Trains of Thoughts (2012)

OT: Trains of Thoughts - 85 Minuten - Dokumentation / Musical
Trains of Thoughts (2012)
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Kinostart: 07.12.2012
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Trains of Thoughts

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Trains of Thoughts ist ein Essayfilm über Metrosysteme in sechs verschiedenen Städten, bei dem es mehrere Ebenen zu bewundern gibt. Zum einen natürlich die visuelle - die Bilder sind kraftvoll und wunderschön, zum anderen die akustische Ebene - die Musik der Sofa Surfers, die maßgeblich zur Atmosphäre des Films beizutragen hat und weiters die erzählerische Ebene - auf der die Menschen dieser Städte ihre Geschichten zu den U- Bahnen kundtun.

Mit seiner globalen Thematik und seinem ästhetischen Dokumentarismus erinnert Trains of Thoughts an Michael Glawoggers Whore's Glory und den Versuch, Prostitution in verschiedenen Ländern zu porträtieren. Beide Filme sollen Einblick gewähren in die Menschen, die sich innerhalb der jeweiligen gesellschaftlich etablierten Institutionen und Geschäfte bewegen und beide haben neben ihrem dokumentarischen auch einen atmosphärischen Charakter, der durch die Musik und die Poesie des Alltags unterstrichen wird.

In Trains of Thoughts sind es die U-Bahnkomplexe, die für sich sprechen: Man hat zeitweise das Gefühl, dass sich der Film nur so treiben lässt durch die Dynamik des Großstadttransportwesens. Hier und da fängt er die ephämeren Details ein, dann wieder die Fortbewegung und Geschwindigkeit. Eine Plastikflasche, die auf einem U-Bahnsteig liegt und sich sachte hin und her wiegt mit dem Windstoß - dann wieder die unaufhaltsame Bewegung der Menschenströme und der vorbeiziehenden Züge. Jedenfalls fast immer im unterirdischen architektonischen Raum der U-Bahn, die Städte sehen wir nur im Vorbeiziehen - ebenso wie sie die Passagiere in der Untergrundbahn bei ihrer täglichen Reise sehen. Die Landschaften rasen an uns vorbei, die Verbindungslinien zwischen ihnen gehen verloren - wir reisen von einem Punkt zum anderen ohne die Strecke dazwischen wahrzunehmen.

Dieses System haben die Großstädte dieser Welt gemeinsam und das ist es auch, was die Städte Wien, New York, Los Angeles, Tokio, Hong Kong und Moskau verbindet. Die Untergrundsysteme spiegeln dabei den Charakter der Städte wider: New York als älteste und unorganisierteste U-Bahn der USA, Los Angeles als Filmset, Tokio als penibelst geregelt und deprimierend, Hong Kong als ein expandierendes kapitalistisch orientiertes Großprojekt und schließlich Moskau historisch und pompös.

In dieser Architektur der Untergrundstädte sind die menschlichen Stimmen und Gesichter neben der Musik, die übrigens für jede Stadt und Situation einzeln komponiert wurde, das tragende Element. In der U-Bahn treffen die menschlichen Einzelschicksale für kurze Momente im Großstadtdschungel zusammen und driften wieder auseinander ohne einander zu registrieren. Darüber und über ihre Verbindung zu den öffentlichen Untergrundverkehrsmitteln sprechen die Passagiere im Film. Sie sprechen von der U- Bahnfahrt als Möglichkeit der Ruhe und Unerreichbarkeit, jenseits von Raum und Zeit. Man reist durch dunkle Tunnel abgeschieden von der Außenwelt, für sich allein. Die anderen Passagiere nimmt man nicht wahr, eine Interaktion findet meist nicht statt. Die Stimmen im Film sprechen vom "U-Bahngesicht", das sie aufsetzen, von unerwiderten Blicken, aber auch von der Möglichkeit des menschlichen Zusammentreffens in den öffentlichen Verkehrsmitteln.

Nach jeder Reportage und nach jeder Stadt folgt der Gang durch das leergefegte Schienensystem der Wiener U-Bahn. Die Kamera verfolgt einen jungen Wiener Fotografen, der in der dunklen Tunnelwelt nach Motiven sucht. Diese Aufnahmen der unsichtbaren Schauplätze im Untergrundkomplex, an denen wir stets nur schnellstens vorbeihuschen, stehen kontrastiv zu dem Rest des Films, der den Alltag in der U-Bahn als öffentlichen Platz mit klarer gesellschaftlicher Funktion darstellt. Sie zeigen die Ruhe die im Gang durch solche Schienensystem liegen kann und scheinen nur sich selbst zu dienen - ein gewöhnlicher Spaziergang und ein Fotograf auf Motivsuche.

Die U-Bahn agiert als eigene Stadt in der Stadt, als gesellschaftlicher Ort mit eigenen Spielregeln. In Tokio gibt es die sogenannten "Pusher", die eigens dafür zuständig sind die Passagiere in völlig überfüllten Züge zu quetschen, damit die Türen sich schließen können und die Menschen pünktlich in die Arbeit kommen. Die öffentlichen Verkehrsmittel in Tokio sind die pünktlichsten der Welt und werden gleichzeitig im Film als die bedrückendsten dargestellt. Effizienz und Leistung wird groß geschrieben und erzeugt einen ebenso großen Druck in den Köpfen der Menschen: eine arbeitslose Kinderbetreuerin spricht vom Versagen und von ihren Ängsten. Nach Außen zwar adrett und fleißig wirkend, hat Japan die höchste Selbstmordrate, die U-Bahn ist der beliebteste Ort um sich das Leben zu nehmen. Trains of Thoughts zeigt aber neben den dunklen Bildern auch glücklichere Begegnungen im öffentlichen Raum (Straßenkünstler, Breakdancer in der U-Bahn, sogar von einer Liebesgeschichte ist die Rede) und ermöglicht dem Zuschauer, sich in einer der vielen gleichwertigen Ebenen des Filmes zwischen Geschwindigkeit, Architektur, Lichtern, Menschen und gesellschaftlichen Anordnungen im Untergrundsystem zu verlieren und zu vertiefen.

Wertung:
9/10 Punkte
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