Die Mühle & das Kreuz (2011)

OT: The Mill and the Cross - 92 Minuten - Drama / Geschichte
Die Mühle & das Kreuz (2011)
Kinostart: 02.03.2012
DVD-Start: 25.05.2012 - Blu-ray-Start: 25.05.2012
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Filmkritik zu Die Mühle & das Kreuz

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Der flämische Maler Pieter Bruegel schuf 1564 mit Die Kreuztragung Christi eines seiner berühmtesten Werke. Außergewöhnlich dabei ist, dass er die Passionsgeschichte nicht in Jerusalem stattfinden lässt, sondern im zeitgeschichtlichen Kontext der spanischen Besetzung der Niederlande und Flanderns, seiner Heimat mit allen gesellschaftlichen Unruhen, die später zum Achtzigjährigen Krieg führen, einbettet. Der polnische, kunstaffine Regisseur Lech Majewski nimmt die Analyse des Gemäldes, das im Moment im Naturhistorischen Museum in Wien zu betrachten ist, von Michael Francis Gibson als Vorlage und legt mit The Mill & The Cross ein Historien-Drama vor, in dem er das Bild wortwörtlich zum Leben erweckt und dabei mit einer visuell lebhaften Gestaltung so ganz nebenbei die Konventionen des Genres sprengt.

Im Jahr 1564 erhält Pieter Bruegel (Rutger Hauer) von dem reichen Antwerpener Kaufmann und Kunstsammler Nicolas Jonghelinck (Michael York) den Auftrag, die Kreuztragung Christi zu malen. Er nimmt den Auftrag an, doch will er nicht eine weitere von unzähligen Versionen der Passionsgeschichte liefern, sondern etwas Besonderes schaffen: Ein Bild, das eine Vielzahl von Geschichten erzählt und das groß genug ist, hunderte von Menschen aufzunehmen. Aber vor allem soll die Kreuzigungsgeschichte nicht im Heiligen Land, sondern in seiner flämischen Heimat spielen. Also geht Bruegel hinaus zu den Menschen auf den Höfen, Feldern und Märkten, um nach diesen Geschichten in einem Land zu suchen, das unter spanischer Herrschaft steht und in dem die Inquisitoren erbarmungslos wüten. Er hält alles in seinen Skizzen fest und beginnt auf diese Weise, die Schicksale von unzähligen Menschen virtuos miteinander zu verflechten..

Gleich von Beginn an wird der Zuseher mit der speziellen Lesart von The Mill & The Cross vertraut gemacht. Die Kamera gleitet bedächtig von links nach rechts und wieder zurück. In der Zwischenzeit können sich die Augen an den artifiziellen Charakter der visuellen Gestaltung gewöhnen: Während im Vordergrund die Schauspieler auf einer Bühne in einer scheinbaren Zweidimensionalität agieren ist der Hintergrund deutlich aus dem Computer entsprungen. In der nächsten Szene offenbart sich schließlich die Absicht des Regisseurs: Er nimmt Bruegels Bild und ersetzt die darin enthaltenen Figuren überwiegend mit echten Schauspielern, die durch ihre Bewegung im Bild wie Fremdkörper wirken. Der Effekt wird zusätzlich durch eine enorme Tiefenschärfe unterstützt, wobei Majewski hier der Intention Bruegels, selbst in der Tiefe des Bildes das Interesse des Betrachters zu beanspruchen, nachkommt. Nicht zuletzt sorgt das sorgfältig gesetzte weiche Licht für einen künstlichen Verfremdungseffekt, hebt es doch die Zweidimensionalität der Figuren auf und lässt sie plastischer erscheinen.

Charlotte Rampling nimmt noch weniger Platz in The Mill & The Cross ein als ihr Kollege Rutger Hauer. Als Mutter Jesu beklagt sie, überwiegend monologisch, mit einer vorwurfsvoll-trostlosen Mimik die Geschehnisse. Bis auf Michael York, der als Kaufmann mit Bruegel in die einzigen Dialoge tritt, haben alle weiteren Figuren keine Sprechrollen. Von den weit über hundert Personen auf dem Bild, legt sich der Fokus auf ungefähr ein Dutzend davon. In detailverliebte, historische Kostüme gehüllt, geht jede Figur ihrer eigentümlichen Handlung nach, die für den Zuseher anfänglich nicht immer nachvollziehbar ist. Denn dort wo die berauschende Bildsprache einsetzt, setzt die Narration fast zwangsläufig aus.

Abgesehen davon, dass die Charaktere zumeist nur in Monologen zu Wort kommen, erschweren die unzusammenhängenden, episodenhaft anmutenden Handlungsstränge eine kohärente Erzählung. Zusätzlich erschließen sich einige Handlungszusammenhänge erst über weite Strecken, die zusammen mit beinah unmerklichen Zeitsprüngen ein überaus komplexes narratives Gerüst bilden. Bruegel (Rutger Hauer) verbindet als Schöpfer die Geschichten der einzelnen Figuren und teilt mit einer vorläufigen Skizze des Bildes dem Zuseher seine Absichten monologisch mit. Während den einzelnen Abhandlungen erscheint er immer wieder als Chronist der Ereignisse im Bild. Spätestens als er den Müller hoch oben auf dem Gipfel anweist, die Windräder der Mühle mit einer bloßen Geste zu stoppen und somit die Zeit anzuhalten, wird er seiner Funktion gerecht. Als ganz besonderer Kniff kristallisiert sich schließlich die letzte Einstellung heraus, in welcher der Zuseher in einer sukzessiven Rückwärtsbewegung die Eindrücke verorten kann und der Regisseur eindeutig Stellung bezieht.

Fazit:
Mit seiner virtuos-visuellen Umsetzung und einer vollendeten Bildkomposition ist The Mill & The Cross Fest für die Augen. Der Regisseur inszeniert die komplexe Bildsprache Bruegels mutig in einer hybriden Form, welche die Möglichkeiten der Digitalisierung förmlich greifbar macht. Der interdisziplinäre Ansatz ist ihm, zumindest auf visueller Ebene, geglückt. Denn ohne einem Zugang zur Kunstgeschichte, zur Malerei, zur Passionsgeschichte oder einer ausgeprägten visuellen Wahrnehmung, kann der tableauhafte Film sehr schnell, sehr befremdlich wirken. Wie Bruegel selbst, schafft Majewski mit The Mill & The Cross ein Kunstwerk. Mit einer riesigen Interpretationsebene, so gut wie keinen Dialogen und einer äußerst rudimentären Dramaturgie lotet der Regisseur die Toleranz der Zuseher aus. Doch für jeden, der sich schon einmal beim Betrachten eines Kunsthistorischen Gemäldes die Frage nach der Geschichte hinter dem Bild gestellt hat, bekommt mit The Mill & The Cross eine, mehr oder weniger befriedigende, Antwort.

Wertung:
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