Paradies: Liebe (2012)

OT: Paradies: Liebe - 120 Minuten - Drama
Paradies: Liebe (2012)
Kinostart: 30.11.2012
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Paradies: Liebe

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Ulrich Seidl darf sich zu den bekanntesten und anerkanntesten Regisseuren Österreichs zählen. Spätestens seit seinem in Venedig ausgezeichnetem Sozialdrama Hundstage, blickt die cinephile Gemeinschaft des Landes gespannt auf den radikalen Filmemacher. Sein neuestes Projekt ist dabei höchst imponierend: Ursprünglich als ein Film mit dem Titel Paradies geplant, entwuchs der große Handlungsbogen rund um drei Frauen einer Familie bald schon dem Korsett eines einzigen Spielfilms und so entschloss sich Seidl dazu gleich eine Trilogie daraus zu machen. Und mit dem Start von Paradies: Liebe in Cannes, von Paradies: Glaube in Venedig und dem anvisierten Start von Paradies: Hoffnung in Berlin könnte ihm dabei auch gleich der Festivalhattrick, mit Filmen in den Wettbewerben der drei bedeutendsten Filmfestivals der Welt gelingen.

Teresa (Margarethe Tiesel) ist Mitte 50 und lebt gemeinsam mit ihrer Tochter in einer Wohnung in Wien. Mit der Liebe hat sie bisher keine so guten Erfahrungen gemacht, aber alles soll sich ändern, als sie zum Urlaub nach Kenia aufbricht. Denn laut den Erfahrungen ihrer Freundinnen, stürzen sich die einheimischen Männer geradezu auf die weißen Touristinnen und ermöglichen das eine oder andere sexuelle Abenteuer. Also bricht Teresa mit großen Erwartungen nach Kenia auf und merkt schon bald, dass es wirklich nicht allzu schwer ist mit den Männern in Kontak zu treten. Allerdings hat die Sache einen Haken: Während Teresa sich nach wahrer Zuneigung sehnt, gibt es von den Einheimischen nur so lange sexuelle Dienste, wie auch Geld vorhanden ist...

Das Paradies als Zufluchtsort und als Manifestierung von allen Wünschen Träumen. Seidl schickt in jedem seiner drei Paradies-Filme eine Frau auf eine Suche, und alle versuchen sie das Paradies an unterschiedlichen Orten zu finden. Teresa sucht das Glück in der Liebe und beginnt dabei auf unscheinbare Weise nach kleinen Berührungen und Flirts zu suchen, bis sie sich schließlich der absoluten Körperlichkeit einer Sextouristin hingibt. Es ist überaus interessant zu sehen wie Seidl hier dieses Thema aus weiblicher Sicht aufarbeitet - ein Blickwinkel der in der heutigen Gesellschaft ja lieber totgeschwiegen wird, während der männliche Aspekt durchaus beachtet wird.

Und während sich Männer vorwiegend in Thailand oder ähnlichen Regionen ausleben, zieht es die Damen hauptsächlich nach Afrika (oder in die Dominikanische Republik). So bekommt Paradies: Liebe für einen Seidl Film eine ganz außergewöhnliche exotische Atmosphäre, was der unbequeme Filmemacher aber natürlich nicht zum kreieren von Postkartenmotiven missbraucht, sondern lediglich als Leinwand nimmt um dort von den Gefühlen seiner Hauptfigur zu erzählen. Natürlich ist eines von Seidls Stilmitteln der bewusste Tabubruch und auch in gewissem Maße die Provokation. Aber gerade aus dieser extreme Art den Zuseher dazu zwingen auf Dinge zu blicken, die man normal ausblenden würde, bezieht er viel von seinem Reiz. Und auch der daraus entstehende bitterböse Humor, der immer wieder aufblitzt ist einzigartig.

So haben die Sexszenen des Films auch nichts mit regulärer Ästhetik, oder einem konventionellen Anspruch auf Schönheit zu tun. Seidl ist kein Freund der gesellschaftlichen Mainstreambetrachtungsweise von Schönheit und der Vorstellung davon wie ein Mensch aussehen sollte. Stattdessen zelebriert er das Imperfekte, den Makel und erzielt gerade durch diese Form eine ganz eigene Ästhetik - allerdings eine sehr unbequeme, die den Zuseher mit Szenen konfrontiert, die durchaus an die Grenze gehen und diese auch überschreiten. Man muss sich also darauf einstellen, dass Paradies: Liebe kein gemütliches, einfaches Sozialdrama nach Schema F ist, sondern der Versuch eines Regissseurs eine ganz eigene, schwierige Vision zu entwerfen.

Interessant ist auch der Wandel von Teresa, die als vergleichweise schüchterne Frau nach Afrika reist und schließlich zur immer fordernderen “Sugar Mama” wird, die lernt wie die geschäftliche Liebe funktioniert, und sich deshalb innerlich vom Traum der großen Liebe entfremdet (wenn auch nicht gerne). Es ist auch klug, dass der Film narrativ in der Schwebe bleibt. Viel mehr als in anderen Filmen hat man das Gefühl einen Abschnitt im Leben einer Person zu sehen, der nicht den Anfang und nicht den Ende der Geschichte dieser Figur beinhaltet, sondern uns nur erlaubt sie einen Stück auf ihrem Lebensweg zu begleiten. Vor allem dank der hingebungsvollen Darbietung von Margarethe Tiesel und dem packenden Zusammenspiel mit den Laiendarstellern, ist das Experiment ausgezeichnet geglückt.

Fazit:
Paradies: Liebe ist ein äußerst gelungener Film - gezielte Provokation, kalkulierter Tabubruch und ein fesselnder Blick auf jene Bereiche des Lebens, über die man normalerweise hinwegblickt. Ulrich Seidl gelingt es ausgezeichnet seinen ihm eigenen Stil in eine exotische Location zu transportieren und dank dem grandiosen Zusammenspiel zwischen Schauspielprofis und Laien, sowie dem Mut zur Improvisation ist Pradies: Liebe ein sehr frischer und unbequemer Film geworden, den man sich ansehen sollte.

Wertung:
8/10 Punkte
Filmering.at
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