Persepolis

OT: -  96 Minuten -  Animation
Persepolis
Kinostart: 30.11.2007
DVD-Start: 07.03.2014 - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Persepolis

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Die gebürtige Iranerin Marjane Satrapi hat eine Kindheit, die es wirklich wert ist, erzählt zu werden. Diese Aufgabe erfüllte die nun in Frankreich lebende Marjane bereits selbst, als sie mit ihrem vierbändigen Comicbuch Persepolis mit ihrer eigenen Geschichte abrechnete. Sie erzählt von ihrer Jugend im Iran, den zahlreichen Regimewechseln, ihrem kurzen Stelldichein in Wien, schließlich ihrer Rückkehr in ihre Heimat und die abschließende Ausreise nach Frankreich, wo sie heute noch lebt. Dabei ist es besonders bemerkenswert, wie es ein Comic, der die wahre Geschichte einer Einzelperson erzählt, schaffte, weltweit eine so große Beliebtheit zu erringen. Dies erklärt sich am besten folgendermaßen: Marjane Satrapi kann über ihr eigenes Schicksal lachen, und gibt so Persepolis die nötige Leichtigkeit, um die kritische Geschichte direkt an den Zuseher zu transportieren. Der dazu gehörende Film steht dem Comic in diesen Punkten um nichts nach.

Die 8-jährige Marjane erlebt im Jahr 1979 den große Umbruch in ihrem Land. Nachdem das Volk lange revoltierte, wurde der regierende Schah aus dem Iran verbannt und die Mullahs konnten die Macht an sich reißen. Diese bringen allerdings nicht die gewünschten Verbesserungen, sondern stürzen das Land noch mehr ins Chaos. Fortschritt und Weiterentwicklung blieb auf der Strecke, und stattdessen wird das Volk an allen Ecken und Enden unterdrückt. Frauen müssen von nun an Kopftücher tragen, und jeder, der sich quer stellt, kommt sofort ins Gefängnis. Doch Marjane denkt gar nicht daran, sich dem Regime unterzuordnen: Sie entdeckt viel lieber den Punk für sich, hört Iron Maiden, und ist auch ansonsten nicht gerade eine Frau, wie es von der Regierung erwartet wird. Da sie mit diesem Verhalten nicht nur sich selbst, sondern auch ihre Familie gefährdet, muss sie ins Exil nach Wien, wo ihre rebellische Art nur noch mehr gefördert wird...

Was von Anfang an besonders an Persepolis auffällt, ist sein eigenwilliger Zeichenstil, der sich sehr gravierend vom Standard des Animationsgenres in unserer Zeit abhebt. Während es die Konkurrenz immer wieder schafft, die Technik zu verbessern, um noch besser und realitätsnäher auszusehen, versucht Persepolis dies erst gar nicht. Stattdessen hält man sich sehr an die Comicvorlage von Marjane Satrapi, die auch beim Film Regie führte, um ihr Leben nicht aus der Hand zu geben. Diese begründet die Wahl ihres Zeichenstils damit, dass sie die Figuren bewusst abstrahiere, um es jedem Menschen auf der Welt zu ermöglichen, sich mit den Charakteren zu identifizieren.

Würde man hier weniger abstrakte Zeichnungen anwenden, würden die Figuren zu sehr wie Iraner aussehen, was es zum Beispiel Asiaten oder Europäern sehr schwer machen würde, sich in die Geschichte hineinzuversetzen. Soviel zu der ursprünglichen Intention der Regisseurin, aber was sie neben diesen Punkten noch erreicht, ist vor allem eine unglaublich ästhetische und künstlerisch beeindruckende Art, ihre Geschichte auf die Leinwand zu zaubern. Da sie alles auf das Nötigste reduziert, wirkt das Gezeigte wie eine Erinnerung aus der Kindheit. Wenn man versucht, sich an lang Zurückliegendes zu erinnern, fallen immer nur die nötigsten Dinge ein, und das Unwichtige wird ausgekapselt.
 
Genau dies erreicht auch Marjane Satrapi mit ihrem abstrakten Zeichenstil, und verstärkt wird dieser Effekt noch dadurch, dass sie stilistische Überzeichnungen einbaut, die das Gezeigte noch weiter abstrahieren. So sehen zum Beispiel alle Soldaten des Regimes gleich aus, oder zwei Frauen, die sie wegen ihrer Punkschuhe zurechtweisen, werden beinahe als riesige Seeschlangen mit ihren langen Hälsen gezeichnet, und wirken so für das Kind noch bedrohlicher. Hinzu kommen zahlreiche visualisierte Gespräche mit Gott, was alles im Gesamten dazu führt, dass Persepolis wie eine Geschichte, betrachtet durch die Augen eines Kindes, wirkt. Unterstrichen wird dies auch durch Marjanes radikale körperliche Veränderung, als sie schließlich erwachsen wird.

Was diesen Film allerdings wirklich auszeichnet, ist, wie er es schafft, mit spielender Leichtigkeit seine an sich hoch brisante Geschichte zu erzählen. Marjane Satrapi beweist, dass sie über ihr eigenes Schicksal lachen kann, was bei all dem, was ihr widerfahren ist, absolut keine Selbstverständlichkeit ist. Nicht nur dass sie in allen Szenen, besonders durch die interessante Zeichenweise, die einige nette Effekte erlaubt, stets einen ironischen Beigeschmack einbaut, gibt es einfach sehr viele lustige Szenen, die das Gezeigte auflockern. Dabei fällt allerdings eine Szene auf, bei der man es mit der gut gemeinten Auflockerung übertrieben hat: Als Marjane in ein persönliches Tief stürzt, holt sie sich selbst mit dem aus Rocky 3 bekannten Song "Eye of the Tiger" wieder auf die Beine. Nicht nur, dass man diese 08/15 Sequenz schon in jeder zweiten Fernsehserie gesehen hat, es wirkt, speziell dadurch, dass das Lied auch noch mit französischem Dialekt gesungen wurde, etwas deplatziert und peinlich.

Aber trotz allem Humor, durch den man den Film für eine breitere Masse an Zusehern zugänglich macht, hat man nicht darauf vergessen, politisch wichtige Statements einzubauen. Durch die Augen von Marjane kann der Zuseher am eigenen Leib erfahren, was es heißt, im Iran zu leben. Von politischen Umbrüchen, die zuerst aufkeimende Hoffnung sofort wieder unterbinden und alles noch schlimmer als zuvor machen bis hin zu den Unterdrückungen der Frauen im Alltag erhält alles seine Aufmerksamkeit in Marjanes persönlichem Kampf gegen die Unterdrückung. Ein für die Österreicher besonderes Schmankerl ist natürlich Marjanes Ausflug nach Wien, der für einigen Unterhaltungswert sorgt.

Persepolis ist definitiv ein wunderbarer und berührender Film, der es mit Leichtigkeit schafft, ins Herz des Zusehers vorzudringen, und dabei beinahe spielend durch die persönliche Geschichte von Marjane Satrapi ein detailliertes Bild des Iran zeichnet und dabei nicht mit politischen, kritischen Tönen geizt. Mit viel Humor, aber auch genügend Szenen, die unter die Haut gehen, zeichnet man ein brisantes Bild Persiens und schafft es, sowohl die Vergangenheit als auch die Gegenwart im Iran auf den Punkt zu bringen. Persepolis holte sich unter anderem den Preis der Jury in Cannes und wird für Frankreich ins Rennen um den Auslandsoscar gehen. Abseits von diesen Preisen ist der Film vor allem ein unheimlich interessantes und berührendes Stück Zelluloid, das es wahrlich wert ist, gesehen zu werden.

Fazit:
Persepolis verwendet seinen ungewöhnlichen, aber künstlerisch unglaublich ästhetischen Zeichenstil dazu, um seine Geschichte aus den Augen eines Kindes zu erzählen. Die Figuren werden abstrahiert, und das Geschehen enthält auch einige Szenen, die auf der Fantasieebene operieren. Marjane Satrapi schafft es dabei virtuos, ihre eigene Geschichte, die sie schon durch einen Comic erzählte, auf die Leinwand zu bringen, und erzeugt dabei einen Film, der es mit spielender Leichtigkeit schafft, durch ein persönliches Einzelschicksal die Politik einer ganzen Nation zu kritisieren. Gleichzeitig gibt Persepolis dem Zuseher Einblick in das Persien der Vergangenheit und der Gegenwart und erzählt eine Geschichte voller Humor, Trauer, Verzweiflung und Hoffnung. Kurz gesagt: Ein unheimlich berührender Film, der es wert ist gesehen zu werden! Zwei Daumen nach oben für diesen starken Film!

Wertung:
8/10 Punkte

Filmering.at
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