhalb des ohnehin schon konfusen Geflechts aus Dylans Bewusstseinsebenen die drei exzentrischeren Parts übernehmen. Ben Wishaw spielt Dylan als poetischen Kreativkopf und trifft sowohl in seiner Mimik als auch in seiner Art zu sprechen stets den richtigen Ton, was ihm eine Ausstrahlung als weiser Wirrkopf beschert, der den Film mit seinen Lebensweisheiten kommentiert. Ebenfalls unvergessen auch Richard Gere, mit der deutlich abstraktesten Figur, die Dylan als Billy the Kid zeigt und ihn symbolisch in seine eigenen Welt zurückzieht.

Doch innerhalb all dieser nuancierten und treffenden Verkörperungen schafft es Cate Blanchett, noch zusätzlich hervorzustechen. Generell ist es ihre Episode, die auch inszenatorisch am interessantesten gestaltet wurde. Es ist die Phase um das Jahr 65, in der Dylan seinen Stil umstellt, und sowohl unter dem Hass seiner früheren Fans als auch unter dem Druck des Erfolgs leidet, und sich die Wahrnehmung auf filmischer Ebene verzerrt. Als einziger Abschnitt ist diese Episode in Schwarz-Weiß gehalten, und von oft surrealen Bildern durchzogen. Hier wirkt es oft so, als hätte David Lynch eine Biographie gedreht, in der unter anderem eine riesige Tarantel, als Anspielung auf Dylons Buch Tarantula, projeziert auf eine Wand gezeigt wird, oder sich ein Passant den Kopf anzündet. Der Film befördert den Zuseher hier in den Blickwinkel des völlig überforderten Dylan, und auch musikalisch finden sich hier einige der Glanzstücke des Films wieder. Besonders eindrucksvoll ist vor allem die Darbietung von Ballad of a Thin Man, die von einer abermals sehr surrealen Szene mit dem besungenen Mr. Jones visualisiert wird.

Natürlich spielt auch die Musik, wie könnte es auch anders sein, eine sehr große Rolle. Dabei ist es sehr schön, dass man die wirklich jedem bekannten Welthits wie Blowin' in the Wind, oder Knockin' on Heavens Door (bis auf den Abspann) ausgeklammert hat, und sich auf die Lieder von Dylan konzentriert hat, die auch wirklich in den gerade gezeigten Kontext passen. Dabei kann man dem Projekt in jeder Sekunde anmerken, dass es mit Dylan kreativ und spirituell auf einer Ebene operiert, und sich die Bilder, gepaart mit der wundervollen Musik, zu ungeahnten Höhen hochschaukeln.

Dabei ist allerdings zu beachten, dass I'm not There nur für ein Publikum geeignet ist, das sich auch auf eine neue, wirklich einzigartige Erzählform einlassen kann, und somit für die breite Masse wohl gänzlich ungeeignet ist. I'm not There ist ein sehr fordernder Film, der stets die gesamte Aufmerksamkeit des Publikums erfordert, um das Gezeigte auch einzuordnen. Wer sich darauf einlässt, bekommt ein zersprungenes Bild, einer Kaleidoskopaufnahme gleichend, von dem wahrscheinlich bedeutendsten Musiker unserer Zeit vorgesetzt, das zwar einiges vom Zuseher fordert, aber auch viel zurückgibt. Auch sollte man eine gewisse Affinität für Bob Dylans Musik besitzten, aber zumindest das sollte man von jedem erwarten, der sich seine Biographie ansieht. Detaililertes Vorwissen ist nicht zwingend notwendig, allerdings tragen wahrscheinlich auch gerade die zahlreichen Anspielungen auf Dylan und sein Leben einiges zur Größe des Films bei. Am besten ist es jedoch, sich einfach zurück zu lehnen und sich von diesem Film überrollen zu lassen, denn so ganz ist er, zumindest beim ersten Mal Ansehen, nicht greifbar. Doch auch dies trägt nur dazu bei, dass I'm not There noch mehr von den überlebensgroßen Ausmaßen Bob Dylans bekommt, und in seiner detaillierten, nicht nacherzählenden, sondern von Innen heraus beleuchtenden Methode seiner Figur Profil zu verleihen, eine Kraft bekommt, wie sie noch kein Biopic zuvor erreicht hat.

Fazit:
I'm not There wagt einen radikalen Bruch mit der konventionellen Erzählstruktur, und schafft sich somit selbst den Rahmen, um das widersprüchliche und einzigartige Leben von Bob Dylan auf die Leinwand zu bringen. Insgesamt übernehmen sechs verschiedene Darsteller die Rolle von Bob Dylan und verstärken somit die Aufteilung in die verschiedenen Facetten seines Lebens noch zusätzlich. Dabei gelingt das beachtliche Kunststück, dass sich diese Biographie nicht auf das bloße Nacherzählen beschränkt, sondern tief in seine Hauptfigur eintaucht, und einen vielschichtigen, mal nahen, mal distanzierten Einblick in den Charakter eines der beachtlichsten Künstler unserer Zeit gewährt. Selbstredend ist dieses anspruchsvolle Unterfangen nicht für die breite Masse geeignet, aber für jeden künstlerisch interessierten Filmfan ist I'm not There ein absoluter Pflichttermin. Die bereitgestellte Musik von Dylan und die dazu gehörende Visualisierung sind im Geist vereint und steigern sich in einer künstlerischen Symbiose in eine Wucht, die wahrlich umwerfend ist. Angereichert mit Anspielungen und surrealen, ambivalenten Szenen erreicht I'm not There eine Dimension, die es sehr schwer macht, diesen Film ganz zu erfassen. Am besten ist es, wenn man sich einfach zurücklehnt und sich von diesem inspirierenden, vielschichtigen Meisterwerk überrollen lässt. Einer der ganz großen Filme des Jahres!

Wertung:
10/10 Punkte

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