Gnade (2012)

OT: Gnade - 132 Minuten -
Gnade (2012)
Kinostart: 09.11.2012
DVD-Start: 26.04.2013 - Blu-ray-Start: 26.04.2013
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Filmkritik zu Gnade

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Eisige Kälte und zweimonatige Finsternis sind die neuen Lebensbedingungen von Niels (Jürgen Vogel), Maria (Birgit Minichmayr) und deren Sohn Markus (Henry Stange). Nur mit der wärmenden Hoffnung auf einen Neuanfang ausgerüstet, der die ausgelebte Beziehung retten soll, findet sich die die Familie in Norwegen wieder. Vorerst bleibt die Situation zwischen ihnen allerdings dunkel wie die Polarnacht, welche sie umgibt. Ausgerechnet ein schreckliches Unglück darf die erhoffte Wende bringen. Unverdiente Gnade erscheint, -  zusammen mit den ersten Sonnenstrahlen nach der langen Nacht am Horizont - und lässt den Zuschauer nicht unbewegt.

Nach den ersten Monaten in der neuen Umgebung entwickelt sich das Familienleben der drei deutschen Auswanderer nicht gerade in eine rettende Richtung. Niels vergnügt sich mit einer heißen Affäre (Ane Dahl Torp), Maria konzentriert sich auch ihre Arbeit im Krankenhaus und Sohn Markus hat Probleme damit, in der Schule den richtigen Anschluss zu finden. Das Thema Gruppenzwang konfrontiert ihn mit der Problematik, richtige Entscheidungen zu treffen. So lässt er sich z.B. dazu verleiten, in den Rucksack des Klassenaußenseiters hineinzuspucken. Er hat aber keinen rechten Zugang zu den Eltern, und ist damit beschäftigt, mit seinem Leben selbst fertig zu werden. „Kurz vorm Sonnenaufgang ist die Nacht am dunkelsten“ ist ein Sprichwort, welches hier wohl seine ganze Tragweite präsentiert. Denn die wahre Katastrophe steht noch bevor.

Als Maria nach einer Doppelschicht heimfährt, läuft ihr etwas vors Auto. Sie bringt den Wagen wieder unter Kontrolle und blickt erschrocken in den Rückspiegel. Doch in der Finsternis kann sie nichts erkennen. Die Gedanken, ein Tier angefahren zu haben, mischen sich mit ihrem Schock-zustand und verleiten sie, ohne auszusteigen, geradewegs nach Hause zu fahren. Völlig aufgelöst versucht Maria ihrem Mann zu erklären was gerade passiert ist. Als dieser den Ernst der Lage erkennt, steigt er in sein Auto und fährt zur Unfallstelle. Er geht den Weg ab, um nach dem Rechten zu sehen, kann aber im Schnee und der Finsternis nichts finden. Die furchtbare Vorahnung Marias bestätigt sich am darauf folgenden Tag, als die beiden in der Zeitung vom tragischen Tod einer 16 jährigen Schülerin lesen. Sie wurde am Heimweg von einer Party angefahren und ist im Eis gestorben. Die Familie hat zu diesem Zeitpunkt wohl endgültig ihren Tiefpunkt erreicht, und muss sich nun mit einer Schuldfrage auseinanderzusetzten, die jenseits der Intensität von Niels Affäre und Markus Schulproblemen liegt. Der Kampf mit dem Gewissen und der Entscheidung zu Schweigen oder sich zu stellen, bewirkt nun aber das Unvorstellbare. Die erstickende Kälte der Situation bringt in der Ehe eine völlig neue Liebe hervor. Niels kommt mit seinem Herzen zu Maria zurück und auch Markus, der nicht unmittelbar einbezogen wird, scheint von der neuen Liebe unsichtbar verändert zu werden. Was ohne Hoffnung schien, bekommt einen neuen Weg und endet mit einer Überwindung scheinbar unüberwindbarer Menschlichkeit.

Der Titel „Gnade“ hätte von Regisseur Matthias Glasner nicht mehr treffender formuliert werden können. Er bringt den Film mit seinen verschiedenen Strängen genau auf einem Punkt. Nicht nur die Story selbst, bleibt nachdrücklich in den Köpfen der Zuseher. Die visuellen Eindrücke und das Wechseln von Stille, Kälte und Emotion werden mit höchstrealistischen Soundelementen unterstrichen. Der Illusionseffekt des Kinos, der den Zuseher in eine andere Welt ziehen soll, um völlig „mit zu leben“ ist hier perfekt gelungen. Die schauspielerische Leistung von Vogel und Minichmayr entspricht allen Erwartungen.

Fazit:
Man findet in Gnade nicht leicht etwas, dass es verdient kritisiert zu werden. Das hängt nicht nur mit dem schönen Zusammenspiel von Story, Sound, Kulisse und Schauspieler zusammen, sondern mit Sicherheit auch mit einer gewissen Frische. Denn weder die Bedingungen des Lebens in Kälte und Polarnacht, - noch die Thematik selbst, werden oft auf die Leinwand gebracht. Während man von den 0815 - Beziehungsfilmen und Krimis schon reichlich genug hat, wird hier etwas Neues geboten. Doch Glasner wagt es mit seinem Ende, die Frage nach Gnade und Vergebung aufzuklären, er entlässt das Publikum nicht mit der Möglichkeit eine eigene Entscheidung darüber zu fällen. Deshalb läuft der Film mit Sicherheit Gefahr, dass Menschen mit persönlichen Erlebnissen, Anstoß daran nehmen. Als zum Thema neutral stehende Person darf man aber zugeben: Man will eigentlich gar nichts daran aussetzen.

Wertung:
9/10 Punkte
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