Hallam Foe

OT: -  95 Minuten -  Tragikomödie
Hallam Foe
Kinostart: 28.09.2007
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Hallam Foe

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David Mackenzies vierter Spiefilm nach Werken wie Young Adam oder Stellas Versuchung heißt Hallam Foe und darf von sich behaupten, der bis dato leichtfüßigste Film seines Regisseurs zu sein. Was allerdings keinenfalls zu seinem Nachteil wird, denn Hallam Foe bleibt zwar in seinem Grundtenor fließend und unterhaltsam, hat aber in seinem Zentrum Figuren, deren Geschichten es wahrlich wert sind, erzählt zu werden. Wunderbar ist vor allem, wie man es schafft, die Charaktere angenehm offen zu lassen, sodass jeder seine Schlüsse selbst ziehen kann. In Zeiten des Hollywoodseinheitsbreis ist ein Film wie Hallam Foe auf jedenfall eine wohltuende Abwechslung.

Seit dem Tod von Hallams (Jamie Bell) Mutter läuft das heimische Leben nicht gerade in geregelten Bahnen. Hallams Vater Julius (Ciaràn Hinds) hat schon bald, nachdem seine Frau gestorben ist, seine Sekretärin Verity (Claire Forlani) geheiratet und Hallam hat sich seitdem sehr in sich zurückgezogen. Sein eigenes Leben interessiert ihn nicht besonders, aber stattdessen kümmert er sich um so mehr um das Leben der Anderen. Mit seinem Fernglas sitzt er in seinem Baumhaus und beobachtet. Doch sein Vater hat schon Pläne mit ihm: Hallam soll nach Edinburgh gehen und dort etwas für sein Leben lernen.

Widerwillig landet Hallam schließlich in der Großstadt und versucht sich halbwegs über Wasser zu halten, aber sein Hobby, in das Leben anderer Leute hineinzuschauen, konnte er noch immer nicht ablegen. Als er plötzlich auf der Straße die bildhübsche Kate (Sophia Myles) trifft, die seiner Mutter verblüffend ähnlich sieht, ist es um Hallam geschehen. Er verliebt sich in sie und beginnt sie heimlich zu verfolgen. So kommt es auch, dass Hallam im selben Hotel wie sie zu arbeiten beginnt und gegenüber ihrer Wohnung in einem verlassenen Turm sein Domizil aufschlägt...

Hallam Foe ist der klassische Antiheld. Im früheren Hollywood wäre es wohl undenkbar gewesen, eine solche Figur als Hauptrolle auftreten zu lassen, aber die Filmindustrie hat sich doch weiterentwickelt. Hallam ist ein psychisch sicher mehr als angeknackster Kerl, der sich mit Lippenstift bemalt und auch gerne mal das Kleid seiner Mutter anzieht. Weiters setzt er sich schon mal seine Dachsmütze auf und klettert auf Dächern herum, um besser in das Leben seiner Mitmenschen blicken zu können. Ja, Hallam ist kein 08/15 Held, aber dennoch ist er eine unglaublich faszinierende Figur.

Regisseur David Mackenzie widmet seinen Film ganz dem Außenseitertum, vermeidet es dabei allerdings geschickt, seinen Figuren einen klaren Stempel aufzudrücken. So ist Hallam zwar auf den ersten Blick der klare Sympathieträger des Films, aber seine Figur besteht aus genügend Schattenseiten, um auch als der Bösewicht der Geschichte durchzugehen. Virtuos zeigt Mackenzie somit, wie sehr es doch auf den erzählerischen Blickwinkel ankommt, denn wäre eine andere Figur als die Hauptperson gewählt worden, würde man Hallam wohl kaum als sympathisch bezeichnen können. Er beobachtet und verletzt die Privatsphäre anderer. Somit ist er viel, aber sicher kein strahlender Held.

Dadurch, dass man den Film aus Hallams Blickwinkel sieht, wird einem auch die Ansicht von Hallam etwas aufgedrückt. So wird im Film alleine durch den gewählten Blickwinkel die Stiefmutter als eine hinterhältige Hexe skizziert, die sogar des Mordes an Hallams Mutter verdächtigt wird. Doch wenn man über diese Figur weiter nachdenkt, bleibt es doch sehr unklar, wie man die Rolle der Verity schließlich sehen muss. Dasselbe gilt auch für Hallams Vater, der so wirkt, als würde er vollkommen unter Veritys Kontrolle stehen. All diese Figuren werden durch den subjektiven Blick Hallams verzerrt, und jeder Zuseher wird ihre Bedeutung für sich individuell aufnehmen.

Doch dies ist längst nicht die einzige Finesse des Films. Hallam Foe ist ein Film übers Erwachsenwerden, über einen Außenseiter, der es nicht fertig bringt, über den Verlust seiner Mutter hinwegzukommen. Dabei ist der Film ein einziges Sammelsurium an überzeichneten psychologischen Brandmalen.  Hallam leidet unter einer Identitätskrise, hat kein Ziel im Leben und drückt dies durch seine Verkleidungen und seine Kriegsbemalung auch deutlich aus. Weiters ist er verstört, zieht sich in sich selbst zurück und hat mehr Interesse am Leben Anderer als an seinem eigenen. Auch wird durch seine Liebe zu Kate, die ein genaues Ebenbild seiner Mutter ist, auch noch ein Ödipuskomplex ins Spiel gebracht. Das alles passiert in einer Zeit, in der Hallam vom Jugendlichen zum Mann heranreift, was alles noch verkompliziert.

David Mackenzie hat dabei die Ambivalenz seiner Geschichte zu jedem Zeitpunk voll im Griff und kann sie sowohl auf tragische als auch auf humorvolle Weise voranbringen. Stilistisch bleibt in diesem höchst unkonventionellen Film natürlich kein Platz für beschönigende Hollywoodtechnik. Auf raue und realistische Weise wird die Story eingefangen und in harten, aber doch zutiefst ehrlichen Bildern wird die Geschichte erzählt. Hallam Foe ist in seiner Gesamtheit sicher kein einfacher Film, und die Story versucht, einiges bewusst zu überzeichnen. Die schräge und ambivalente Hauptfigur und die psychologischen Themen an sich sind sicher nichts, was die Massen anlocken wird, aber Hallam Foe ist für Filmliebhaber ein ganz großes Ereignis. Ein tragischer, humorvoller und zutiefst ehrlicher Film, der auf eine Weise berührt, wie es Hollywood schon lange nicht mehr geschafft hat.

Fazit:
Hallam Foe ist Indie-Kino wie es leibt und lebt. Den Figuren wird kein offensichtlicher Stempel aufgedrückt, sondern jeder soll für sich entscheiden, wie er sie aufnimmt. Die Geschichte von Hallam Foe ist dabei wie eine Fabel aufgebaut und an einigen Stellen bewusst überzeichnet. Hinzu kommen aufarbeitende psychologische Themen, ein wundervoller Soundtrack und Darsteller, die alles aus sich herausholen. Dabei ist der Film mit seiner Ambivalenz und seinen mainstream-untypischen Figuren sicher nichts für die breite Masse, aber für anspruchsvolle Filmliebhaber ist Hallam Foe ein Erlebnis der besonderen Art.

Wertung:
8/10 Punkte

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