Der Junge mit dem Fahrrad (2011)

Der Junge mit dem Fahrrad
Der Junge mit dem Fahrrad
OT: Le gamin au vélo

Filmstart: 10.02.2012 | Laufzeit: | Drama
DerJungemitdemFahrrad-Scene01Die Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne sind seit fast fünfzehn Jahren quasi Stammgäste bei den Filmfestspielen in Cannes. Zweimal durften sie bereits die Goldene Palme mit in ihre belgische Heimat nehmen – 1999 für „Rosetta“ und 2005 für „Das Kind“ – und auch mit zahlreichen anderen Preisen wurden sie auf dem Festival an der Cote d’Azure bedacht. 2011 erhielten sie nun für ihr packendes, teils sogar spannendes Sozialdrama „Der Junge mit dem Fahrrad“ den Großen Preis der Jury. Ihre verwackelte Handkameraarbeit ist etwas ruhiger geworden, die Hintergrundgeräusche leiser, aber erzählerisch bleiben sie ganz und gar ihrem Stil treu. Mit viel Feingefühl und hohem Realitätsanspruch verfolgen sie das Schicksal eines wütenden Jungen aus der untersten sozialen Schicht.

Der aggressive zwölfjährige Cyril (Thomas Doret) macht den Betreuern in seinem Kinderheim tagtäglich das Leben schwer. Immer wieder bricht er aus, um sich in der Plattenbausiedlung auf die Suche nach seinem Vater Guy (Jeremy Renier) und seinem Fahrrad zu machen. Der ist vor einem Monat umgezogen, hat keine Nachricht hinterlassen und Cyrils geliebtes Mountainbike einfach verkauft. Als die Friseurin Samantha (Cecile de France) den wütenden Jungen sieht, kauft sie ihm kurzerhand das Fahrrad zurück, nimmt ihn als Pflegekind am Wochenende bei sich auf und hilft ihm, Guys neuen Wohnort ausfindig zu machen. Doch ihre Hilfsbereitschaft wird immer wieder auf die Probe gestellt...

DerJungemitdemFahrrad-Scene0287 Minuten verfolgt der Zuseher den zwölfjährigen Cyril und ist im wahrsten Sinne des Wortes immer hautnah dabei. Die Kamera und damit alle Augen sind stets auf den Protagonisten gerichtet. Daher musste das Regieduo Dardenne erst einmal einen Jungdarsteller finden, der einen ganzen Film stemmen kann. Thomas Dardet wurde aus über 100 Bewerbern ausgewählt und meistert die Aufgabe mit Bravour. In den zahlreichen Nahaufnahmen ist die Enttäuschung und Wut in seinen Augen stets abzulesen. Am intensivsten sind diese Emotionen gleich in der ersten halben Stunde, wenn sich Cyril auf die unermüdliche Suche nach seinem Vater begibt und sich dabei sogar verpflichtet fühlt, andere zu belügen, um sein eigenes Bild vom väterlichen Helden nicht zu zerstören. Das Aufeinandertreffen der beiden ist zugleich der packende Höhepunkt des Sozialdramas und danach gelingt es dem Film leider nicht mehr ganz in großem Stil zu berühren. Denn bis dahin hat man die Taten und Wutausbrüche des kleinen Protagonisten verstanden. Doch nachdem ihn Samantha bei sich aufnimmt und ihm quasi das erste Mal in seinem Leben ein Elternteil ist, stößt seine Figur mehr auf Unverständnis als auf Mitleid. So sieht man in Cyril allmählich nur mehr einen wütenden Jungen, der sich von einem Desaster ins Nächste manövriert und kommt nicht drum umher, ihn irgendwann als undankbar abzustempeln. Cecile Dr France  verleiht ihrer Ziehmutter im krassen Kontrast solch eine Güte und Geduld, dass sie mit ihren blonden Haaren und sanften Gesichtszügen fast engelhaft wirkt. So hat sie stets alle Sympathien auf ihrer Seite.

Jean-Pierre und Luc Dardenne zeigen ihrem Publikum einmal mehr das Leben von Menschen, die der unteren sozialen Schicht angehören, ohne dabei zu werten. Als Kulisse dient ihnen eine Plattenbausiedlung, in der nicht einmal die Kinder harmlos spielen und sich gegenseitig bestehlen, belügen und ausnützen. Immer wieder muss Cycil eine fast rasante Verfolgungsjagd auf sich nehmen, um sein geliebtes Fahrrad zu behalten. Mit seinen dynamischen Bildern erzeugt der Film stellenweise sogar eine sehr spannende Atmosphäre. Diese spitzt sich gegen Ende zu, als sich der Spieß umdreht und Cyril mit seinem Rad zum Gejagten wird. Dabei braucht das belgische Regiegespann keine fulminante Musik oder pathetisches Schauspiel – die Spannung und die Emotionen schöpfen sie aus der Realität, denn eigentlich kann sich all das genau so zutragen.

Fazit:
Das Regieduo Dardenne liefert ein packendes Sozialdrama mit einem talentierten jungen Protagonisten ab. Zwar berührt die erste Filmhälfte deutlich mehr als die zweite, allerdings geht der Film mit seinem buchstäblich „atemberaubenden“ Ende sicher an keinem spurlos vorüber.

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