Am Ende kommen Touristen

OT: Am Ende kommen Touristen - 85 Minuten - Drama
Am Ende kommen Touristen
Kinostart: 26.10.2007
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Am Ende kommen Touristen

Von am
Auf die polnische Stadt Oswiecim sind die Augen der Weltöffentlichkeit gerichtet, auch wenn nur die wenigsten etwas mit dem Namen der Stadt anfangen werden. Ganz anders sieht dies freilich aus, wenn man den deutschen Namen Auschwitz ins Spiel bringt, der wohl noch immer jedem geläufig sein dürfte. Das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau war die größte Tötungsmaschine der Nazis während des zweiten Weltkriegs, und kostete rund 1,1 Millionen Menschen das Leben. Heute ist dieses Lager eine Gedenkstätte, um die nachkommenden Generationen die dunkle Zeit in der Vergangenheit nicht vergessen zu lassen. Dabei balanciert die Stadt Oswiecim auf dem schmalen Grat zwischen Vergangenheitsbewältigung und Elendstourismus. Und genau vor diesem Hintergrund erzählt uns Regisseur Robert Thalheim seine Geschichte.

Sven (Alexander Fehling) wollte eigentlich seinen Zivildienst im "Vergnügungspark" Amsterdam leisten, aber stattdessen ist er in einer Begegnungsstätte in Polen gelandet. In Oswiecim ist es Svens Aufgabe, sich um den NS-Zeitzeugen Stanislaw Krzeminski (Ryszard Ronczewski) zu kümmern, der zwar das Lager überlebte, es aber noch immer nicht schaffte, von Oswiecim wegzuziehen. In Polen muss sich der deutsche Sven erstmal zurechtfinden und wird des öfteren misstrauisch begutachtet, da man als Deutscher keinen guten Ruf im Ort genießt.

 

So verbringt er zwischen unzähligen Touristen und den Erinnerungen an die NS-Zeit seinen Dienst, und lernt schließlich die polnische Dolmetscherin Ania (Barbara Wysocka) kennen. Da er bei Krzeminski ausziehen möchte und Ania gerade einen Untermieter sucht, zieht er auch gleich bei ihr ein. Die beiden beginnen sich ineinander zu verlieben und Ania zeigt Sven, dass man auch in einem Ort wie Oswiecim ein normales Leben führen kann. Doch das junge Glück droht schon bald wieder zu zerbrechen, als Ania einen Job in Brüssel angeboten bekommt, und auch großes Interesse hat diesen anzunehmen...

Auf gewisse Weise beinhaltet Am Ende kommen Touristen ein kleines bisschen autobiographischen Inhalt, denn Regisseur und Drehbuchautor Robert Thalheim leistete seinen Zivildienst, genau wie Sven, in der Begegnungsstätte in Auschwitz. Dort entdeckte er auch das erste Mal die verschiedenen Kleinigkeiten und oft auch Widersprüchlichkeiten, die diesen Ort umgeben. Auf der einen Seite ist es zwar absolut notwendig, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, aber auf der anderen Seite hat es schon einen leicht makabren Beigeschmack wenn man sich diesem "Elendstourismus" hingibt.

Dabei macht auch der Ort Oswiecim einige sehr gespaltene Erfahrungen mit seiner Bedeutung als früherem Ort des Grauens. Zwar wird durch das Vernichtungslager, so befremdend das auch klingen mag, der Tourismus angekurbelt, aber dafür scheint sich der Ort für ganz banale Entscheidungen vor der Weltöffentlichkeit rechtfertigen zu müssen. Denn wo sonst könnte die Entscheidung, eine Disco für die Jugendlichen zu bauen, zu ernsten Überlegungen führen? Darf man das? Immerhin ist es doch Auschwitz. Auch die an sich verständliche Entscheidung, dass man einen Hot Dog-Stand aufstellt, um die Touristen zu versorgen, bekommt einen ganz anderen Beigeschmack, wenn man bedenkt, dass dieser Hot Dog-Stand direkt vor den Toren des Vernichtungslagers steht.

Touristen kommen und gehen, machen vielleicht auch noch Portraits vor dem zynischen Torbogen mit der Aufschrift "Arbeit mach frei", und fahren, nachdem sie ihr Gewissen erleichtert haben, wieder nach Hause. Mitten in diesem Mikrokosmos aus widersprüchlichen Entscheidungen spielt die Geschichte, die uns Robert Thalheim erzählt. Dabei rücken all diese kulturellen Statements nie in den direkten Vordergrund, sondern ergeben sich alleine durch die Geschichte von Sven, der zunächst ohne großartiges Vorwissen in die Stadt kommt und repräsentativ für den Zuseher diese eigentümliche Welt entdeckt.

Besonders in den Szenen mit dem Zeitzeugen Stanislaw Krzeminski hat Am Ende kommen Touristen seine ganz eigene Dramatik und vor allem einen speziellen Charme. Manchmal erinnert die Geschichte vom jungen, sympathischen "Helden", der sich um den älteren, grimmigen Menschen kümmern muss, sogar etwas an Der Duft der Frauen mit Al Pacino und Chris O´Donnell, und teilt sich auch in puncto Darsteller dessen Schicksal: Sowohl Chris O´Donnell in Der Duft der Frauen als auch Alexander Fehling in Am Ende kommen Touristen liefern eine wirkliche gute Vorstellung ab, aber beide werden sie vom älteren Gegenpart an die Wand gespielt.

Zur Verteidigung muss gesagt werden, dass dies in Der Duft der Frauen viel stärker zu spüren war, als der ohnehin großartige Al Pacino eine der besten Leistungen seiner Karriere zeigte, und sich damit auch den wohl verdienten Oscar holte. Aber auch in Am Ende kommen Touristen ist es vor allem der grandiose Ryszard Ronczewski, der dem Publikum in Erinnerung bleiben wird, und mit seiner feinfühligen, aber auch stellenweise barschen Verkörperung des NS-Zeitzeugen Stanislaw Krzeminski einen Nerv trifft und das Publikum wirklich berührt.

Zwar wurde den Filmemachern untersagt, im Lager selbst zu drehen, nicht mal Steven Spielberg durfte das für Schindler´s Liste, aber dennoch ist es gelungen, wirklich bemerkenswerte Bilder zu erzeugen, die zwar, weil auf S16mm gedreht wurde, etwas grobkörnig wirken, aber dennoch durch eine stimmige Bildkomposition überzeugen. Der wahre Kern des Films ist allerdings sein Inhalt, und obwohl sich die Liebesgeschichte zwischen Sven und Ania auf sehr simplen Niveau bewegt, ist die Geschichte als Ganzes außerordentlich beeindruckend.

Zwar muss erwähnt werden, dass man im deutschen Kino mit der NS-Vergangenheitsbewältigung oft übertreibt, da momentan anscheinend jeder dritte Filme Bezug auf dieses Thema nimmt, aber Am Ende kommen Touristen versucht dem Thema zumindest einen neuen Anstrich zu geben. Dies wird dadurch erreicht, dass der Film in unserer Zeit spielt und so mit der Vergangenheit aus Sicht der Generation abrechnet, die keinen realen Bezug mehr zu dieser Zeit hat, sondern sich nur anhand von Geschichten und Bildern an dieses dunkle Kapitel erinnern kann. Diese Generation ist insofern etwas Besonderes, da sie das Bindeglied zwischen der alten Zeit und einer neuen Epoche ist. Am Ende kommen Touristen ist ein feinfühliger, stimmiger Film, der nicht nur ein wunderschönes Protrait der Stadt Oswiecim beinhaltet, sonden vor allem von der NS-Zeit aus heutiger Sicht berichtet, und der sich auch traut ein bisschen auf die Ambivalenz des Tourismus in Auschwitz hinzuweisen.

Fazit:
Am Ende kommen Touristen ist ein feinfühliger Blick auf die Ortschaft Oswiecim, die durch das Vernichtungslager Auschwitz während des zweiten Weltkriegs zu tragischer Berühmtheit gekommen ist. Dabei werden alle kulturellen Statements des Films schön in die Geschichte rund um Zivildiener Sven eingebaut und dringen damit beinahe wie selbstverständlich zum Zuseher durch. Zu beachten ist, dass Am Ende kommen Touristen ein sehr ruhiger und unspektakulärer Film ist. Wie es Krzeminski im Film sagt: "Zeigen Sie ihnen Schindler´s Liste. Das macht bestimmt mehr Wind." Dennoch sollte man nicht so einfach auf den großartigen Film Spielbergs verweisen, denn obwohl Am Ende kommen Touristen so seine Schwächen hat, vor allem die etwas simple Liebesgeschichte, ist es dennoch ein sehr sehenswerter und berührender Film.

Wertung:
7/10 Punkte

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