Les Misérables (2012)

OT: Les Misérables - 157 Minuten - Drama / Musical
Les Misérables (2012)
Kinostart: 22.02.2013
DVD-Start: 27.06.2013 - Blu-ray-Start: 27.06.2013
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Filmkritik zu Les Misérables

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Alle Anzeichen standen auf Oscarfavorit: Der Roman “Die Elenden” von Victor Hugo, gilt längst als Klassiker, die Bühnenadaption “Les Miserables” erobert seit der Premiere im Jahr 1980 (bzw. in der heutige Form im Jahr 1985) die Herzen der Musicalfans und nach einigen Verfilmungen des Romans, sollte nun die große Leinwandversion des Musicals folgen. Inszeniert vom frischgebackenen Oscarpreisträger Tom Hooper, und getragen von einem All-Star Ensemble rund um Hugh Jackman, Russell Crowe und Anne Hathaway gingen die meisten Beobachter von einem bombensicheren Oscarfavoriten aus. Auf Grund der sehr gespaltenen (und teilweise sehr harschen) Kritikerstimmen aus den USA, hat sich der Film zwar von seinem Favoritenstatus verabschiedet, aber man sollte Les Miserables dennoch nicht abschreiben: Trotz großer Schwächen, funktionieren Teile des Films wirklich gut und die Größe des Musicals ist stets erahnbar.

1815: Jean Valjean (Hugh Jackman) hat die letzten 19 Jahre in Gefangenschaft verbracht, weil er ein Stück Brot gestohlen hat. Doch auch nachdem er seine Strafe abgesessen hat, ist kein Frieden in Sicht: Inspektor Javert (Russell Crowe) macht ihm klar, dass er bei dem kleinsten Vergehen sofort wieder seine Zeit mit Zwangsarbeit verbringen wird und mit dem Mal des Exsträflings in seinen Papieren, bekommt er keinen ordentlichen Lohn und wird in keiner Herberge aufgenommen. Daraufhin lässt er seine Vergangenheit hinter sich und nimmt eine neue Identität an. 1823: Unter dem Namen Monsieur Madeleine ist Valjean mittlerweile zum Bürgermeister und Fabrikbesitzer aufgestiegen. Doch als Fantine (Anne Hathaway), eine seiner Arbeiterinnen, vom Vorarbeiter entlassen wird, auf der Straße landet und sich nicht mehr um ihre Tochter kümmern kann, holt ihn die Vergangenheit ein: Valjean verspricht Fantine, dass er sich um ihre Tochter Cosette (Isabelle Allen) kümmert und gerät ins Visier von Inspektor Javert, dem er sehr bekannt vorkommt....

Tom Hoopers Les Miserables ist zunächst eine sehr zwiespältige Angelegenheit. Der Film beginnt furios, reißt den Zuseher sofort ins Geschehen und verwöhnt mit den großartigen Musikstücken aus dem Musical. Tom Hooper hat sich entschlossen den Gesang live mit den Szenen aufzunehmen und nicht etwa Playback über das Bild zu legen. Dadurch sind die Songs natürlich auch weniger perfekt, aber der Film entwickelt einen eigenen, rauen Stil, der durchaus überzeugt. Auch die Bilder passen in der ersten Hälfte des Films noch sehr gut, auch wenn Tom Hooper eine Vorliebe für die Großaufnahme hat. Der Sog baut sich auf, doch gerade als man sich richtig fallen lassen will, bekommt der Film Probleme. Ungefähr ab der Hälfte gibt es einen Bruch, der die gesamte Struktur des Films bröckeln lässt.

Nach einem Zeitsprung, rückt die klare Hauptfigur Jean Valjean leicht in den Hintergrund und als Zuseher sieht man sich mit einigen gleichwertigen Handlungssträngen konfrontiert: Da wäre die Liebe von Jean Valjean zu seiner Adoptivtochter Cosette, die aufflammende Liebe zwischen Cosette und Marius (Eddie Redmayne), sowie der entflammende Klassenkampf, in den Marius involivert ist. Und natürlich darf man auch den ewigen Kampf zwischen Valjean und Javert nicht vergessen. Das Problem dabei ist allerdings, dass sich der Film dramaturgisch am Musical orientiert, eine solche Dramaturgie aber eben nur auf der Bühen funktioniert. Für einen Film kommen einfach zu viele Dinge völlig aus dem Nichts: So versteht man besonders die Liebesbeziehung zwischen Cosette und Marius nicht, die innerhalb von einem Blickkontakt entfacht, aber auch die Vaterliebe oder die Feindschaft mit Javert werden viel zu wenig ausgearbeitet, sondern stehen einfach als gegeben da.

Dies sorgt besonders für dramaturgische und erzählerische Probleme, die sich aber auch auf die emotionale Bindung zum Zuseher auswirken. Auf Grund der Entscheidung, dass sich der Film sehr eng ans Musical hält, alle Gesangsnummern einbaut und auch nur wenige Sätze außerhalb der Musikstücke gesprochen werden, bietet sich quasi die Möglichkeit das weltberühmte Musical zu entdecken (bzw. wieder zu entdecken). Rein filmisch funktioniert das natürlich nicht unbedingt immer gut - vor allem, da es teilweise zum Festival der offenen Münder wird, wenn Tom Hooper in Großaufnahme auf die singenden Gesichter hält, aber das bedeutet nicht, dass Les Miserables wirklich gescheitert ist: Dafür bleiben einfach viel zu viele Musiknummern im Kopf hängen, allerdings ist das wohl eher die Leistung des Musicals, als des Films. Auch wenn es durchaus einige Szenen gibt, die sehr gut gelungen sind.

Wirklich herausragend ist das Ensemble des Films: Besonders in der ersten Hälfte überrascht Hugh Jackman mit einer wirklich eindrucksvollen Darbietung. Mit seinem Musicalbackground und seiner Präsenz entpuppt er sich als guter Hauptdarsteller, lediglich in der zweiten Hälfte gelingt es ihm nicht mehr so stark für Eindruck zu sorgen. Ebenfalls überzeugend ist Russell Crowe, der zwar musikalisch einige Probleme hat, aber überraschenderweise es dennoch schafft die Hürden zu meistern und auf emotionaler Ebene zu überzeugen. Und besonders Anne Hathaway fasziniert mit einem wunderbaren Auftritt, der ihr zumindestens eine Nominierung für den Oscar garantieren dürfte. Etwas störend bleiben allerdings Sacha Baron Cohen und Helena Bonham Carter in Erinnerung, die zwar beide einen gelungenen Einstand feiern, aber danach bald schon zu nerven beginnen. Doch abgesehen davon leistet der gesamte Cast von Les Miserables eine fantastische Arbeit und bis in die kleinste Nebenrolle wirkt der Film großartig besetzt.

Es ist aber schwer eine eindeutige Empfehlung abzugeben. Es wird Leute geben, die den Film wirklich stark ablehnen werden und es wird Leute geben, bei denen die Formel des Films aufgehen wird. Beide Seiten werden genügend Argumente bekommen um ihren Standpunkt zu vertreten, also sollte man sich am besten selbst überzeugen. Festzuhalten ist jedenfalls, dass Les Miserables in der ersten Hälfte ausgezeichnet funktioniert, danach aber darunter leidet, dass die Dramaturgie für einen Film nur bedingt funktioniert, die emotionalen Stützen nicht wirklich überzeugen und der etwas monotone Inszenierungsstil in der zweiten Hälfte dafür sorgt, dass sich der Film etwas langatmig anfühlt. Gleichzeitig bleiben aber viele Momente und besonders Lieder in Erinnerung und auf Grund der sehr guten Darsteller überzeugt Les Miserables auch auf vielen Ebenen.

Fazit:
Les Miserables ist ein zwiespältiger Film, der das Publilkum spalten wird. Die Orientierung entlang der Musicaldramaturgie hat gute und schlechte Seiten an sich. Auf der einen Seite bietet der Film eine unkomplizierte Möglichkeit das Musical zu entdecken oder wieder zu entdecken - und das mit einem grandiosen Cast und einigen durchaus bemerkenswerten Bildern. Aber andererseits funktioniert die Bühnendramaturgie auf der Leinwand nur bedingt. Besonders in der zweiten Hälfte bröckeln die großen emotionalen Stützen des Films, weil sie viel zu hektisch aus dem Nichts hervorgezaubert werden. Auch Tom Hoopers Hang zur Großaufnahme nutzt sich etwas ab und sorgt dafür, dass sich der Film etwas zu monoton anfühlt und sich in die Länge zieht. Nichtsdestotrotz agiert der Cast (abgesehen von einigen wenigen Szenen, in denen die Rührseligkeit der Inszenierung überhand nimmt) grandios, die Musik klammert sich im Gedächtnis fest und auch Tage nach dem Kinobesuch hat man noch diverse Gesangsnummern im Kopf. Letzten Endes gibt Les Miserables Gegnern und Fürsprechern genügend Argumente mit um emotional darüber zu debatieren und man muss selbst sehen in welcher Gruppe man sich einordnet.

Wertung:
7/10 Punkte
Filmering.at
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Ø Wertung: 7.4/10 | Kritiken: 0 | Wertungen: 13
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