Kidnapped (2010)

OT: Secuestrados - 85 Minuten - Horror / Thriller
Kidnapped (2010)
Kinostart: Unbekannt
DVD-Start: 03.06.2011 - Blu-ray-Start: 03.06.2011
Will ich sehen
Liste
16514
Bewerten:

Filmkritik zu Kidnapped

Von am
Realismus ist etwas, was im Comicverfilmungszeitalter, in den Universen von Avatar und Prometheus nicht erwartet, nicht gesehen und wahrscheinlich auch nicht gewünscht ist. Realismus ist nicht nur der Feind jeglicher Fantasie und Vorstellungskraft, es ist gleichsam ein Stück Verantwortung, Klar- und Reinheit, der in jedem Genre irgendwo, irgendwann und irgendwie auftaucht. Anders gesehen ist Realismus gefährlich. Er beschönigt nichs, er ist roh und ungeschnitten, er überfährt einen wie ein Güterzug voller Atommüll. Wer im Kino erschreckt zusammenzuckt, weil Freddy Krüger wieder mordet oder Jason Vorhees zurückgekehrt ist, flüchtet sich abends unter die eigene Bettdecke, die nicht nur Wärme gibt, sondern einen vor allem daran erinnert „das ist nur ein Film. Das ist nicht echt.“

So oder so etwas Ähnliches wünschen sich auch Jaime (Fernando Cayo), seine Frau Marta (Ana Wagener), sowie die 18jährige, anscheinend in der Pubertät stecken gebliebene Isa (Manuela Vellés), als sie alle gefesselt auf der Wohnzimmercouch sitzen und in die Augen dreier Typen mit Skimasken starren, die ihnen unmissverständlich klar machen, dass sie nur dann wieder heil aus der Sache herauskommen, wenn sie kooperieren. Während der Chef der Bande den Familienvater in den Van zwingt und mit ihm auf Geldbeschaffungstour geht, bleiben Mutter und Tochter bei den übrigen zwei Kidnappern zu Hause. Die Angst und Panik lösen bald den Kooperationswillen ab und während der gesamte Einbruchsplan durch diverse (misslungene) Fluchtversuche nicht aufgehen will, verlieren die Einbrecher bald selbst die Nerven und der Terror beginnt...

Der spanische Film Secuestrados, wurde mit einer englischen Synchronisation unter dem Titel Kidnapped im Programm des Austin Fantastic Fest auch in den USA gezeigt. In Deutschland gibt es Kidnapped seit 2011 als DVD zu kaufen. Die New York Times zieht eindeutige Parallelen zu Haneke’s Funny Games auch wenn der Vergleich hinkt. Nicht nur, dass Kidnapped mit einer sehr billigen, trashigen Kameraarbeit, Schnittreihenfolge und Filterauswahl ausgestattet ist, die Genialität und subtile Bösartigkeit der Einbrecher wurde gegen physische Brutalität und dilettantische Planlosigkeit eingetauscht. Die Geschichte eines Einbruchs und das Gefangenhalten einer unschuldigen Familie artet in Kidnapped in ein abscheulich realistisches Horrorszenario aus, das von Anfang an ein schreckliches Ende erahnen lässt und nur schwer zu verdauen ist. Secuestrados ist das, was übrig bleibt, wenn man Funny Games seiner perfekt inszenierten Genialität und schaurigen Dialoge raubt, es ist kein filmisches Meisterwerk, sondern vielmehr die furchtbare Realität, verpackt in einen Film.

Kidnapped spielt mit Urängsten. In seinem eigenen Haus eingesperrt zu sein, von seinen Liebsten getrennt zu sein, nicht zu wissen, ob man jemals wieder ohne psychisch irreparablen Schaden weiterleben oder gar überhaupt weiterleben kann -  die Panik der Entfügrungsopfer überträgt sich genauso auf den Zuschauer, wie der pure Hass der Einbrecher. Mitanzusehen, wie aus einem fast schon kinderleichten Einbruchsplan, ein unfassbares Desaster wird, wie innerhalb weniger Stunden das Leben einer ganzen Familie zerstört wird, ist alles Andere als leichte Kost. Manuela Vellés bleibt mit ihrem Schauspiel besonders in Erinnerung, sie spielt die durch einen Schock fast schon gelähmte Tochter derart herausragend, dass man fast selbst durch den Fernseher in das Szeniaro einsteigen möchte und sie durch heftiges Schütteln wieder beruhigen möchte. Durch verwackelte Handkameras, eher serienübliche rot/ orange/ Gelbfilter und Splitscreens, wirkt die gescriptete Geschichte stellenweise eher wie eine eigentümlich brutaler Dokumentarfilm, was sich verständlicherweise noch heftiger auf das eigene Nervenkostüm auswirkt.

Es sind nicht die einzelnen Szenen – diese fallen überraschenderweise nicht außerordentlich heftig aus -  es ist vielmehr die Mischung aus Unverständnis und der eigene Wut nicht selber eingreifen zu können, sondern mitansehen zu müssen, wie alles außer Kontrolle gerät, die aus diesem unbekannten Psychothriller eine sehenswerte Ausnahme machen, die allerdings aufgrund seiner schrecklichen Authentizität nicht für jedermann/ jederfrau empfehlenswert sein wird.

Fazit:
Kidnapped ist einer der wenigen Filme, die durch ihre realistische Brutalität im Gedächtnis bleiben und einen möglicherweise tagelang nicht loslassen. Der Zuschauer wird in die Geschichte einer anfangs harmlosen Entführung mithineingezogen, die nicht nur außer Kontrolle gerät, sondern die von Anfang an ein furchtbares Ende erahnen lässt. Wer sich das spanische Werk antun möchte, dem bleibt 85 Minuten nichts Anderes übrig, als eine psychisch äußerst belastende Familientragödie mit anzusehen, und es bleibt einem nach dem Film auch nichts Anderes übrig, als mit der eigenen Wut und dem eigenen Schrecken alleine klarzukommen. Wut deswegen, weil die Familie selbst durch zwar verständliche, dennoch selbstzerstörerische Entscheidungen ihren eigenen Tod besiegelt und Schrecken, weil man tief in sich drinnen weiß, dass man es selbst nicht anders gemacht hätte.

Wertung:
7/10 Punkte
Filmering.at
Community
Ø Wertung: 7/10 | Kritiken: 0 | Wertungen: 1
10 /10
0%
9 /10
0%
8 /10
0%
7 /10
100%
6 /10
0%
5 /10
0%
4 /10
0%
3 /10
0%
2 /10
0%
1 /10
0%
Vielleicht interessiert dich auch
Keine Empfehlungen gefunden!
Der Film ist in diesen Listen
Will ich sehen
Liste von shitneyy
Erstellt: 20.05.2015