Auf der anderen Seite

OT: -  122 Minuten -  Drama
Auf der anderen Seite
Kinostart: 05.10.2007
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Auf der anderen Seite

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Mit Gegen die Wand sorgte Regisseur Fatih Akin für Aufsehen und holte sich unter anderem den Goldenen Bären bei der Berlinale. Nachdem er den Film allerdings beendet hatte, stand er vor einer gewissen Leere. Zum ersten Mal in seinem Leben wusste er nicht, was er als Nächstes drehen sollte. Schließlich brachte ihm sein Dokumentarprojekt Crossing the Bridge, welches ihn nach Istanbul führte, wieder die Inspiration, die er brauchte, und ebnete ihm den Weg für den hier besprochenen Auf der anderen Seite. Das Werk ist der zweite Teil einer geplanten Trilogie mit den Themen Liebe, Tod und Teufel, wobei Gegen die Wand die Liebe und Auf der anderen Seite den Tod abdeckt.

Ähnlich wie die Zusammenarbeiten von Alejandro González Iñárritu und Guillermo Arriaga handelt es sich bei der geplanten Trilogie von Faith Akin allerdings nicht um eine Filmreihe im herkömmlichen Sinne, sondern um drei Filme, die sich lediglich Stil und Thema teilen. Eben genauso wie es die oben erwähnten Filmemacher mit Amores Perros, 21 Gramm und Babel durchgezogen haben. Doch nicht nur in diesem Punkt ähnelt Auf der anderen Seite den Werken von Iñárritu. Der Film erzählt die Geschichten von mehreren Personen, die zunächst nichts miteinander zu tun haben, aber sich im Laufe der Geschichte mehr und mehr aufeinander auswirken.

Ali (Tuncel Kurtiz) ist Witwer, in Pension und versucht sich nun irgendwie seine Zeit zu vertreiben. In einem Hamburger Bordell entdeckt er die Prostituierte Yeter (Nursel Köse), und nachdem er längst zum Stammkunden geworden ist, bietet er ihr an, für ihr Gehalt aufzukommen, wenn sie nur mehr für ihn zur Verfügung steht und mit ihm zusammenzieht. Alis Sohn Nejat (Baki Davrak), der als Germanistikprofessor an der Hamburger Universität arbeitet, findet die Neuerung im Leben seines Vaters allerdings nicht so gut, bis er schließlich Yeter näher kennen lernt und entdeckt, dass sie das alles nur macht, um für ihre in Istanbul lebende Tochter Ayten (Nurgül Yesilcay) sorgen zu können. Doch als es in der Familie zu einem tödlichen Zwischenfall kommt, beschließt Nejat, in die Türkei zu reisen, um Yeters Tochter zu finden.

Was er allerdings nicht weiß, ist dass Ayten in Istanbul als politische Aktivistin von der Polizei gejagd wurde und schließlich nach Deutschland flüchtete, um ihre Mutter zu suchen. Dort versucht sie sich zunächst auf den Straßen durchzuschlagen, aber durch einen glücklichen Zufall entdeckt sie die deutsche Studentin Lotte (Patrycia Ziolkowska), die ihr nicht nur Geld für etwas zu essen borgt, sonder Ayten bei sich wohnen lässt. Ihre Mutter Susanne (Hanna Schygulla) ist von dieser Vorgehensweise ihrer Tochter nicht gerade begeistert, aber sie akzeptiert es. Während einer Polizeikontrolle wird Ayten jedoch als illegale Einwanderin identifiziert und zurück in die Türkei abgeschoben, wo sie eine lange Haftstrafe erwartet. Doch Lotte will um ihre Freiheit kämpfen, was sie schließlich in die Türkei führt, wo sie Nejat kennenlernt, der sich dort niedergelassen hat und auf der Suche nach Ayten ist, was wiederum das Leben aller beeinflusst...

Mit seinem neusten Werk Auf der anderen Seite konnte sich Fatih Akin die Anerkennung der versammelten Weltkritik beim diesjährigen Filmfestival in Cannes sichern. Auch die Jury machte ihm ihre Aufwartung und zeichnete Fatih Akin mit dem Preis für das beste Drehbuch aus. Diesen Preis hat er sich auch redlich verdient, denn bei aller Stilsicherheit bei der Inszenierung ist das Drehbuch die wahre Stärke des Films. Auf der anderen Seite ist ein Film, der ausgesprochen nahe an seinen Figuren bleibt und nie abgehoben oder verfremdend wirkt. Die Geschichte schafft es auf ausgezeichnete Weise, das Schicksal mehrerer Personen miteinander zu verknüpfen und auch noch nebenbei Statements zum politischen Weltgeschehen abzuliefern.

Dies alles klingt nicht nur auf dem Papier ähnlich wie Iñárritus letzter Topfilm Babel, Auf der anderen Seite weist in der Tat überraschend viele Parallelen zu diesem Film auf. Wobei man allerdings erwähnen muss, das Fatih Akin nicht in einer ähnlich globalen Dimension wie Babel operieren will, was meiner Meinung auch der große Bremsklotz an Iñárritus Werk war. Fatih Akin beschränkt seine Geschichte lediglich auf Deutschland und die Türkei, konzentriert sich die ganze Zeit über auf seine Figuren und legt mehr Gewicht auf die Story als auf kritische Töne, die nur in Nebensätzen zum Tragen kommen. Durch diesen Stil wirkt er deutlich kleiner als Babel, kann aber gleichzeitig auch von sich behaupten, um einiges bodenständiger zu sein.

Dabei ist Auf der anderen Seite kein Film, der gleich von Beginn an auf 180 ist. Fatih Akin nimmt sich viel Zeit, um seine Geschichte aufzubauen und um den Charakteren genügend Spielraum zu lassen, sich zu entfalten. Diese Zeit wird auch benötigt, um die vielen verschiedenen Figuren einzuführen und sie richtig zu positionieren, sodass das Schachspiel von Fatih Akin beginnen kann. Dann rollt Auf der anderen Seite allerdings an wie ein drohendes Gewitter und donnert schließlich in seiner emotionalen Wucht auf den Zuseher nieder.

Im Zentrum der verschiedenen Episoden steht der Tod. Die gesamte Geschichte wird dadurch in Gang gebracht, dass Yeter stirbt und ihr Sarg zurück in ihre Heimat geschickt wird. Dies ist der Stein, der die Lawine ins Rollen bringt und schließlich dazu führt, dass Nejat in die Türkei geht und auch dort bleibt, was wieder zum Treffen von Lotte und Nejat führt, die als Untermieter bei ihm einzieht, als sie für die Freiheit von Ayten kämpft. Dies bewirkt wiederum, dass Nejat durch Zufall wieder in die Geschichte von Ayten eingebaut wird, und sich die Story weiterentwickelt.

Dabei spielt der Zufall eine nicht unerhebliche Rolle. Dies wird sicher vom Publikum sehr unterschiedlich aufgenommen werden. Für mich persönlich ist es der einzige große Negativpunkt des Films, aber manch anderer wird vielleicht darin eine Botschaft sehen, wie sehr unser Leben vom Zufall bestimmt ist. Dennoch bewirkt dies meiner Meinung nach, dass die Story etwas konstruiert wirkt. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass Lotte in Istanbul gerade auf Nejat trifft, der ebenfalls auf der Suche nach Ayten ist, ist nicht gerade als hoch zu bezeichnen, und solche Zufälle gibt es noch einige mehr im Film. Dennoch schaffen es die mal größeren, mal kleineren Zufälle nicht, die Wucht der Geschichte zu trüben, aber sie sind eben die einzigen störenden Komponenten in diesem ansonsten grandiosen Film.

Neben der grundlegenden Geschichte schafft es Fatih Akin immer wieder, kleinere politische Statements zu setzen. Dabei kann man dem Filmemacher deutlich ansehen, dass er zwischen der deutschen und der türkischen Kultur groß geworden ist. So ist auch seine Geschichte zwischen diesen Welten angesiedelt. Durch oftmals subtile Zeichen bringt er dies auch zur Sprache: Mal sieht man während eines Gesprächs die Flaggen der beiden Länder im Hintergrund, und auch durch das Hin- und Herschicken der beiden Särge wird deutlich der Diskurs zwischen den beiden Ländern angedeutet. Daneben findet er auch noch Zeit, den EU-Beitritt der Türkei zu besprechen und ähnliche aktuelle Themen aufzugreifen. Wohltuend ist dabei, dass man dies nie in den Vordergrund schiebt, sondern diese Aussagen immer in die Geschichte einbaut, und sie sich dieser auch unterordnen.

Fazit:
Auf der anderen Seite ist sicher ein herausragender Film geworden. Fatih Akin verwebt virtuos die Geschichten verschiedener Figuren und knotet sie durch den Tod zusammen. Dabei türmen sich die Konflikte mehr und mehr auf, und Auf der anderen Seite gewinnt stetig an emotionaler Wucht. Daneben schafft man es noch, subtile politische Botschaften einzubauen, die sich aber immer der Geschichte unterordnen. Das Einzige, das man diesem an sich großartigen Werk vorwerfen kann, ist, dass es an einigen Stellen zu konstruiert wirkt. Ansonsten gibt es keinen Grund, dieses starke Drama zu versäumen.

Wertung:
8/10 Punkte

Filmering.at
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Ø Wertung: 7.3/10 | Kritiken: 0 | Wertungen: 4
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Erstellt: 14.01.2015