Die Summe meiner einzelnen Teile (2011)

OT: Die Summe meiner einzelnen Teile - 109 Minuten - Drama
Die Summe meiner einzelnen Teile (2011)
Kinostart: 30.03.2012
DVD-Start: 21.09.2012 - Blu-ray-Start: 21.09.2012
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Filmkritik zu Die Summe meiner einzelnen Teile

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Mit Die Summe meiner einzelnen Teile verlässt Hans Weingartner den satirischen Pfad älterer Filme und besinnt sich zurück auf die Anfänge seines Filmschaffens, genauer gesagt auf die komplexen Zusammenhänge einer zerrütteten Psyche und dessen Auswucherungen in das soziale Zusammenleben. Mit überzeugender Kraft gelingt Weingartner ein Film über eine sehr aktuelle Problematik, die polemisch gesagt fast an eine Modeerscheinung erinnern lässt und dessen konstitutiver Ursprung in der heutigen leistungsorientierten Gesellschaft fußt. Ein Film über den sozialen und psychischen Abstieg eines einst erfolgreichen Mathematikers in die Abgründe der sozialen Ausgrenzung und dem Kampf gegen seine eigene ungefestigte Identität.

Nach einem psychischen Zusammenbruch und einem monatelangen Klinikaufenthalt findet sich der ehemals sozial gefestigte Mathematiker Martin (Peter Schneider) vor den Trümmern seiner einzelnen Teile. Job weg, Freundin weg, Wohnung weg. Seine letzten Habseligkeiten werden gepfändet und Martins einziger Ausweg ist die Straße. Der letzte Funke Hoffnung auf eine Rückkehr in sein altes Leben schwindet und Martin flüchtet sich in die mäanderartigen Tiefen seiner eigenen Psyche, in eine Welt der Zahlen und Statistiken, bis er eines Tages einen kleinen ukrainischen Jungen namens Viktor (Timur Massold) kennen lernt. Von diesem Punt an versuchen sie gemeinsam ihr Leben zu meistern. Sie verlassen den Moloch Großstadt und bauen sich in einem abgelegenen Waldstück eine Urhütte, ein magischer Ort, an dem Martin wieder aufblüht und seine psychischen Probleme in weite Ferne zu rücken scheinen.

Hans Weingartner spricht mit seinem neuesten Film ein sehr zeitkritisches Thema an. Wie gewohnt präsentiert sich der Film als eine scharfe Analyse gesellschaftlicher Grundmuster. Leistungsorientierter Stress, Psychosen und Depressionen in all ihren Färbungen, Alkoholismus, soziale Verwahrlosung und Ausgrenzung. Großteils wenig erforschte Phänomene, die unsere moderne Gesellschaft zu knechten scheinen und oft unter den abstrakten Sammelbegriff Burnout subsumiert werden. In diesem diffusen Dunstkreis setzt Die Summe meiner einzelnen Teile an. Weingartner hat es sich zur Aufgabe gemacht den Umgang mit einem psychisch instabilen Menschen ästhetisch aufzubereiten, die komplexen Zusammenhänge und Folgen aufzuzeigen und unserer heutigen Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten.

Weingartens Zugangsweise mutet im Prozess ungewöhnlich an und ist aufgeladen mit symbolischen Anspielungen. Die verschiedenen Seelenzustände Martins werden bildlich und akustisch gut aufgefangen und die schauspielerische Leistung von Peter Schneider überzeugt auf ganzer Linie. Martins geschundener Körper ist zu Beginn des Films immer mehr im Zerfall begriffen. Die kalte, trostlose Stadt wird in kühlen Bildern festgehalten und durch eine auffallende Lärmkulisse unterstrichen. Diffuse Stimmen und verschwörerische Zahlenkombinationen beherrschen Martins Kopf. Er zieht sich immer mehr zurück, igelt sich in einem zerfallenen Haus, wie in einem Kokon, ein. Im Kontrast dazu steht die wärme der aufblühenden Natur. Martin erlebt eine regelrechte Metamorphose zu einem Schmetterling. Das Humpeln beim Gehen wandelt sich in ein stürmisches Laufen durch den Wald. Er wirft seine alten Laster ab, entkleidet sich, klettert auf Bäume und blickt von ihnen auf die Hektik der Stadt. Er scheint endlich Ruhe und Zufriedenheit gefunden zu haben, die wirren Gedanken in seinem Kopf sind endlich verstummt. Doch auch in seiner eigenen selbst erschaffenen heilen Welt dringen immer wieder Signale der „Außenwelt“ und die von der Gesellschaft konstruierte Wirklichkeit dringt immer mehr in sein kleines Refugium ein, bis Martin letztendlich vom Diktat des „Normalen“ eingeholt und wieder in die Isolation seiner inneren Gedanken gedrängt wird.

Weingartner schafft ein wahres Feuerwerk symbolischer Anspielungen. Er stellt das Leben der Großstadt und die ursprüngliche Lebensweise in der Natur mit den Bewusstseinszuständen Martins in Einklang und komponiert dazu adäquate filmische Bilder samt passendem Soundtrack, die immer wieder von Splittern aus Martins Erinnerung durchbohrt werden. Dadurch entsteht ein dramatisches Gesamtbild, dass das Publikum emotional durch den Film trägt und gegen Ende mit einem überraschenden Twist auf sich warten lässt. Anders als in älteren Film zielt Weingartner mehr auf authentische Momente ab, eliminiert jeglichen Sarkasmus und schafft ein Drama im wahrsten Sinne des Wortes, dass durch ein ständiges auf und ab der Gefühle besticht. Lediglich gegen Ende des Films stellt sich eine gewisse Trägheit des thematischen Leitmotivs ein. Zwar versucht Weingartner durch einen Fluchtversuch Martins die Spannung noch einmal anzufachen, doch ist ein Scheitern von Anfang an vorhersehbar und das unumgängliche Schicksal Martins wird nur unnötig hinaus gezögert.

Wertung:
Die Summe meiner einzelnen Teile ist das Resultat von Hans Weingartners bisherigen Filmschaffens. Der Film ist reifer, das behandelte Motiv persönlicher und tiefgründiger als seine Vorgänger, wobei sich eine durchgehende Handschrift durchaus erkennen lässt. Der aufmüpfige Sarkasmus ist weitgehend verschwunden und einem akribisch-analytischen, aber auch ästhetischen Blick gewichen. Die gute Nachricht ist, dass Weingartner nach wie vor ein versierter Kritiker moderner Gesellschaftsmechanismen ist und dies gekonnt in Filmbilder zu übersetzen vermag. Die schlechte Nachricht ist, dass gerade jene Momente im Film die den einen in Lobgesänge ausarten lässt, vom anderen als langatmig interpretiert werden kann. Auf welche Seite man sich dabei letztendlich stellt, muss von jedem einzelnen selbst im Kino entschieden werden.

Wertung:
7/10 Punkte
Filmering.at
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Ø Wertung: 7/10 | Kritiken: 0 | Wertungen: 2
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