Die wilde Zeit (2012)

OT: Après mai - 122 Minuten - Drama
Die wilde Zeit (2012)
Kinostart: 31.05.2013
DVD-Start: 12.12.2013 - Blu-ray-Start: 12.12.2013
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Filmkritik zu Die wilde Zeit

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Olivier Assayas widmet sich in seinem neuen Film „Die wilde Zeit“ (französischer Originaltitel: „Après Mai“) den ersten Jahren nach dem bekannten Mai `68. Es handelt sich dabei um ein Werk mit autobiographischen Zügen, denn Assayas ist selbst in dieser Zeit des Umbruchs und der Revolution groß geworden, obgleich er betonte, durch den Film mehr „die Umrisse eines kollektiven Porträts skizzieren“ zu wollen, als nur seine eigenen Jugenderinnerungen auf die Leinwand zu bringen.

Im Mittepunkt des Filmes steht ein Junge namens Gilles (Clément Métayer), welcher im politischen Chaos Anfang der 70er Jahre in einem Vorort von Paris lebt. Gemeinsam mit seinen Freunden verfolgt er zu Beginn des Filmes die Werte der linken Radikalen und führt einen Kampf gegen die Regierung. Die Gruppierung von Jugendlichen verteilt Ausgaben der radikalen Pariser Presse „Tout“ vor dem Schulgelände, sprüht Parolen auf das Schulgebäude, druckt Plakate und Flugzettel und nimmt an Protesten und „Krisensitzungen“ teil. Doch bald wird deutlich, dass ihre Absichten nicht die gleichen sind, und sich Widersprüche innerhalb der Gruppe abzeichnen. Zum Wendepunkt des Geschehens wird eine missglückte Aktion, welche sich als nicht ungefährlich erweist, wie sie an deren Folgen feststellen müssen: Es kommt zu einer ernsthaften Verletzung eines Sicherheitsbeamten und einer ihrer Kameraden wird der Mittäterschaft verdächtigt und angezeigt. Dieses Ereignis wirft das gewohnte Leben der ProtagonistInnen aus den Bahnen und führt diese aus Angst vor dem Gesetz für den Sommer über nach Italien, wo sich bald darauf ihre Wege trennen.

Als Zusehende begleitet man den etwas verträumt wirkenden Hauptdarsteller Gilles, welcher - möchte man den Film autobiographisch lesen - für den jungen Assayas steht, auf seiner emotionalen als auch künstlerischen Reise: anfangs noch getrieben von den Ideen und Leitgedanken der linken Radikalen, beginnt er im Laufe des Films an deren Werten und Ideen zu zweifeln und schlussendlich seinen eigenen Weg einzuschlagen. Als ambitionierter Maler möchte er eine Laufbahn in diese Richtung beginnen, fühlt sich jedoch auch stark zum Medium Film und dessen progressiven Möglichkeiten hingezogen.

Die hübsche rätselhafte Laure (Carole Combes) nimmt hierbei den Platz seiner Muse ein – sie verkörpert alles, von dem Gilles träumt. Frei und ungezwungen geht sie ihren Weg, begibt sich in angesehene Künstlerkreise und bringt ihm die Poesie näher. Doch Carole bleibt für Gilles gleichsam unerreichbar, ist sie doch immer nur ein flüchtiger seltener Gast in seinem Leben und verlässt ihn schlussendlich auf tragische Weise für immer. Ähnlich verhält es sich mit seiner Mitstreiterin Christine (Lola Créton), für welche er zweifellos eine innige Zuneigung verspürt, die jedoch nicht an die Faszination und Bewunderung, welche Carole auf ihn ausübt, heranreicht. Christine, die ihn eine Zeit lang als seine Freundin begleitet, fühlt dies jedoch und entfernt sich auf der Suche nach ihrer eigenen Verwirklichung und dem Wunsch nach Freiheit ebenfalls von Gilles, der im Laufe der Geschichte feststellen muss, dass alle ihren eigenen Weg gehen müssen – so auch er, mit dem Preis geliebte Menschen und Freunde zu verlassen oder von ihnen verlassen zu werden.

Das Gefühl, welches einen beim Zusehen des Films überkommt, ist eine Mischung aus beflügelt, und dann wieder am Boden zerstört. Die Zusehenden werden dabei auf spielerische Weise auf eine Reise in die turbulente und ungewisse Zeit der frühen 70er Jahre in Paris und Italien mitgenommen – eine Reise der Ideale, Utopien, Wünsche, Hoffnungen, aber zugleich auch eine Reise durchs Chaos - ohne dabei wirklich tief in die politische Matere einzudringen oder Nicht-Vertrauten der politischen Geschichte Frankreichs näher zu bringen. Viel mehr fokussiert sich Assayas in seinem Film auf das damalig vorherrschende Lebensgefühl zwischen Kunst, Musik, Drogen, Literatur, Poesie, komplizierter Liebe, Revolutionsgedanken und dem Wunsch selbst etwas zu bewegen, nachdem die politische Geschichte eigentlich schon zuvor von anderen geschrieben wurde.

Fazit:
Lässt man sich auf den 122 minütigen Film ein, gelingt es sehr gut für diese kurze Zeit in die Welt der 70er Jahre einzutauchen. Der gekonnte Einsatz der Musik von Captain Beefheart, Syd Barrett oder Nick Drake, die vorwiegend in sanftem Tageslicht gedrehten Aufnahmen, die interessanten authentisch wirkenden Charaktere des Films, sowie dessen Langsamkeit vermitteln eine angenehme Atmosphäre. Das Ende des Films überkommt einen hingegen abrupt und lässt viele Fragen offen. Einen richtigen Überblick über das politische Geschehen bekommt man durch den Film nicht, dieser zeigt immer nur Ausschnitte aus dem politischen Alltag, welche für Nicht-Vertraute der Thematik schwer einzuordnen sind und teilweise verwirrend und ungeordnet wirken. Dies scheint aber auch nicht Assayas vordergründiges Ziel gewesen zu sein. Möchte man jedoch für kurze Zeit in die künstlerische Schaffenszeit junger Menschen der 70er Jahre eintauchen, begleitet von revolutionären Parolen, klingenden Buchtiteln und guter Musik, dann wird man großen Gefallen an diesem Film finden.  

Wertung:
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