Spanien (2012)

OT: Spanien - 102 Minuten - Drama
Spanien (2012)
Kinostart: 23.03.2012
DVD-Start: Unbekannt - Blu-ray-Start: Unbekannt
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Filmkritik zu Spanien

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Anja Salomonowitzs Spanien liegt im ländlichen Niederösterreich und steht gleichzeitig symbolisch für ein Land in dem die Menschen noch Furcht vor Gott haben. Ähnlich wie die Bibel ist Spanien eine Migrationsgeschichte, eine mit religiösen Metaphern aufgeladene Liebesgeschichte mit realpolitischen Anklängen. Ein wortkarger „Pseudowestern“ zwischen Sehnsucht, Eifersucht und Spielsucht präsentiert in einer gelungenen Erzählform, aber mit überzeichneten Charakteren.

Drei Erzählstränge lässt Anja Salomonowitz zusammenfließen. Sava (Grégoire Colin) ist ein moldawischer Flüchtling, der eine Stange Geld hinblättern musste, um illegal aus seinem Heimatland nach Spanien geschmuggelt zu werden. Seine Reise endet jedoch abrupt auf halben Weg in Österreich, wo er fortan versucht die Verantwortlichen für seine missliche Lage zu finden. Zwischenzeitlich bestreitet er seinen Lebensunterhalt als Restaurator in einer kleinen pittoresken Kirche, wo er Magdalena (Tatjana Alexander) kennen lernt, eine durch ihre geschiedene Ehe zerrüttete Frau, die unentwegt von ihrem Ex-Mann Albert (Cornelius Obonya), einen sadistischen Fremdenpolizisten, terrorisiert wird. Und in einem Baukran über den Dächern von Wien sitzt der glückliche Familienvater Gabriel (Lukas Miko) dessen persönliches Glück am Unglück im Casino zu zerbrechen droht.

Anja Salomonowitz kommt vom politischen Dokumentarfilm und konnte zuletzt mit Kurz davor ist es passiert auf sich aufmerksam machen. Auch die ursprüngliche Idee zu Spanien wurzelt in einem geplanten Dokumentarfilm über binationale Paare und deren Konfrontationen mit der Fremdenpolizei. Im Laufe der Recherchen entschloss sich die Regisseurin allerdings die Problematik mit Hilfe fiktiver Figuren umzusetzen. Mit dem Schriftsteller Dimitré Dinev an ihrer Seite entstand das Drehbuch zu Spanien, ihrem Spielfilmdebüt.

Inhaltlich dreht sich der Film nicht nur um das Streben nach vermeidlichen Sehnsüchten und die damit verbundene Erfüllung im scheinbaren Glück, sondern auch um die sehr aktuellen realpolitischen Themen Flucht, Asyl, Migration und Abschiebungspolitik, verpackt in einem, seiner Transzendenz entledigten, biblischen Gewand. Die einzelnen Erzählstränge werden zu Beginn episodisch erzählt und fließen im Laufe des Films immer mehr ineinander. Es entsteht eine gewisse Gleichzeitigkeit der Geschehnisse die sich im Nachhinein als ein achronologisches Hintereinander entpuppt. Anfang und Ende des Films schließen sich wie ein Kreis und was bleibt ist eine metaphorische wie rhetorische Ellipse, dessen Logik sich dem Publikum erst am Ende offenbart und somit die Handlung gekonnt vorantreibt. Diese etwas atypische Erzählform ist einer der wichtigsten Spannungsträger des Films.

Der große Kritikpunkt setzt da an, wo die einzelnen Erzählstränge in die Charaktere münden. So interessant die Erzählform und schön deren Umsetzung in Filmbilder teilweise gelungen ist, so wirkt die konkrete Charakterausarbeitung überzeichnet. Albert, ein skrupelloser Fremdenpolizist, der seine fast schon in Perversion ausartende Eifersucht in seinem Beruf auslebt und dadurch als zynische Anspielung auf eine fragwürdige Abschiebungspolitik interpretiert werden soll. Magdalena als eine zu unrecht bezichtigte Hure die nicht nur seelisch sondern auch körperlich gebrannt markt ist und ihr stilles Leiden in die Augen von Ikonenportraits überträgt. Sava der kühle Fremde, der die scheinbare Ruhe des „Dorfes“ durch sein Multitalent als Handwerker und als unerbittlicher Outlaw in Aufruhr bringt. Und letztendlich Gabriel, ein Erzengel der an Spielsucht leidet, dem das Glück schon lange verlassen hat und deshalb auf immer dubiosere Weise versucht an Geld zu gelangen. Kurz gesagt es existiert ein Zuviel an Charakterfärbungen, die zu üppig, zu wenig authentisch umgesetzt werden. Derart gezeichnete Charaktere können in literarischer Form das potenzielle Publikum zu einer regen Imagination einer fesselnden Welt animieren, wirken in Filmbilder übersetzt allerdings unglaubwürdig und übertrieben stilisiert. Schade eigentlich, da der grundsätzliche Zugang zum Thema Fremdheit und Sehnsucht durchaus ambitioniert ist.

Die Dialoge beschränken sich auf das nötigste und werden durch einen dramatisch drückenden Soundtrack ergänzt. Der Großteil des Inhalts wird durch die Bildsprache getragen, dessen Grundkanon in einem exakt arrangierten Farbspektrum angesiedelt ist. Es dominieren Brauntöne, die einerseits gut zum ländlichen Idyll, zu Wärme, Tradition und einer gewissen Ruhe passen, andererseits aber mit Schmutz respektive Erniedrigung assoziiert werden können. Alles in allem schafft Salomonowitz auf der Bildebene ein harmonisches Gesamtbild das gewollt an einen Western erinnern lässt. Ein Western der nicht an einem weit entfernten Ort, in einer weit entfernten Zeit angesiedelt ist, sondern im Österreich der Jetztzeit.

Fazit:
Spielfilmdebüts sind immer etwas schwierig einzuordnen und in den seltensten Fällen die großen Überraschungen. Mit dem Schriftsteller Dimitrè Dinev und dem Schauspieler Grégoire Colin als international renommierten Star scheinen die Weichen zu einem potentiellen Erfolg gestellt, doch Spanien scheitert nicht zuletzt an gerade dieser großen Erwartungshaltung. Hebt sich die atypische Erzählform angenehm hervor, so schaffen es die überzeichneten Charaktere nicht ganz zu überzeugen. Der Film haftet zu sehr an einer etwas naiven Definition von Sehnsucht, Glück und Fremdheit und ist letztendlich ein mittelmäßiges Spielfilmdebüt, wenn auch ein ambitioniertes.

Wertung:
6/10 Punkte
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