Kriegerin (2011)

OT: Kriegerin - 100 Minuten - Drama
Kriegerin (2011)
Kinostart: 24.02.2012
DVD-Start: 04.09.2012 - Blu-ray-Start: 04.09.2012
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Filmkritik zu Kriegerin

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NPD-Verbot. Zwickauer Zelle. Terror-Alarm. In Deutschland ist erneut eine großflächige Debatte über den Rechtsextremismus ausgebrochen, der in regelmäßigen Abständen immer wieder Konjunktur zu haben scheint. Genau im richtigen Moment erscheint Kriegerin, ein Portrait zweier Mädchen, die sich im rechten Milieu wiederfinden. Dieses Timing zeigt, dass der Handlungsbedarf nicht nur auf politischer und sozialer Ebene, sondern auch beim Filmemachen gefragt ist: Der Regie-Neuling und Drehbuchautor David Wnendt geht in seinem Abschlussfilm der Hochschule für Film und Fernsehen Potsdam-Babelsberg der zentralen Frage der Ursache der rechten Strömung nach. Im Mikrokosmos eines ostdeutschen Dorfes zeigt er eine Neonazi-Gruppe und legt dabei besondere Aufmerksamkeit auf eine individuelle weibliche Sichtweise in einer ausnahmslos patriarchalisch dominierten Struktur. Der Regisseur stößt dabei auf komplexe Familiendynamiken und orientierungslose Teenager die sich nach Zugehörigkeit sehnen und dabei übersehen, dass Rechtsextremismus der Realität nicht standhalten kann.

Jung, weiblich, rechtsradikal. Marisa (20) ist Teil einer Jugendclique der rechtsextremen Szene in einer ostdeutschen Kleinstadt. Auf ihrer Schulter hat sie „Skingirl“ tätowiert, vorne ein Hakenkreuz. Marisa schlägt zu, wenn ihr jemand dumm kommt. Sie hasst Ausländer, Schwarze, Politiker, Juden und die Polizei. In Marisas Augen sind sie alle schuld. Sie sind schuld daran, dass ihr Freund im Knast sitzt und alles um sie herum den Bach runter geht: Ihr Leben, ihre Stadt, das Land und die ganze Welt. In diesem Sommer wird sich alles ändern. Svenja, ein junges Mädchen, stößt zur Clique und geht Marisa gehörig auf die Nerven. Marisa und ihre Clique geraten mit Jamil und Rasul aneinander – zwei jungen Asylbewerbern, die hier in der Provinz gestrandet sind. Der Streit eskaliert, Marisa ist nicht zu bremsen. Ohne es zu ahnen löst sie eine Kette von Ereignissen aus, die alles komplett auf den Kopf stellen. Während Svenja immer tiefer in die rechte Szene rutscht, gerät Marisas Weltbild ins Wanken. Sie beginnt sich zu ändern, doch der Weg raus wird härter als sie ahnt.

Nach eigener Aussage, hat sich der Regisseur tief in das dargestellte Milieu hineinbegeben, der Film sei nach eingehenden Gesprächen mit jungen Frauen der Szene und Recherchearbeit entstanden. Aus den Fragmenten des gesammelten Materials setzt Wnendt Stück für Stück die Figur Marisa zusammen. Bei ihrer Betrachtung stellt sich bald die Erkenntnis ein, dass man ihre Figur nicht anders eingeschätzt hätte. Und nicht nur sie, sondern durch die Bank werden die Charaktere so gezeichnet, wie man sie sich eben so vorstellt. Auch die Handlungsmotive liefern keine neuen Erkenntnisse. Das führt unweigerliche dazu, dass sich die Frage nach der Klischeehaftigkeit aufdrängt. Unter Berücksichtigung der eingehenden Recherche und Auseinandersetzung des Regisseurs mit dem Thema, dürften die Klischees in der Realität verortet sein und damit durchaus berechtigt sein.

Die Zügel in der Hand haben die Nachwuchsschauspieler. Alin Levshin gelingt eine erschütternde wie differenzierte Darstellung eines jungen und zornigen Mädchens, das mit dem Tod ihrer einzigen Bezugsperson in eine Identitätskrise stürzt. Man entwickelt gegenüber der burschikosen Protagonistin anfänglich eine so enorme Aversion, dass eine sympathische Umkehrung bis zum Ende hin unmöglich scheint. Nach und nach beginnen die unhaltbaren Grundfesten der rechten Ideologie zu bröckeln und sie erkennt, das ihre rechte Gesinnung der Realität nicht standhalten kann. Jede Entwicklungsebene vermittelt die ausgezeichnete Schauspielerin glaubwürdig, in jeder Entwicklungsphase trotzt sie dem Zuseher mehr und mehr Sympathie ab. Selbst dann, wenn das Drehbuch zu ihren Gunsten einknickt, macht sie eine gute Figur, ungeachtet eines deutlich konstruierten Handlungsverlaufs. Ihre Kollegin Jella Haase zieht schauspielerisch angespornt nach. Das Drehbuch scheint ihrem pubertären Charakter gnädiger zu sein. Aus dem konservativen Elternhaus nach Zugehörigkeit sehnend, findet sie Trost in der rechten Clique der Ausgestoßenen. Und auch die Darstellungen innerhalb der Clique sind, angeführt von einem furchteinflößenden Gerdy Zint, zu jedem Zeitpunkt authentisch.

Der Authentizitätsanspruch manifestiert sich in der Handkamera-Ästhetik und der Optik von Handyaufnahmen, die, ungeachtet der Relevanz für die Erzählung, den Zuseher in die Clique hineinreißen, ihn am Geschehen teilhaben lassen. Der verwackelte Stil wechselt sich mit einer ruhigen Kameraführung ausgeglichen ab, sodass eine strapazierende Überbeanspruchung so gut wie nicht stattfindet. Wer sich am, mittlerweile schon konventionellen, halbdokumentarischen Stil nicht stört, kann sich auf die Geschichte konzentrieren.

Fazit:
Dem Regisseur ist mit Hilfe seiner beeindruckenden Darstellerinnen ein wichtiger Film gelungen. Ungeachtet der etwas holprigen Dramaturgie im letzten Drittel greift Kriegerin eine Thematik auf, deren Aufmerksamkeit, nicht zuletzt durch die aktuellen Ereignisse, unbedingt gefordert ist. Stilistisch zurückgenommen, konzentriert sich der Film auf die Brisanz des Stoffes, während die Kamera den Figuren bedrohlich nahe kommt. In dieser Nähe offenbart sich die perspektivlose Verwahrlosung, der Hass der Figuren und differenzierte Darstellung der Schauspieler. Wendt lässt bei der Skizzierung der Charaktere den Finger rücksichtsvoll unten, erhebt ihn zu keinem Zeitpunkt. Er behält die Übersicht und lässt die vermutlich wichtigsten Faktoren, wie komplexe Familiendynamiken und ungünstige Umwelteinflüsse, nicht außen vor. Bei aller Brutalität und Ignoranz des Milieus ist seine sensible und menschliche Herangehensweise die einzig Richtige. Bleibt zu hoffen, dass Kriegerin ein breites Publikum findet und in der Öffentlichkeit die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit dem Thema erkannt wird.

Wertung:
8/10 Punkte
Filmering.at
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