Stillleben (2011)

OT: Stillleben - 78 Minuten - Drama
Stillleben (2011)
Kinostart: 18.05.2012
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Stillleben

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Mit seinem Langfilmdebüt konfrontiert uns Regisseur Sebastian Meise mit einer sehr heiklen Thematik, die immer wieder ihre Kreise in Österreichs Medien zieht, immer mit einem bitteren Beigeschmack und mit einem allgemein akzeptierten Tabu belegt. Stillleben handelt über das stille Leben eines pädophilen Familienvaters, dessen Umgang mit seiner sexuellen Neigung und über seine Familie, die sein dunkles Geheimnis entdeckt und zu verarbeiten versucht.

Als Bernhard (Christoph Luser) herausfindet, dass sein Vater (Fritz Hörtenhuber) heimlich eine Prostituierte (Anja Plaschg) aufsucht, der er innig den Namen Lydia gibt - jenem Namen, den auch seine jüngere Schwester (Daniela Golpashin) trägt - bricht für ihn eine Welt zusammen. Immer zu seinem Vater aufgesehen, realisiert Bernhard, dass sein Vater eine dringliches sexuelles Verlangen gegenüber seiner eigenen Tochter verspürt und dass nicht erst seit kurzer Zeit. Denn Berhards Vater hat pädophile Neigungen, ein Geheimnis, dass er lange aufrecht halten konnte und durch sein introvertiertes Verhalten und ehemals starken Alkoholkonsum erfolgreich vor seiner Familie verbergen konnte. Doch nun ist sein intimes Geheimnis gelüftet. Bernhard konfrontiert seinen Vater, seine Schwester und seine Mutter (Roswitha Soukup) mit seiner erschütternden Entdeckung und ein zuvor harmonisch anmutendes Familienband zerreißt.

Pädosexualität, ein Gespenst, dass seit Menschen Gedenken sein Unwesen in unserer Gesellschaft treibt. Wobei, wieso Unwesen? Könnte man pädophile Neigungen - ganz unabhängig ob man für sie Verständnis zeigt oder nicht - als eine sexuelle Orientierung ansehen, die sich niemand aussuchen kann? Zugegeben eine sehr kontroversielle Problematik, der sich Sebastian Meise zu stellen versucht. Denn es gibt kaum eine öffentliche Auseinandersetzung mit dem Thema abseits von Tabuisierung, Dämonisierung und Aufzeigen von Missbrauchstaten, also von pädophilen Menschen, die ihre Triebe auch wirklich ausleben. Für den Film Stillleben ist Pädophilie allerdings kein Anstoß verinnerlichte Ängste weiter zu schüren. Sebastian Meise versucht einen neutralen Weg zu beschreiten, die Problematik zu verstehen und die verschiedenen Perspektiven aufzuzeigen. Vier sehr unterschiedliche Perspektiven.

Fritz Hörtenhuber als pädophiler Vater kommt ganz unscheinbar daher, fernab klassischer Klischees, irgendwie sympathisch. Zwar ist bereits nach der gelungenen Eingangssequenz klar, dass den mehrfachen Familienvater etwas Gefährliches, Verbotenes umgibt, doch vermittelt er durch sein unscheinbares, natürliches Auftreten einen netten, harmlosen Eindruck. Als sein dunkles Geheimnis schlussendlich von seinem Sohn aufgedeckt wird, ist es gleichzeitig eine Erleichterung für ihn. Obwohl er jedweder Konfrontation aus dem Weg geht, scheint ihm eine große Bürde abgenommen worden zu sein. Schwer gezeichnet widersteht er jeglichen Versuchungen des Alkohols und des Selbstmords und findet für sich selbst die längst überfällige Buße.

Spannend gestaltet sich auch die Reaktion der restlichen Familienmitglieder. Bernhard vermutet sofort das Schlimmste, schlägt sich vorschnell auf die Seite der weitläufigen Ängste und sieht seinen Vater als klaren Missbrauchstäter. Seine Schwester Lydia hingegen ist von der schrecklichen Entdeckung überrascht, versucht das Erfahrene einzuordnen und zu verstehen. Trotz der differenzierten Auffassungen kommt es zu einem neugewonnenen Naheverhältnis zwischen den beiden Geschwistern, während die isolierte Mutter – trotz ihrer innerlichen Zerrüttung - versucht das heile Familienglück nach außen aufrecht zu erhalten und ihren Ehemann zu verteidigen.

Unterm Strich gelingt es Sebastian Meise vorschnelle Stigmatisierungen zu vermeiden. Der Film ist nicht getrieben durch einen dynamischen Handlungsfortschritt, in dem sich ein dramatisches Geschehnis an das nächste reiht, sondern zeigt einen Schlüsselmoment einer Familie, die mit einer erschreckenden Tatsache konfrontiert wird, die sie für immer gravierend verändern wird. Die Spannung des Films entsteht nicht durch den Drang zu erfahren, wie die Geschichte endet oder wie es überhaupt soweit kommen konnte, sondern zu beobachten wie die einzelnen Betroffenen auf diese erschütternde Situation reagieren, wobei sie dem Publikum viel Raum zum Interpretieren und Identifizieren einräumen. Ganz ruhig und ohne große Worte komponiert Meise ein filmisches Stillleben, das durch subtile Charakterstudien zum Leben erweckt wird. Dass einem bei gewissen Szenen trotzdem der Schauer über den Rücken läuft, liegt wohl nicht zuletzt an den automatisierten Angstmechanismen der Thematik. Immer wieder stößt man an die eigenen Grenzen der Abscheu, die einem sogar den Wohlklang des Hits „Voyage, Voyage“ von Desireless lange Zeit verderben und einen mulmiges Gefühl wachrütteln wird.

Fazit:
Sebastian Meise versucht mit seinem Langfilmdebüt Stillleben ein tabuisiertes Thema mit sorgfältiger Objektivität in den Fokus des öffentlichen Interesses zu rücken. Obwohl der Film viel gesellschaftlichen wie auch dramaturgischen Sprengstoff in sich birgt, spreizt sich Meise gegen skandalisierende Charakter- und Erzählstrukturen und malt mit seiner Kamera ein Tableau einer Situation, einer Tatsache die schlichtweg existiert und die jede einzelne Person für sich selbst greifen, begreifen und beurteilen muss. Dabei gelingt es dem Regisseur auf dem schmalen Grad zwischen Schuld und Unschuld, Opfer und Täter zu wandern, ohne sich zu sehr in eine Richtung zu lehnen. Kino in seiner reinsten Form: Schön, ruhig, ohne Schnörkel und mit viel Platz für eigenständige Gedanken.

Wertung:
8/10 Punkte
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