Outing (2011)

OT: Outing - 85 Minuten - Dokumentation / Drama
Outing (2011)
Drehbuch:
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Kinostart: 18.05.2012
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Outing

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Outing ist Sebastian Meises dokumentarische Aufarbeitung eines Themenkomplexes, den er bereits mit seinem Spielfilm Stillleben fiktiv angerissen hat und nun mit einem sehr intimen Portrait eines pädophilen Mannes zum Abschluss bringt. Gemeinsam mit Thomas Reider gelingt ihm ein kontroversieller Dokumentarfilm, dessen Qualität vor allem in der Aufarbeitung eines großen Tabuthemas liegt, während die filmischen Qualitäten, ständig zwischen Interviewsituationen und privaten Amateuraufnahmen pendelnd, keine großartig innovativen Wege beschreitet. Ein schwieriger Film bei dem man immer wieder die Grenzen seiner eigenen Akzeptanz und Abscheu neu ausloten muss.

Im Alter von 16 Jahren realisiert Sven, dass nicht nur die unbeschwerten Tage seiner Kindheit vorbei sind, sondern auch, dass er sich sexuell zu Kindern hingezogen fühlt. Eine harte Einsicht für den Jugendlichen und gleichzeitig der Beginn eines langen Leidensweges, den er nie beenden wird. Mittlerweile ist Sven 30 Jahre alt, hat einen Suizidversuch hinter sich und ließ sich die letzten vier Jahre von einer Kamera begleiten, mit dem großen Vorsatz ganz offen über seine Fantasien und Ängste zu sprechen und sich öffentlich als Pädophiler zu outen.

Wird das Gesicht von Sven weder auf Filmplakaten, noch im Trailer oder auf Filmstills gezeigt, so ist es im Film selbst ständig präsent. Scheinbar ganz ohne Scheu und Angst erzählt Sven offenherzig und oft mit einem Lächeln im Gesicht von seinen intimsten Trieben und innersten Verlangen. Dabei nimmt er sich selten ein Blatt vor den Mund, spricht von seinen sexuellen Fantasien, Begegnungen mit Kindern, die er sexuell anziehend findet und seiner Kompensation in der Fotografie und Ornanie. Dabei wird dem Publikum eine genaue Betrachtung der gezeigten Bilder abverlangt, was oft sehr am eigenen Gemüt zehrt. Ständig steht man im eigenen Konflikt zwischen Abscheu, vorschneller Verurteilung und dem Versuch, Svens Situation zu verstehen, was nicht mit Verständnis gleichzusetzen ist. Redet Sven von einer Begegnung mit einem Basketballjungen so beginnen seine Augen zu strahlen, vermitteln den ehrlichen Eindruck verliebt zu sein und Veranschaulicht somit sein moralisches Dilemma. Was für den Großteil unserer Gesellschaft ein vertrautes Gefühl ist, nämlich unglücklich verliebt zu sein, verursacht vor dem pädophilen Hintergrund ein verstörendes, verabscheuungswürdiges Gefühl im Bauch. Gerade solche Momente stellen das Publikum auf eine harte Zerreißprobe.

Rein filmisch betrachtet kommt Outing eher unspektakulär daher. Meise folgt mit seiner Kamera ausschließlich seinem Protagonisten. Es herrschen Interviewsituationen vor, die den Charakter skizzieren und von den Aussagen und Handlungen des Protagonisten definiert werden. Ab und an werden private Amateuraufnahmen von Sven selbst einmontiert, die auf poetische Art und Weise von einer Offstimme begleitet werden. Dadurch erhält der an vielen Stellen unbescholten wirkende Sven eine zusätzliche gefährliche und bedrohliche Stimme, die eine verborgene Dimension seines innersten Wesens veräußerlicht und ihn als tickende Zeitbombe determiniert. Hobbyaufnahmen des Vaters zeigen den jungen Sven bereits in seiner Kindheit, Bilder, die durch das Vorwissen des Publikums, in ihrer Harmonie und Harmlosigkeit besonders eindrücklich Wirken und die Unschuld der Kindheit mit der Unschuld von Kindern als sexuelle Objekte in einen thematischen Dialog setzt.

Den Film voreilig als reine Selbstdarstellung eines pädophilen Menschen abzustempeln greift zu wenig weit. Zwar versucht Seven krampfhaft seine inneren Konflikte mit einem Lächeln zu überspielen, doch gibt es immer wieder Momente in denen er seine Hilflosigkeit gegenüber seiner eigenen Abscheu erkennen lässt. Auch verstrickt sich Sven in seinen über mehrere Jahre verteilten Aussagen und Vorsätzen in Widersprüche. Sein omnipräsenter Trieb nach sexueller Erfüllung verschiebt ständig seinen Blickwinkel auf die gegebenen Situationen bis hin zu einer Verharmlosung seiner Fantasien und Taten. Immer wieder wirft der Regisseur die Frage auf wie weit ein Mensch für seine Gedanken Rechenschaft ablegen muss. Ein ständige Verschiebung der Perspektiven, der persönlichen und gesellschaftlichen Grenzen der Akzeptanz, mit einem ungewissen und unbehaglichen Ausgang. Wird Sven seinen vorbildlichen Vorsätzen treu bleiben oder ist sein sexueller Drang stärker als sein Gewissen? Trieb versus Moral, ein Kampf bis in den Tod.

Fazit:
Outing ist mehr als nur das Portrait über einen Menschen, der pädophile Neigungen hegt. Es ist ein Film über die fragilen Grenzen zwischen Fantasie und Realität, über Tabus und Ängste, über die identitäsbestimmende Kraft sexueller Triebe und dem Bewusstsein niemals dafür geliebt zu werden. Ein ständiger Kampf gegen sein innerstes Wesen und dem zarten Hauch einer Hoffnung, die jeden Moment zerbrechen kann, mit verheerenden Folgen. Ob man den Film als exhibitionistisches Portrait eines pädophilen Menschen sieht oder als eine Bewusstwerdung und ehrlichen Versuch gegen diese sexuelle Neigung anzukämpfen, sei jedem selbst überlassen. Das Wichtigste ist die simple und naheliegende Tatsache, dass über die Problematik gesprochen wird und Outing liefert dabei einen soliden Grundstein.

Wertung:
7/10 Punkte
Filmering.at
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Ø Wertung: 7/10 | Kritiken: 0 | Wertungen: 1
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