Pieta (2012)

OT: Pieta - 104 Minuten - Drama
Pieta (2012)
Kinostart: 26.04.2013
DVD-Start: 26.03.2013 - Blu-ray-Start: 26.03.2013
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Filmkritik zu Pieta

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Die Schaffenskrise des unter Depressionen leidenden Kim Ki-Duk (Bad Guy; Frühling, Sommer, Herbst, Winter... und Frühling) scheint überwunden. Nach dreijähriger Abschottung und einem Leben in den Bergen jenseits der Filmindustrie (festgehalten in der Dokumentation Arirang) kehrt der Regisseur nun mit einem neuen Spielfilm zurück, der ebenso verstörend ist wie man es von vielen seiner Werke gewohnt ist. Pieta, der neueste Film des südkoreanischen Filmemachers, wurde letztes Jahr in Venedig mit dem goldenen Löwen ausgezeichnet und kommt nun auch in die österreichischen Kinos.

Kang-do (Lee Jung-jin) ist ein grausamer Schuldeintreiber eines Kredithais aus Seoul, der einsam und ohne Familie lebt. Da die Schuldner das Geld aufgrund horrender Zinsen meist nicht zurückzahlen können verstümmelt er sie, um an das Versicherungsgeld zu kommen. Eines Tages steht eine geheimnisvolle Frau (Cho Min-soo) vor seiner Haustüre, die ihn verfolgt und behauptet seine tot geglaubte Mutter zu sein. Sie stellt Kang-dos Leben auf den Kopf und verschwindet gerade in dem Moment, als Kang-do sie ins Herz zu schließen beginnt. Er vermutet, dass einer der Schuldner sie aus Rache entführt haben könnte und begibt sich auf die Suche. Doch die Sache entpuppt sich als weitaus komplizierter.

Pieta ist gewohnt düster, Hoffnungsschimmer gibt es wenige, lichte Momente sind flüchtig und dienen nur dazu, wieder zerstört zu werden. Kim-ki Duks Filme sind eine Reise ins Innerste des Menschen und ins Moralische, sie kreisen um grundlegende Fragen nach Gewalt und Libido. Pieta mit seiner Kapitalismuskritik enthält zusätzlich eine ungewohnt gesellschaftspolitische Komponente. Für Kang-Do sind Menschen, die geliehenes Geld nicht zurückzahlen das Letzte - bis er seine Mutter kennenlernt und erstmals so etwas wie Liebe verspürt. Gegen Ende des Films scheint der Protagonist einen anderen Weg einschlagen zu wollen und kündigt seinen Job, doch die Vergangenheit lässt ihn nicht los.

Schuld und Sühne sind die Hauptmotive des Dramas und zurecht drängt sich der Vergleich zum gleichnamigen Roman von Dostojevskij auf, denn thematisch gibt es hier viele Parallelen. Im Roman ermordet ein junger Mann eine Pfandleiherin, in Pieta geht es darum, wie weit Menschen um des Geldes willen gehen. Kang-do treibt seine Schuldner gnadenlos in den Tod und dessen wird er sich erst bewusst nachdem er einige Klienten aufsucht um seine Mutter zu finden. Viele wollen sich das Leben nehmen, einige haben bereits Selbstmord begangen.

Cho Min-soo wurde für ihre Rolle als die Mutter mehrmals preisgekrönt und schaffte mit Pieta ihren Durchbruch als international bekannte Filmschauspielerin. Ihre Performance ist stark emotional, einzelne Szenen bleiben noch lange in Erinnerung: wenn Kang-Do beispielsweise seine Mutter zwingt, ein Stück Fleisch von ihm zu schlucken. Hier spielt wieder die christliche Metaphorik (Leib Christi) und die Aufopferung (für die Sünden eines anderen) eine Rolle. Ein Moment den man auch nicht vergisst ist die Szene beim Kühlschrank, in der sie ihren Sohn beweint. Spätestens ab diesem Zeitpunkt wird klar, dass Pieta keine Geschichte eines geläuterten Sünders ist, der durch die Beziehung zu seiner Mutter sein Leben ändert, denn auch die Mutter hat nicht nur gute Absichten gegenüber Kang-Do.

Nebenbei sieht man viel vom Industrie-Slum, in dem die Arbeiter wohnen, verdreckt und voller Müll. Die Schuldner sind „Working poor“: einer der Handwerker erwähnt, dass er bereits 50 Jahre in dem Betrieb arbeitet, aber davon nicht überleben kann. Kurz darauf nimmt er sich das Leben, weil er seine Schulden nicht mehr bezahlen kann. Auch hier mischt sich gesellschaftspolitischer Realismus zur Fiktion: das Arbeiterviertel Cheonggyecheon, in dem sich der Großteil des Films abspielt, gibt es tatsächlich und es gilt als Wiege der koreanischen Industrialisierung.

Die christlichen Motive sind zwar nicht so stark im Vordergrund, schließlich bezeichnet der Titel selbst die Darstellung Marias als Schmerzensmutter mit dem vom Kreuze genommenen Jesus, aber einzelne Bilder bleiben im Kopf und erinnern an die Leidensgeschichte Jesu und an Darstellungen seiner Mutter Maria. Die Darstellung Cho Min-soos als leidende Mutter ist durchwegs beeindruckend: einzelne Tränen rollen stets ihre Wange herunter und lassen sie wie eine Statue der Maria aussehen. Überhaupt hat die Figurenzeichnung Ki-duks viel Archaisches und wenig Komplexes, wir erfahren fast nichts über die Mutter und ihre Vergangenheit. Einzelne Gesten und Bilder setzen sich aber im Kopf des Zusehers fest.

Fazit:
Pieta ist ein verstörendes und durch und durch düsteres Stück Film, in gewohnter Kim-ki duk Manier. Man taucht in die Welt des Sünders Kang-do, angewidert und fasziniert zugleich verfolgt man seine Läuterung. Dabei reiht sich eine Graumsamkeit an die andere, von roher Gewalt über Selbstverstümmelung bis hin zu Inzest. Doch Hinsehen zahlt sich hier aus, denn Pieta ist reich an Bedeutungsebenen: eine Prise christlicher Motive, eine obskure Heldenreise, viel Kapitalismuskritik. Einige Szenen sind verstörend, wenn beispielsweise der Sohn die eigene Mutter vergewaltigen will und diese danach noch weinend, stöhnend und sich quälend einige Minuten zu hören und zu sehen ist. Definitiv kein Popcornkino, eher eine Herausforderung von einem Film, der die Abgründe des Menschen nicht nur nicht scheut, sondern die Auseinandersetzung mit dem moralisch Verwerflichen begrüßt.

Wertung:
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Ø Wertung: 8/10 | Kritiken: 0 | Wertungen: 1
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