Paradies: Glaube (2012)

OT: Paradies: Glaube - 113 Minuten - Drama
Paradies: Glaube (2012)
Kinostart: 11.01.2013
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Paradies: Glaube

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Ulrich Seidls Paradies-Trilogie, ursprünglich als ein einziger, langer Film geplant, erzählt die Geschichte von drei Frauen einer Familie, die sich auf die Suche nach ihrem eigenen Paradies begeben. In Paradies: Liebe haben wir bereits die Erlebnisse von Teresa gesehen, die versuchte ihr Glück in der Liebe zu finden, aber feststellen musste, dass es an den Stränden Afrikas zwar körperliche Liebe zu finden gibt, aber die Anbieter eher monetäre, als spirituelles Interesse haben. Im zweiten Teil, Paradies: Glaube, macht sich nun ihre Schwester Anna Maria auf um ihr Paradies zu finden: Sie will durch Jesus ihr Glück finden, scheitert daran aber genau wie ihre Schwester in Afrika.

Anna Maria (Maria Hofstätter) ist rund 50 Jahre alt und hat schon genau Pläne für ihren Urlaub: Sie will zuhause bleiben und ihren Glauben ausleben. So zieht sie mit einer Wandermuttergottes durch die Stadt und versucht die verschiedendsten Charaktere zu bekehren und von der Richtigkeit und Schönheit des christlichen Glaubens zu überzeugen. Doch ihre persönliche Idylle wird getrübt, als ihr Ehemann, ein gelähmter Moslem (Nabil Saleh) aus Ägypten heimkehrt und wieder bei ihr einzieht. Zwischen den beiden entsteht zuerst im kleinen, dann im großen eine Schlacht um Liebe und Glauben und Ann Maria wird immer mehr davon überzeugt, dass ihr Mann eine Prüfung Gottes ist, die sie bestehen muss...

Ulrich Seidl ist ein Meister darin jene Phänomene offenzulegen, die im Verborgenen die Gesellschaft durchziehen, die aber dennoch nie so ganz eindeutig zu sehen sind. In Paradies: Glaube ist es die katholische Struktur, die unter der österreichischen Gesellschaft liegt, die es ihm angetan hat. Scheinbar leben wir in einer religiös sehr gespaltenen Gesellschaft (nicht nur in Österreich, sondern in wesentlichen Teilen der Welt). Auf der einen Seite kann die Masse immer weniger mit den antiquierten Vorstellungen der Kirche anfangen, auf der anderen Seite stehen aber fundamentalistische Hardliner, die ihren eigenen heiligen Krieg führen und dabei nicht selten den Wunsch haben andere zu bekehren.

Seidl gelingt dabei das Kunststück, dass er seine Figur ernst nimmt, Wahrheiten schildert, aber gleichzeitig auch durch kleine Finessen das Gezeigte ad absurdum führt und jene blinde Glaubenshörigkeit ankreidet, bzw. auch mit Humor kritisiert, ohne sich darüber lustig zu machen. Diesen Punkt teilt sich Paradies: Glaube auch mit seinem Vorgänger, denn in beiden Filmen gibt es immer wieder Momente in denen man sich das Lachen kaum mehr verkneifen kann auf Grund der köstlichen Ideen, mit denen Seidl seine Hauptfigur prüft. Aber gleichzeitig verkommt der Film nie zum Klamauk, da er immer über die nötige Ernsthaftigkeit verfügt um den Zuseher auch die bitteren und traurigen Momente spüren zu lassen.

Natürlich sucht Seidl dabei den Weg der gezielten Provokation und auch den nötigen Tabubruch. Nicht umsonst bekommt Anna Maria einen gelähmten Muslimen zur Seite gestellt, der ihr genüsslich auf die Nerven geht, ganz zu schweigen von jener (dank der Vorführung in Italien mittlerweile berühmt-berüchtigten, aber letztendlich eigentlich recht harmlosen) Masturbationsszene mit einem Kreuz. Doch bei Seidl werden diese Stilmittel nicht etwa nur eingesetzt um den Film in die Medien zu bekommen, sie sind tatsächlich wirksame Katalysatoren um die thematischen Motive in den Gedanken weiterwachsen zu lassen. Ganz zu schweigen vom diskussionsfördernden Potential, denn egal ob so oder so, letzten Endes wird wohl jeder etwas zu den Filmen zu sagen haben und ehe man sich versieht kann ein Diskurs spannende Formen annehmen.

Das ist ja auch das Schöne an Paradies: Glaube (und auch seinem Vorgänger - wahrscheinlich auch seinem Nachfolger, aber das lässt sich noch nicht sagen): Der Film hat weder Anfang noch Ende, sondern hängt in der Schwebe, lässt uns die Hauptfigur beobachten ohne sie einzukesseln und lässt sich genügend Raum um in alle mögliche Richtungen zu wuchern. Neben einem thematischen roten Faden, sorgen die kleinen eigenen Geschichten, die in Form der Wandermuttergottesstationen eingeleitet werden für Abwechslung und schlussendlich ist Paradies: Glaube ein beeindruckender Film mit großem Nachhall, der auf seine eigene Weise einen starken Eindruck hinterlässt und gleichzeitig eine Lücke offen lässt, die man anschließend mit Diskussionen zu füllen versuchen kann.

Fazit:
Paradies: Glaube ist ein sehr facettenreicher Film, der einen Blick auf die religiösen Strukturen unserer Gesellschaft wirft und geschickt hinterfragt inwiefern diese Strukturen dem Menschen eine Hilfe beim Finden seines persönlichen Seelenheils bieten können - bzw. ob es dieses Seelenheil überhaupt geben kann. Ulrich Seidl provoziert, eckt an und sorgt gerade dadurch dafür, dass man zwingend über das Gezeigte nachdenken und diskutieren möchte. Insgesamt ein sehr beeindruckender Film mit großem Nachhall.

Wertung:
8/10 Punkte
Filmering.at
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Ø Wertung: 6.9/10 | Kritiken: 0 | Wertungen: 8
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