Holy Motors (2012)

OT: Holy Motors - 115 Minuten - Drama
Holy Motors (2012)
Kinostart: 31.08.2012
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Holy Motors

Das Kino als selbstreflexives Medium. Oft wird der Kinosaal selbst im Film präsentiert. Doch der Drehbuchautor und Regisseur Leos Carax geht in seinem neuen Film noch einen Schritt weiter. Kinozuschauer blicken auf eine Leinwand – eine Situation, die stundenlang andauern kann. Mit dieser Art und Weise beginnt der französische Regisseur Holy Motors. Ein Mann erwacht und benutzt seinen Finger als Schlüssel zum Kinosaal. Der Kinematograph höchstpersönlich betritt den Raum. Wie hypnotisiert blicken die Zuschauer auf eine Leinwand, die uns Zusehern nicht offenbart wird. Stattdessen sehen wir ein kleines nacktes Kind durch den Kinogang rennen, dahinter folgt ein riesiger Hund. Spielt sich diese Situation gerade in unserem Kinosaal ab? Ich weiß es nicht, denn ich blicke fasziniert auf die Kinoleinwand. Wir sind Sklaven digitaler Medien und dies wird uns ein Schauspieler höchstpersönlich präsentieren. Vorsicht! Selbstreflexion!

Monsieur Oscar, ein Mann, der sich anhand seiner Arbeit zu definieren scheint, ist ein reicher Geschäftsmann. Täglich steigt er morgens in seine weiße Limousine. Ein anstrengender Arbeitstag steht ihm bevor. Céline (Édite Scob), seine Chaufferin, informiert ihn über den Tagesablauf und fährt ihn von Meeting zu Meeting. Während der Fahrt bereitet sich Monsieur Oscar auf seinen nächsten Job vor. Seine Limousine ist für jede Angelegenheit bestens ausgestatten. Mitten in Paris steigt Oscar, verkleidet als eine alte Frau, aus der Limousine. Seine Aufgabe lautet: betteln. Nach der Ausführung dieser demütigenden Tat steigt er wieder in das Auto. Er hat nun genügend Zeit, um sich für den nächsten Job vorzubereiten. Seine Ausdauer ist nun gefragt, denn in einem Körper-betonenden Anzug muss er mit einem Stab in der Hand Kampfübungen ausführen…

Oscar fährt von Job zu Job. Die Handlung klingt monoton, ist in diesem Fall auch nebensächlich. Im Vordergrund stehen nämlich die wunderschönen Bilder, die uns Leos Carax nach und nach auf dem Filmteller präsentiert – eine köstliche Angelegenheit.  Seine Bilder sind zugleich schockierend, faszinierend, gewagt und gesellschaftskritisch. Beispielsweise rennt ein hässlicher Kobold durch einen Friedhof. Auf den Grabsteinen steht jedoch nicht der Name der verstorbenen Leute, sondern: „Visit my homepage“. Darunter darf dann jeder individuell seine Internetseite einsetzen. Zusammengefasst: ein hässliches Monster hüpft hastig durch den „Homepage-Friedhof“ - ein göttlicher Anblick. Eine genauere Erklärung der Filmszene, oder der anderen metaphorischen Bilder, würde den Rahmen dieser Rezension sprengen. Darüber hinaus würde jede Erläuterung nicht dem tatsächlichen Filmbild gerecht werden, denn „ein Bild sagt mehr als tausend Worte“ und dieses Sprichwort passt in dem Fall wie die Faust aufs Auge.  

Seine gut durchdachten Bilder entfaltet Carax im Filmverlauf in mehreren Episoden. Es handelt sich um verschiedene Stationen eines Subjekts, welches nicht nur ein Ich, sondern gleich mehrere Identitäten besitzt. Das Individuum wechselt seine Masken öfter als seine Hemden. Von der alten Bettlerin wird er zum Familienvater. Ferner wechselt er zum Stadtmusiker, bis hin zum Auftragskiller. Eine Ruhezeit ist nicht in Sicht - sein wahres Ich schon längst vergessen. Was er lebt sind gesellschaftlich festgelegte Rollen. Rollen, die im gleichen Moment an das Filmdrehen erinnern. Demnach ruft eine Szene Joseph Kosinkis Tron: Legacy (2011) in Erinnerung. Zugleich wird ein Motion Capture-Verfahren gezeigt. Doch wo sind die Kameras? Sie überwachen uns! Sehen können wir sie allerdings nicht.

Alle bereits erwähnten Rollen, und viele mehr, werden zumal in der Performance eines Darstellers verbunden. Denis Lavant (Mathilde – Eine große Liebe, 2004) hat diese schwierige Aufgabe aufgenommen und beweist große Schauspielkunst. Seine überzeugende Darstellung der unterschiedlichen Figuren ist ein weiterer Grund für das einwandfreie Wirken der aussagekräftigen Bilder des Dramas auf den Zuschauer. Des Weiteren spielt Kylie Minogue auch eine viel beschäftigte Frau in Holy Motors. Im Film ist zudem nicht nur ihr Megahit „Can’t get you out of my head“ zu hören, die Sängerin und Schauspielerin singt auch in der einfühlsamsten Szene des Films das Lied „Who were we“ und trifft damit genau ins Schwarze.

Der Schauspieler beziehungsweise die Schauspielerin wird also nicht nur als wandlungsreich, anpassungsfähig, sondern auch als Gesangstalent porträtiert. Den fehlenden Aspekt, die Schönheit, fügt Eva Mendes (Last Night, 2010) hinzu, die „Beauty, beauty, beauty, beauty, beauty,...” im Film spielt. Der Name ihres Charakters bleibt im Hintergrund, denn letztendlich ist er nebensächlich. Ein Adjektiv aus dem Mund eines Photographen reicht aus, um diese Figur zu charakterisieren. Dies spricht dramaturgisch gesehen für eine oberflächliche und eindimensionale Figurenzeichnung, doch genau das möchte Leos Carax damit verdeutlichen. Schönheit erhält heutzutage in den Medien eine primäre Stellung. Um jedoch nicht zu gesellschafts- und medienkritisch zu werden und das Publikum damit abzuschrecken, würzt der Regisseur sein Werk mit ein wenig Ironie an den richtigen Stellen. Absurde Bilder und die Auflösung der Identität der „Holy Motors“ sorgen während der gesamten Filmlänge für heitere Stimmung beim Zuseher. Fügt man am Ende die verschiedenen Darstellerporträts zusammen, entsteht außerdem eine Hommage an den Schauspieler / die Schauspielerin, die vom Filmemacher geschickt in die Geschichte des Dramas eingebaut wurde.

Fazit:
Holy Motors von Leos Carax ist ein außergewöhnlicher Film. Er ist selbstreflexiv, gesellschafts- und medienkritisch, überzeugt mit beeindruckenden, einschneidenden, absurden und liebevollen Bildern, begeistert bei genauem Hinsehen emotionales, sowie anspruchvolles Publikum und glänzt zugleich auch als eine Hommage an den Darsteller / die Darstellerin. Da der Film jedoch die Aufmerksamkeit und die Interpretationsfähigkeit des Zuschauers fördert, muss dieser sich auch auf den Film einlassen, ansonsten bleibt Holy Motors ein großes Rätsel. Demnach ist der Film nicht für Zuseher geeignet, die im Kino einfach nur abschalten und sich unterhalten lassen wollen.

Wertung:
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Filmering.at
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Ø Wertung: 8.6/10 | Kritiken: 0 | Wertungen: 16
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