Die Regeln der Gewalt

OT: -  99 Minuten -  Thriller / Drama
Die Regeln der Gewalt
Kinostart: 25.10.2007
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
Will ich sehen
Liste
1661
Bewerten:

Filmkritik zu Die Regeln der Gewalt

Von am

Scott Frank, der sich seine Sporen als Drehbuchautor verdient hat und dank solchen Werken wie Out of Sight, Die Dolmetscherin oder Minority Report nicht nur bei den Studiobossen einen Stein im Brett hat, sondern vor allem einigen Meisterregisseuren über die Schulter schauen konnte, feiert nun mit Die Regeln der Gewalt sein Regiedebüt. In seinem Neo-Noir-Film mixt er gekonnt Thriller- und Dramaelemente und erweist sich als unerwartet stilsicher. Sein Film überzeugt durch eine schnörkellose Inszenierung, einem kompakten Aufbau, bremst sich allerdings selbst etwas aus, da man als Zuseher schon bald ahnt, wie sich die Geschichte weiter- und schließlich zu Ende entwickeln wird.

Chris Pratt (Joseph Gordon-Levitt) ist ein typischer Gewinnertyp. Er sieht gut aus und ist auf seiner Highschool allseits beliebt. Als erfolgreicher Eishockeyspieler laufen ihm außerdem die Frauen hinterher, doch sein Leben nimmt eine unerwartete Wendung, als er gemeinsam mit drei Freunden einen Autoausflug macht. Durch sein Verschulden bauen sie einen Unfall, der ihn und seine Freundin schwer verletzt und die beiden anderen das Leben kostet. Jahre später ist Chris nur mehr ein Schatten seiner selbst, der nicht einmal mehr imstande ist, einfachste Probleme des Alltags ohne Gedächtnisstütze zu bewältigen.

Zusätzlich liegen ihm seine Schuldgefühle schwer auf der Seele, und sein Leben kann er nur mit Hilfe seines besten Freundes, seinem blinden Mitbewohner Lewis (Jeff Daniels), bewältigen. Auch seine berufliche Karriere ist nicht der Rede wert: Jeden Abend putzt er die örtliche Bank und versucht krampfhaft, auf seinen Vorgesetzten Eindruck zu machen, sodass dieser ihn befördert. Umso überraschter ist Chris, als der sympathische  Gary Spargo (Matthew Goode) in sein Leben tritt und ihn in einer Bar anspricht. Gary war auf der selben Schule wie Chris und kennt ihn noch von früher. Außerdem ist er all das, was Chris früher einmal war: Charismatisch, attraktiv und zielstrebig. Gary integriert Chris in seine Clique, besorgt ihm die hübsche Luvlee (Isla Fisher) als Freundin und behandelt ihn, wie er es von früher gewohnt ist. Doch Lewis bleibt skeptisch, denn bald schon verrät Gary worauf er wirklich hinaus will: Er will, dass Chris ihm hilft, die Bank auszurauben...

Scott Franks interessantes Thriller-Drama Die Regeln der Gewalt erinnert in seiner Herangehensweise ein kleines bisschen an David Cronenbergs A History of Violence. Natürlich ist Cronenbergs Film in gewisser Weise anders und auch raffinierter, aber Die Regeln der Gewalt beinhaltet doch einige Stilmerkmale, die auch Cronenbergs Film besitzt. Zum einen sind beides sehr geradlinige Filme mit wenigen Wendungen. Wenn man es bissig formulieren möchte, könnte man sagen sie sind einfach zu durchschauen, aber beide Filme legen das Hauptaugenmerk weg von der Handlung, die eigentlich nur ein rudimentär vorhandener Faden ist, stecken aber dafür alles in die Charaktere und die Atmosphäre.

Zum anderen spielt auch Scott Frank sehr mit den Facetten der menschlichen Persönlichkeit. Am deutlichsten zeigt er dies mit seiner Hauptfigur Chris. Das erste Mal, wenn der Zuseher ihn sieht, ist er der coole Typ von der Highschool, der alles hat, was er braucht. Dann zeigt er uns den Unfall, der alles verändern soll, und nach einem radikalen Bruch zeigt er uns einen stark veränderten Chris. Der Zuseher hat immer noch den Siegertyp im Hinterkopf, aber Joseph Gordon-Levitt lässt mit seinem nuancierten Spiel keine Zweifel aufkommen. Dieser Chris ist tot, es existiert nur noch der neue Chris, der sich Zettel schreiben muss, um seinen Alltag bewältigen zu können.

Eine ähnliche Herangehensweise verwendet auch Cronenberg. Nur dass sein Hauptdarsteller sein altes Leben freiwillig hinter sich gelassen hat.
Tom Stall aus A History of Violence möchte seine Verbrechen hinter sich lassen und will in Ruhe sein Familienleben genießen. Doch die Vergangenheit holt ihn ein und er ist gezwungen, wieder in seine alte Haut zu schlüpfen. Ähnlich findet man diese Situation auch in Die Regeln der Gewalt wieder. Nur mit dem Unterschied, dass Chris gerne sein altes Leben wieder haben möchte, aber durch seine Verletzungen nicht dazu in der Lage ist. Er kann noch nicht einmal vernünftig mit einer Frau reden.

In der Clique von Gary bekommt er schließlich das Gefühl, dass alles so ist wie früher. Er fühlt sich wieder stark und bekommt auch eine Freundin. Er ist wieder der Chris von früher. Doch Gary hat alles nur für ihn inszeniert und manipuliert ihn, um seine eigenen Ziele zu erreichen. Auf beinahe krampfhafte Weise versucht Chris, dem Strudel seiner Persönlichkeit zu entweichen, genau so krampfhaft, wie Tom Stall sie behalten wollte. Doch genau wie Stall schließlich dazu gezwungen wurde, gegen seinen Willen zurück zu seiner alten Persönlichkeit zu kehren, ist es Chris nicht möglich, wie früher zu sein.

Joseph Gordon-Levitt gebührt dabei ein großes Lob für seine ambivalente und präzise Darstellung. Er schafft es sowohl, den Siegertypen Chris zu verkörpern, als auch dem tragischen, gebrochenen Chris Profil zu verleihen. In seiner feinfühligen Darstellung schafft er es virtuos, den inneren Krieg, der in seiner Figur tobt, auf die Leinwand zu bringen. Besonders ergreifend spielt er die Szenen, in denen er sich Listen schreibt, wie er sein Leben wieder in den Griff bekommen will, und schließlich frustriert erkennen muss, wie die Realität ihn einholt. Eine weitere grandiose Darbietung liefert Jeff Daniels als Chris' blinder Freund, der sowohl Witz als auch Herz in den Film bringt, und durch seine zutiefst ehrliche Darbietung als eine der interessantesten Figuren in Erinnerung bleibt.

Doch nicht nur bei den Charakteren, sondern auch bei der Atmosphäre ist Scott Frank ein kleines Kunststück gelungen. Von Anfang an, als man sieht wie sich Chris durch das Bild schleift und versucht sein Leben zu managen bis hin zum ersten Auftreten von Gary schafft man es eine gewisse mysteriöse Stimmung zu erzeugen. Als Zuseher ahnt man immer, dass etwas im Busch ist, und fühlt sich irgendwie bedroht, doch man kann das Gefühl nicht wirklich zuordnen. Mal ist es nur ein kurzer Anruf, den Gary führt, oder ein Beutel, dessen Inhalt schwer nach Schusswaffen klingt, aber immer schafft es Scott Frank, den Zuseher wach zu halten und ihn darauf aufmerksam zu machen, dass etwas nicht stimmt.

Doch auch in diesem an sich sehr gelungenen Werk gibt es Schwächen. Denn so gut die Atmosphäre auch ist, die Frank erzeugt, er nützt seine mysteriöse Ausstrahlung nicht genug aus. Viel zu schnell wird der Zuseher mit der Nase auf die Hintergründe gestoßen, und so fällt das Rätselraten natürlich flach. Auch die Antagonisten erweisen sich als kleiner Schwachpunkt, denn die große Klasse der beiden Protagonisten erreichen sie in keiner Sekunde. Wenn man es ruppig sagen will, sind sie ganz einfach flach und wie vom Reißbrett. Lediglich Matthew Goode kann sich ein leicht ambivalentes Profil erarbeiten, aber alle anderen Bösewichte sind sehr klischeebeladen und auch dementsprechend farblos. Besonders Greg Dunham als Bone soll nur der grimmige Bösewicht aus dem Lehrbuch sein, und dies ist, besonders durch die beiden sehr gut gezeichneten Protagonisten, sehr enttäuschend.

Scott Frank hat allerdings erkannt, dass die wahre Stärke seines Films nicht die Handlung ist, die man wirklich sehr einfach vorhersagen kann, und die auch sparsam mit Wendungen umgeht. So versucht er gar nicht künstlich etwas aus der Geschichte herauszuholen, was sie nicht hergibt. Der Bankraub, um den sich scheinbar alles dreht, wird angenehm schnell abgespult, damit mehr Zeit für die Figuren bleibt. Der Showdown des Films erfolgt dann in stimmiger Fargo-Atmosphäre auf einer schneebedeckten Straße, und ähnlich wie A History of Violence bringt auch Die Regeln der Gewalt seine Geschichte zufriedenstellend, aber nicht langweilig zu Ende. Dem Zuseher wird dabei einiges geboten, denn solch straighte, findige Thriller, sieht man nicht oft - aber immer wieder gerne.

Fazit:
Die Regeln der Gewalt ist ein kompakter, geradliniger Thriller, der sich sehr wohl bewusst ist, dass seine Geschichte nur ein Rahmen ist, in dem er die toll gezeichneten Charaktere agieren lässt. Dabei ergeben sich einige Parallelen zu David Cronenbergs A History of Violence, und vor allem ist es der Film, mit dem Scott Frank beweisen kann, dass er ein Händchen für das Inszenieren hat. Die Atmosphäre ist dabei kurz gesagt herausragend geglückt, und wären nicht Schwächen wie eine vorhersehbare Handlung, und im Gegegensatz zu den Protagonisten relativ schwach gezeichnete Antagonisten, so wäre Die Regeln der Gewalt ein ausgezeichneter Film geworden. Ein knackiger Neo-Noir-Thriller ist dennoch dabei herausgekommen, und das Ansehen lohnt sich für Freunde des Genres auf jeden Fall!

Wertung:
7/10 Punkte

Filmering.at
Community
Ø Wertung: 7/10 | Kritiken: 0 | Wertungen: 3
10 /10
0%
9 /10
0%
8 /10
0%
7 /10
100%
6 /10
0%
5 /10
0%
4 /10
0%
3 /10
0%
2 /10
0%
1 /10
0%
Vielleicht interessiert dich auch
Tödliche Versprechen - Eastern Promises
Training Day
Michael Clayton
Inside Man
Die Fremde in Dir
Million Dollar Baby (2004)
American History X (1998)
25 Stunden (25th Hour) (2002)
Alle Empfehlungen anzeigen
Der Film ist in diesen Listen
Keine Listen gefunden!