Import Export

OT: -  135 Minuten -  Drama
Import Export
Kinostart: 09.11.2007
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Import Export

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Ulrich Seidl, sicher neben Filmemachern wie Michael Glawogger und Michael Haneke momentan Österreichs Aushängeschild Nummer 1, was hochkarätige Filme angeht, nimmt n seinem neuesten Werk Import Export kein Blatt vor den Mund (nicht dass man das von ihm erwartet hätte), und spricht Themen an, über die man nur ungerne nachdenkt. Er zeigt dem Publikum Bilder, die man eigentlich nicht sehen will, die unangenehm sind und die weh tun. Obwohl es somit sicher alles andere als angenehm ist, seinen neuen Film anzusehen, versteht man, wenn der Abspann nach fordernden 135 Minuten herunter läuft, warum dieser Film beim diesjährigen Filmfestival von Cannes so hohe Wellen geschlagen hat.

Die in der Ukraine lebende Olga (Eykataryna Rak) verdient sich ihr Geld als Krankenschwester, doch der vergleichsweise geringe Lohn, der für sie dabei herausspringt, reicht kaum, um sich selbst und ihr Kind durchzufüttern. Ihr Leben ist trist, genau wie ihre Wohnung und ihr Lebensraum. Eingeengt zwischen kalten Fabriken und Unmengen an Schnee, gibt ihre Wohnung nur wenig Platz für Olga, ihre Mutter und ihr Kind. Durch ihre Freundin (Baranova Natalija) beginnt Olga für eine Live-Pornoseite im Internet zu arbeiten und muss sich somit Tag für Tag zur Befriedigung von Fremden erniedrigen. Um diesem Leben zu entfliehen, verlässt sie ihre Familie in Richtung Wien und versucht, sich ein neues Leben aufzubauen.

In Österreich hingegen versucht sich der Wiener Paul (Paul Hofmann) als Angestellter einer Security-Firma zu etablieren. Nach einer harten Ausbildung bekommt er einen Job als Wachmann, doch nachdem er von einer Gruppe Jugendlicher überrascht und gedemütigt wurde, verliert er den Job genauso schnell wie er ihn bekommen hat. Da Paul an allen Ecken und Enden Schulden macht und es schließlich sogar seinem Stiefvater (Michael Thomas) zu viel wird, nimmt dieser Paul mit auf eine Arbeitsreise nach Osteuropa, wo er seine Schulden abarbeiten soll. Gemeinsam fahren sie durch die triste Gegend, um Kaugummiautomaten aufzustellen und in ihrer Freizeit dem Alkohol und der Lust zu fröhnen. Doch wird der Import von Olga und der Export von Paul wirklich zu ihrem Glück führen?

Wer die Werke des von Natur aus pessimistischen Ulrich Seidl kennt, kann sich die Antwort bereits denken. Um seine Vision zu erreichen, hat er wie immer keine Mühen gescheut. Seidl ist ein Filmemacher, der seiner Crew nichts schenkt, aber sich selbst auch nicht von den harten Bedingungen seiner Arbeit ausnimmt. So mussten alle bei -30° Celsius im tosenden Schneegewirr drehen, und um die Erlaubnis zu bekommen, vor einer Fabrik zu drehen, die Seidl unbedingt als Motiv haben wollte, musste man sogar mit der örtlichen Mafia in Verhandlung treten, nur damit sich Seidl, nachdem man die Erlaubnis erhalten hatte, umentscheidet und das Motiv aus dem Film streicht.

Das Dokumentare spielt selbstverständlich auch in Import Export wieder eine sehr wichtige Rolle. Ulrich Seidl perfektioniert mit seinem neuesten Film den Weg, den er mit Hundstage eingeschlagen hatte. So gut wie alle Darsteller sind nur Laiendarsteller, die in Import Export das erste Mal vor der Kamera agieren. Eykataryna Rak, die in Import Export die ukrainische Krankenschwester Olga spielt, ist auch im wahren Leben eine Krankenschwester, die sich nebenbei noch als Schauspielerin in einem Kindertheater etwas dazuverdient. Ihr Kollege Paul Hofmann brauchte sich wohl auch nicht besonders auf seine Rolle vorzubereiten, da er im echten Leben, genau wie im Film, auf Arbeitssuche ist.

Noch einen Schritt weiter geht Ulrich Seidl, wenn es um die Nebendarsteller im letzten Drittel seiner Import-Episode geht. Als Olga schließlich ihren Job verliert, wegen dem sie nach Österreich gegangen ist, beginnt sie als Putzfrau in einer Geriatrie zu arbeiten. Um die größtmögliche Authentizität für seinen Film zu erhalten, kam es für Seidl gar nicht in Frage, Schauspieler in die Betten zu stecken. Er wollte in einer wirklichen Geriatrie drehen, um umgeben von sterbenden und kranken Patienten den nötigen dokumentarähnlichen Charakter des Films beizubehalten.

Dieser spezielle Stil Seidls ist es auch, der all seine Filme so besonders macht. Wie kein anderer schafft er es, die Aspekte des Dokumentar- und des Spielfilms auf eine Weise zu kombinieren, sodass sich die Vorteile beider Genres hochschaukeln und am Ende ein ganz besonderes Filmerlebnis erzeugt wird. Die griffige Atmoshphäre, die von Seidl erzeugt wird, bezeichnet man am besten als inszenierte Dokumentation, die seiner Geschichte immer den nötigen Bezug zur Realität verleiht. All seine Charaktere wirken wie aus dem Leben gegriffen und verstärken die kritischen Töne der Geschichte in allen Punkten.

Das Besondere an Ulrich Seidls Stil ist dabei, dass er immer nur zeigt und nie bewertet. Er zwingt den Zuseher zum Hinsehen und zeigt Bilder, die man gerne verdrängen möchte. In seinen langen Einstellungen und seiner beinahe hypnotischen Montage aus kühlen und verstörenden Bildern erzeugt Seidl einen Sog, der den Zuseher beinahe zwingt, hinzusehen. Man kann sich nicht abwenden, wenn Import Export seine Geschichte aus den unteren sozialen Schichten erzählt, und diese durch Bezüge zur Globalisierung und zur zunehmenden Bedeutung des Menschen als Ware in einen größeren Kontext rückt.

Das Schöne und Einfache am menschlichen Leben interessiert Seidl nicht im Geringsten. Er beschränkt sich auf die Abgründe in den Persönlichkeiten, die Perversionen und das Dunkle am menschlichen Sein. Seinen Figuren macht er es nie einfach und schickt sie durch ihre persönliche Hölle aus sexueller Erniedrigung und Demütigung. Zentral über allem schwebt die Macht des Geldes, die Seidl als universelles Druckmittel einsetzt. Sei es die Notwendigkeit für Olga, sich zu prostituieren, um das Geld aufzutreiben, damit sie ihre Familie ernähren kann, oder die Macht, die er Pauls Stiefvater gibt, um sich am Ende eine Prostituierte als persönliches Sexspielzeug gefügig zu machen, die er zum Hund degradiert und erniedrigt.

Der menschliche Körper wird als Ware dargestellt. So kommt Olga nach Wien, um in einer Villa als Putzfrau zu arbeiten, aber nachdem ihre Arbeitgeberin auf die gutaussehende neue Hilfskraft eifersüchtig wird, wirft sie Olga unter einem Vorwand hinaus und schickt sie auf die Straße. Auch Paul behandelt sich selbst als Ware, als er beim Sicherheitsdienst anfangen will, und sein Leben scheint nur durch sein Training und durch Abhärtung einen Sinn zu ergeben. Auch in ihrer Zeit in der Ukraine konnte Olga nur überleben, als sie sich selbst als Ware angeboten hat, und im späteren Verlauf des Films wird auch Pauls Stiefvater noch seine sexuelle Perversionen auf Kosten einer armen Prostituierten ausleben. Die Spitze erreicht man schließlich in der Geriatrie, wo man die Sterbenden scheinbar ohne Sinn in ihren Betten verkommen lässt und sie ohne Beachtung und Würde dem Tod entgegen schickt.

Wie gesagt macht es Ulrich Seidl dem Publikum dabei in keiner Sekunde einfach. Die Bilder, die er erzeugt, sind kalt und bedrückend, und speziell die Szenen in der Geriatrie, die vor allem durch die Anwesenheit echter Patienten von einer bedrückenden Traurigkeit durchzogen sind, tun dabei schon fast körperlich weh, doch auch in allen anderen Punkten seiner Geschichte hinterlässt Import Export keine Verwundeten, sondern geht in die Vollen. An manchen Stellen scheint sogar etwas schwarzer Humor im dunklen und pessimistischen Universum von Ulrich Seidl durch, doch so überraschend dieser auftaucht, so schnell bleibt dem Zuseher das Lachen auch im Hals stecken. Import Export ist schmerzlich, verstörend und fordernd, und dennoch übt er eine Faszination aus, die, vergleichbar mit David Lynchs Inland Empire, einem Nierenschlag gleichkommt und den Zuseher lange noch verfolgen wird. Import Export ist ein wirklich herausragender Film, auch wenn er vielen zu radikal und anstrengend sein wird. Manchen wohl auch zu langweilig, aber jeder, der sich auf Import Export einlässt, wird einen Film der besonderen Art sehen.

Fazit:
Ulrich Seidls neuester, in Cannes gefeierter, Film Import Export schlägt in eine Kerbe, die es dem Zuseher nicht einfach macht. Mit seinen kalten, verstörenden Bildern trifft er das Publikum, wo es weh tut und zwingt es hinzusehen, obwohl es gar nicht will. Import Export ist hart und macht garantiert keinen Spaß, aber dennoch ist er ein höchst beeindruckender und verstörender Film, in dem Ulrich Seidl ein dunkles, pessimistisches Universum aus sexueller Erniedrigung und sozialer Ungerechtigkeit entwirft. In seiner Parabel über Globalisierung und die Macht des Geldes trifft er einen Nerv, der den interessierten Zuseher garantiert nicht kalt lässt. Manchen wird Seidls Stil sicher zu radikal sein, aber durch seine brutale Ehrlichkeit erreicht er eine Härte, die selbst seinen viel beachteten Film Hundstage in den Schatten stellt.

Wertung:
8/10 Punkte

Filmering.at
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