Samsara (2011)

OT: Samsara - 102 Minuten - Dokumentation
Samsara (2011)
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Kinostart: 07.09.2012
DVD-Start: 25.01.2013 - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Samsara

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Früher war das Kino mal das Fenster zur Welt. Heute, in Zeiten von Vernetzung und mobilen Internetzugängen, hat es diese Funktion nur mehr bedingt. Wir müssen nur in unsere Taschen greifen und ein paar Fingerbewegungen später wissen wir von neuesten Ereignissen in Syrien oder haben die aktuellsten Medaillengewinner bei den olympischen Spielen parat. Selbst zum Staunen, so scheint’s, ist das Kino nicht mehr vonnöten. Youtube macht es möglich und lässt uns überall dabei sein: Vulkanausbrüche, religiöse Zeremonien oder Bilder aus modernen Schlachtbetrieben. Drei Beispiele, wie sie in Ron Frickes neuem Werk SAMSARA vorkommen. Fünf Jahre hat man daran gearbeitet, Motive gesucht und schließlich auf Panavision Super 70 eingefangen. In Zeiten des Digitalisierungswahns lässt das Materialfetischisten aufhorchen: Sollte der Film hierzulande tatsächlich in 70mm ins Kino kommen? In Österreich beherrscht nur mehr das Leokino in Innsbruck dieses Format – in Wien will man im Gartenbaukino immerhin bis Ende des Jahres nachrüsten. SAMSARA erscheint jedoch am 7. September und wird nur digital gezeigt. Natürlich sieht auch die digitale 4k Auflösung fantastisch aus – Schade ist es dennoch – weniger wegen des Films, sondern mehr aufgrund des Kniefalls vor der Technik.

SAMSARA selbst ist nämlich ziemlicher Käse. Fricke, der bereits an Godfrey Reggios Klassiker KOYAANISQATSI (1982) als Kameramann mitarbeitete, und zehn Jahre später mit dem ähnlich gelagerten BAKARA sein Langfilmregiedebüt gab, ändert auch in seinem neuesten Film nichts an der Erfolgsmasche, die diesen Filmen einst Scharen von Zuschauern bescherte: Man nehme Aufnahmen möglichst imposanter Motive (Landschaften, Flüge über Großstädte, religiöse Orte), die man entweder in extremer Zeitlupe oder extremem Zeitraffer ablaufen lässt und mische dazu spirituelle Musik (diesmal von Marcello De Francisci, „Dead Can Dance“ Chanteuse Lisa Gerrard und Frickes Wegbegleiter Michael Stearns). Das alleine wäre zwar bereits sehr schön, aber vermutlich unspannend und als Kontrast müssen Aufnahmen von Menschen her: Buddhistische Mönche, chinesische Arbeiter, Naturvölker, Thai-Girls, amerikanische Waffennarren und vor allem Kinder. Sie dürfen posieren, mit großen Augen in die Kamera schauen, erinnern in den schlimmsten Fällen an Betroffenheits-Werbespots und man wartet eigentlich nur darauf, wann die Telefonnummer für die Spendenhotline eingeblendet wird. So sehr der Film die Schönheit des Menschen feiern will, so sehr tappt er in seine eigene Falle: Frickes Kamera macht sie alle – unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe oder Lebenssituation – zu Opfern. Einzig die buddhistischen Mönche und Tänzerinnen, die den Film einleiten und wieder beschließen, erscheinen unschuldig.

Wie schon die –QATSI-Trilogie oder BAKARA verzichtet SAMSARA völlig auf Dialoge, voice-over oder erläuternde Texteinblendungen. Die kleinen, epischen Geschichten, in denen uns Zuschauern die Welt erklärt werden soll, erschließen sich nur über Schnitt und Musik. Rasch wird der Standpunkt des Films zwischen industrialisierten und ursprünglichen Lebenswelten deutlich: Nach romantisch verklärtem Einstieg in die Welt der Klöster und der weiten Landschaften des Himalaja folgen Bilder der Zerstörung, die ein Wirbelsturm in einer amerikanischen Stadt angerichtet hat: Häuser begraben Autos unter sich, im menschenleeren Supermarkt herrscht schlammbedecktes Chaos. Naturvölker werden mit der Kamera gefeiert, die ersten Menschen in der Großstadt bewegen sich hingegen wie Roboter. Ein gestresster Anzugträger sitzt am Schreibtisch und schmiert sich in einer unglaublichen Performance Lehm und Farbe ins Gesicht – die Sehnsucht nach der Natur, „zurück zum Ursprung“. Oder: Massen von Hühnern und Rindern auf dem Weg zur Schlachtung, Massen von Menschen in einer asiatischen Fabrik (erkennbar an Schriftzeichen), die das tote Getier weiterverarbeiten, Massen von übergewichtigen Amerikanern, die Hamburger in sich reinstopfen und ein dicker Bauch kurz vor der Fettabsaugung. Auf diesem Niveau argumentiert der Film beinhart durch. Trauriger Höhepunkt ist eine Tanzperformance von hunderten Insassen in einem Gefängnishof – so als wollte der Film diesen Menschen für einen Moment ihre Würde zurückgeben, die ihnen aber niemand genommen hat.

Dritte Säule neben Natur und Mensch bilden Religion und vor allem religiöse Bauwerke: Ob Moschee, Kathedrale oder Tempel – vor so viel Erhabenheit kapituliert der Film und lässt uns an den Lichtstrahlen, die durch die bunten Glasfenster brechen, delektieren. Wenigstens ist diese Starre, in der Fricke mal nicht versucht, den Lauf der Welt zu fassen und zu erklären, ehrlich und damit zählen diese wenigen Momente auch zu den schönsten in dieser ansonsten recht flachen Bildersymphonie. In KOYAANISQATSI ist es vor knapp 30 Jahren gelungen, ein Leben, das „aus der Balance geraten ist“ (so eine mögliche Übersetzung des Titels), filmisch zu fassen – deshalb sei dieser Film ausdrücklich empfohlen. Wer noch weiter zurück gehen und auf philosophischen Schnickschnack verzichten will, schaue sich die Filme Dziga Vertovs (ENTUZIAZM) an, die formal ähnlich funktionieren, aber vor allem ein Hochlied auf die Arbeiterschaft singen. SAMSARA hingegen kaut Bekanntes wieder und erscheint – angesichts der rasanten technischen Entwicklungen der letzten Jahre, die absolut fruchtbaren Boden für eine Reflexion über unseren Lebensstil bilden würde – unsagbar altmodisch.

Wertung:
4/10 Punkte
Filmering.at
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