Cloud Atlas - Der Wolkenatlas (2012)

OT: Cloud Atlas - 164 Minuten - Drama / Mystery / SciFi
Cloud Atlas - Der Wolkenatlas (2012)
Kinostart: 16.11.2012
DVD-Start: 16.04.2013 - Blu-ray-Start: 16.04.2013
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Filmkritik zu Cloud Atlas - Der Wolkenatlas

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Man muss es einfach lieben, wenn Filmemacher die Komfortzone verlassen, die Sicherheiten ablegen und in riesigen, fast schon größenwahnsinnigen Dimensionen denken. Man erinnere sich etwa an Werner Herzogs grandiose Abenteuer im Dschungel während den Dreharbeiten zu Fitzcarraldo, oder an das riesige Unterfangen Peter Jacksons die Der Herr der Ringe Trilogie auf die Leinwand zu bringen. Die Wachowski-Geschwister (Matrix) und Tom Tykwer (Lola rennt) haben nun ebenfalls ein solches Magnum Opus auf die Beine gestellt: Ihre ambitionierte Verfilmung des als unverfilmbar geltenden Romans Cloud Atlas von David Mitchell umfasst zahlreiche Geschichten, die über einen Zeitraum von 500 Jahren das Schicksal unterschiedlicher Menschen miteinander verknüpfen. Herausgekommen ist kein perfekter, aber ein höchst imponierender Film, der einen einzigartigen Sog entwickelt.

1849: Der amerikanische Anwalt Adam Ewing (Jim Sturgess) soll für seinen Schwiegervater (Hugo Weaving) einen Auftrag ausführen und bekommt es auf der Schiffsfahrt mit einer tückischen Krankheit zu tun, während er Freundschaft zu einem schwarzen blinden Passagier (David Gyasi) knüpft, die ihm das Konzept der Sklaverei überdenken lässt. 1936: Der Komponist Robert Frobisher (Ben Wishaw) führt eine homosexuelle Beziehung mit Rufus Sixsmith (James D’Arcy), zieht aber weiter um gemeinsam mit dem alternden Komponisten Vyvyan Ayrs (Jim Broadbent) große Musik für die Ewigkeit zu komponieren. Mit Rufus bleibt er über Briefe in Kontakt. 1973: Die engagierten Journalisten Luisa Rey (Halle Berry) trifft auf den gealterten Rufus Sixsmith, der ihr Unterlagen zuspielt, die auf einen gewaltigen Atomskandal hindeuten.

2012: Der erfolglose Verleger Timothy Cavendish (Jim Broadbent) bekommt durch einen handfesten Skandal plötzlich einen Bestseller in die Finger, was ihn aber ins Visier von skrupellosen Gangstern führt. 2144: Sonmi-451 (Doona Bae) ist eine geklonte Kellnerin, die keine herkömmlichen Rechte besitzt. Sie ist gemacht um zu dienen, doch als ihr Hae-Joo Chang (Jim Sturgess) begegnet, beginnt sich ihr Leben zu ändern. 2346: Zachary (Tom Hanks), ist ein einfacher Ziegenhirte auf einer entlegenen Insel, der scheinbar mit Dämonen in seinem Kopf zu kämpfen hat und sehr skeptisch gegenüber den Absichten, der weiter entwickelten Meronym (Halle Berry) ist, die seine Insel besucht...

Cloud Atlas ist ein ganz besonderer Film. Sein narratives Konzept gleicht einer Sammlung an Wollknäuel die mit einander verworren sind. Die Zeitebenen sind auf der einen Seite klar getrennt, beziehen sich aber immer wieder aufeinander. Der augenscheinlichste Bezugspunkt ist dabei sicher die Tatsache, dass sich die Regisseure entschieden haben verschiedene Rollen, in den verschiedenen Zeitebenen mit den gleichen Darstellern zu besetzten. Durch den Charakter einer Wiedergeburt und das stete Wiederkehren der eigenen Persönlichkeit entsteht eine Wiederholung in den Eigenschaften und Fehlern der Figuren, aber es entsteht auch die Chance zur Wiedergutmachung und zur Veränderung.

Wenngleich dennoch eine gewisse Skepsis zu erkennen ist. Wenn sich eines durch den Film hindurchzieht, dann ist es das Scheitern der menschlichen Gesellschaft. Besonders das Verhältnis zwischen den verschiedenen Schichten scheint die Filmemacher zu interessieren. In jedem Handlungsstrang gibt es eine unterdrückte Klasse und eine unterdrückende Klasse - und tatsächlich gibt es auch immer wieder Menschen, die sich gegen dieses Schema erheben. Die Auswirkungen dieser Revolutionen werden uns anschließend im nächsten Handlungsstrang präsentiert. Und betrachtet man die Gesamtheit der Handlungsstränge, so muss man doch zu einer eher pessimistischen Schlussfolgerung gelangen: Denn obwohl die meisten Revolutionen in irgendeiner Form Früchte tragen, so begibt sich die Gesellschaft doch wieder in eine neue Form des Unterdrückungsverhältnis. Der Kreislauf der Machtverhältnisse scheint unwideruflich.

Tatsächlich ist Cloud Atlas dabei ein sehr mutiger Film, der nicht jede Schlussfolgerung auf dem Silbertablett serviert, sondern dem Zuseher eine große Spielwiese zur Verfügung stellt auf der er sich austoben kann. Der Film präsentiert rohe Skizzen, Entwürfe, Anknüpfpunkte und Ideen, die aber immer genügend Lücken lassen, damit der Zuseher den Zwischenraum mit seinen eigenen Gedanken füllen kann. Auch die innerfilmische Bezugsnahme der einzelnen Episoden untereinander ist sehr gelungen. Besonders da es nur selten wirklich direkte Bezüge sind, sondern es sich meistens nur um lose Fäden handelt, die den Geist einer Handlung in die nächste Episode übertragen (z.B. durch Briefe, die in einer Geschichte geschrieben, und in der anderen gelesen werden).

Dabei haben sich die Filmemacher für einen durchaus interessanten Ansatz entschieden. So sind Tom Tykwer und die Wachowski-Geschwister mit verschiedenen Teams losgezogen und haben ihre Geschichten getrennt voneinander verfilmt (Tykwer: 1936, 1973, 2012 - Wachowskis: 1849, 2144, 2346). Daraus folgt auch, dass die einzelnen Geschichten teilweise einen radikal eigensinnigen Charakter haben - seltsamer Weise hat man das Gefühl, dass durch diese heterogene Stilistik eine noch viel größere Dimension erreicht wird, da nicht nur eine gigantische Geschichte erzählt wird, sondern man dazu auch zahlreiche filmische Erzählmodelle heranzieht, was man so nur äußerst selten zu Gesicht bekommt.

So ist es auch logisch, dass man Cloud Atlas auch nicht auf ein Genre festnageln kann. Manchmal Abenteuer, manchmal Romantikdrama, dann wieder historische Beobachtung oder auch Klamauk, SciFi und Action. Da man die Episoden auch nicht streng sequentiell erzählt, sondern die Handlungen zunehmend gegeneinander schneidet, springen die Genres teilweise mit hoher Geschwindigkeit durcheinander, was zu einem wahren Rausch für das Publikum führt. Tatsächlich wechselt auch die Tonart der Inszenierung: An manchen Stellen wirkt der Film äußerst ernst und feinfühlig, dann ist er plötzlich wieder komisch und wenn man nach einem eher befremdlichen (fast schon trashigen) Touch dann plötzlich wieder einen knisternden Moment volller Kinomagie präsentiert bekommt, dann ist die Überraschung beim Zuseher perfekt.

Und genau das zeichnet den Film auch so aus. Passend zum losen Geflecht der narrativen Ebene haben sich die Filmemacher für einen äußerst spielerischen und experimentierfreudigen Inszenierungsstil entschieden. Das führt natürlich auch dazu, dass so manche Szene nicht so gut funktioniert und mancher Einfall in normalem Kontext völlig aus dem Rahmen fallen würde (etwa der befremdliche Eindruck der primitiven Sprache in der 2346er Geschichte) - aber tatsächlich führt die gesamte Struktur von Cloud Atlas dazu, dass man solche Dinge nicht allzu eng sehen sollte. Denn der Film ist eine kolossale Spielwiese, ein radikaler Mix und für den Zuseher eine einzigartige Erfahrung, die durch alle Höhen und Tiefen führt, die das Kino so bereithält. Es wird sicher nicht jeder Gefallen daran finden, aber trotzdem ist Cloud Atlas ein einzigartiges und herausragendes Erlebnis, das man sich nicht nehmen lassen sollte.

Fazit:
Mit Cloud Atlas ist den Wachowski-Geschwistern und Tom Tykwer der wohl radikalste Genremix des Kinojahres gelungen. Innerhalb des kolossalen Handlungsrahmens spiegeln sich unzählige Ansätze, Genres und Tonlagen wieder, was zu einem riesigen Geflecht an Stimmungen und Eindrücken führt. Auf Grund des verspielten und experimentierfreudigen Charakters des Films funktioniert allerdings bei weitem nicht alles so gut - so kann eine hochgradig sensible Szene schon einmal auf leicht trashig angehauchten Klamauk folgen (und manches erscheint gar recht bizarr). Aber was bei anderen Filmen fatale Folgen hätte, verstärkt in Cloud Atlas nur den Eindruck, dass man einen kaleidoskopartigen Blick auf das narrative Konstrukt wirft und dieses in seinem Facettenreichtum einen noch reichhaltigeren Eindruck hinterlässt. Auch die locker verwobenen Einzelgeschichten und die zarten Anknüpfpunkte sind höchst faszinierend und insgesamt ist Cloud Atlas ein äußerst imponierender Film, der einen einzigartigen Charakter besitzt.

Wertung:
8/10 Punkte
Filmering.at
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Ø Wertung: 8/10 | Kritiken: 1 | Wertungen: 41
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