Amour - Liebe (2012)

OT: Amour - 125 Minuten - Drama
Amour - Liebe (2012)
Kinostart: 21.09.2012
DVD-Start: 22.02.2013 - Blu-ray-Start: 22.02.2013
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Filmkritik zu Amour - Liebe

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Natürlich kann man kritisch gegenüber der finanziellen Leistungsfähigkeit österreichischer Filme eingestellt sein, aber zumindest qualitativ gelingt es den heimischen Filmemachern immer wieder eindrucksvolle Ausrufezeichen zu setzen. Nach Stefan Ruzowitzkys Oscargewinn mit Die Fälscher wurde Michael Hanekes Meisterwerk Das Weisse Band mit der Goldenen Palme in Cannes und dem Golden Globe als Bester fremsprachiger Film prämiert und überraschenderweise gelang Haneke im Frühjahr diesen Jahres das historische Kunsstück gleich mit seinem nächsten Film erneut die Goldene Palme zu gewinnen. Und tatsächlich erweist sich dieser Triumph als äußerst verdient: Liebe ist ein großer Film des virtuosen Regisseurs, der sicher an niemanden spurlos vorüberziehen wird.

Georges (Jean-Louis Trintignant) und Anne (Emmanuelle Riva) sind bereits im sehr gehobenen Alter - aber immer noch glücklich miteinander. Früher einmal waren beide Musikprofessoren, mittlerweile sind sie natürlich längst in Pension. Auch das Verhältnis zu ihrer Tochter Eva (Isabelle Huppert) ist sehr positiv. Doch dann erleidet Anne plötzlich einen Schlaganfall und im gemeinsamen Leben ist nichts mehr wie es war. Zunächst ist Anne nur körperlich eingeschränkt, doch es dauert nicht lange bis sie auch geistig zu verfallen beginnt. Und gemeinsam mit Anne, geht es auch mit Georges bergab. Denn er nimmt sich selbst völlig zurück, kümmert sich aufoperungsvoll um seine Frau und wird dabei immer mehr zum Gefangenen in seinen eigenen vier Wänden...

Michael Haneke hat es dem Publikum noch nie einfach gemacht. Und man darf sich gar nichts falsches erwarten: Selbst in seinem vielleicht einfühlsamsten Film, bewahrt sich der virtuose Regisseur einen messerscharfen Blick auf die Realität und fordert wie so oft viel von seinem Publikum. Der Alltag von alten Menschen wird genau wie die lange Reise von Sterbenden im Kino gerne ausgeblendet, bzw. stark verkürzt oder gar romantisiert. Haneke wählt den gegenteiligen Weg und zwingt uns geradezu hinzusehen und sich mit dem Thema zu beschäftigen. Das tut manchmal weh, ist unbequem und ganz sicher auch beunruhigend - liefert aber letzten Endes ein außerordentlich eindrucksvolles filmisches Gesamterlebnis, wie es kaum ein anderer Regisseur zustande bringt.

Denn Haneke benutzt seine Figuren nicht um auf konstruierte Weise ein Statement zu setzen, er liefert in Liebe zwei äußert stimmungsvoll entworfene und vor allem auch meisterhaft gespielte, Charaktere, die wie aus dem Leben gegriffen scheinen und deren Geschichte bis zum Ende ergreifend, nachvollziehbar und auch erschütternd wirkt. Der parallel geschilderte geistige und körperliche Verfall von Anne und das Verlorengehen jeglicher Lebendigkeit im Dasein von Georges ist eine ineinander verwobene, nach unten gerichtete Spirale, durch die es Haneke ungeheuer imponierend versteht alles zum Thema Liebe zu sagen: Geborgenheit, Unterstützung, Verständnis - aber im Extremfall vielleicht auch Selbstaufgabe, Gefängnis und Tod. Eine bittere Darstellung, die man im Kino selten findet.

Die Einstellungen sind dabei gewohnt lange, die Bilder unbequem und letzten Endes ist Liebe sicher keine sehr angenehme, bzw. wohltuende Kinoerfahrung, aber es ist ein eindrucksvollen Erlebnis, das durch Mark und Bein dringt. Das sicher auch, weil Haneke eben ein radikaler Filmemacher ist, der keine halben Sachen macht. Liebe spielt quasi durchgehend am selben Ort. Genau wie Georges ist der Zuseher gefangen, fühlt sich eingeschränkt - und bekommt weder Abwechslung, noch kann man den Blick abwenden. Es ist eine durchaus klaustrophobische, unanegenehme Erfahrung, die aber notwendig ist um sich noch mehr mit dem Schicksal der Figuren zu identifizieren und den schleichenden Verfall von Georges noch besser nachvollziehen zu können. Man wird gezwungen hinzusehen, ohne dass man wirklich etwas unternehmen könnte und diese ausweglose Verdammnist hinterlässt den Zuseher nicht nur ratlos, sondern mit einem äußerst mulmigen Gefühl.

Getragen wird Liebe dabei natürlich auch von den beiden überragenden Schauspielleistungen von Jean-Louis Trintignant und Emmanuelle Riva, die beide völlig in ihre Rollen gleiten und die man auch tatsächlich nicht mehr als Darsteller, sondern ausschließlich als Figur wahrnimmt. Beide durchspielen alle Facetten ihrer Charaktere mit Bravour und suchen nicht die großen Szenen, sondern drücken dem Film gerade durch die kleinen Einzelmomente ihren Stempel auf. Auch die Inszenierung Hanekes erweist sich als so kreativ wie konsequent. Innerhalb der monotonen Alltagsschilderung arrangiert er unglaublich geschickt eine hypnotisierende Traumsequenz oder eine seltsam unvorhersehbare und symbolische Begegnung mit einer Taube. Wie man es von Haneke kennt, kann man Liebe natürlich einem Mainstreampublikum nur mit großer Vorsicht empfehlen - aber wer sich auf diese sensibel geschilderte Geschichte einlässt, bekommt einen berührenden Film zu sehen, der die Härte des Lebens mit unnachgiebiger Konsequenz einfängt und dank seiner kosequenten Herangehensweise sicher zu den eindrucksvollsten Filmen des Kinojahres zählt.

Fazit:
Mit Liebe bewegt sich Michael Haneke einmal mehr am Zenit seines Könnens. Im Wesentlichen schildert der Film über rund zwei Stunden lang das Erlöschen eines Menschenlebens und im Gegensatz zu den meisten Filmen schildert er diesen Prozess nicht als kurzen Knall, sondern als langsamen Prozess, der das Gefüge einer kleinen Welt in den Abgrund zieht. Die Härte, Präzison und Konsequenz mit der Haneke seinen Film inszeniert ist beispiellos und die Tatsache, dass er das Mitgefühlt für seine Figuren und die emotionale Integrität der gesamten Geschichte nie aus den Augen verliert, ist nicht weniger imponierend. Für Arthouse Fans ist Liebe sicher eines der größten Highlights des Kinojahres.

Wertung:
9/10 Punkte
Filmering.at
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Ø Wertung: 8.6/10 | Kritiken: 1 | Wertungen: 18
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